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Geißler und seine Zeit 1876 bis 1957 von Borik, Susanna (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.03.2014
  • Verlag: novum pro Verlag
eBook (ePUB)
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Geißler und seine Zeit

Susanna Borik zeichnet ein beeindruckendes Bild des 10. Wiener Gemeindebezirkes vom 19. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Der 10. Bezirk erhielt den Namen Favoriten nach dem kleinen Lustschlössel der Kaiserin Maria Theresia. Am Keplerplatz wurden eine Kirche und ein schönes Gemeindehaus in Ziegelbau errichtet. Dieses Gemeindehaus war gleichzeitig die erste Schule von Favoriten. Alle Leute, die ein wenig Geld hatten und geschäftstüchtig waren, wurden im Laufe der Jahre angesehene Geschäftsleute (Greißler, Wirte, Fleischhauer und Selcher) und Hausbesitzer. Der Wohlstand Favoritens blühte auf. Zitat von Emil Geißler: Jahrgang 1876 Um den Nachkommen meiner Familie eine Beschreibung aus der Zeit von 1876 bis 1957 zu geben, habe ich mir die Mühe gemacht, alle meine Erlebnisse in jahrelanger Arbeit schriftlich zu dokumentieren. Weiters würde ich es für richtig finden, dass diese Aufzeichnungen nicht zu früh in die Hände unserer minderjährigen Kinder kommen, sodass diese im Buch beschriebenen Streiche nicht nachgemacht werden. Zitat von Susanna Borik : Jahrgang 1930 (Enkeltochter von Geißler) Ich bekam aus dem Nachlass meiner Mutter, geborene Anna Geißler, die handgeschriebenen Manuskripte in Originalfassung. Da ich sah, dass diese zwei Handbücher in der damals üblichen Kurrentschrift mit Tinte und Feder geschrieben waren, habe ich mich entschlossen, diese wertvollen Aufzeichnungen in eine für unsere Generation lesbare Druckschrift zu übertragen. Einerseits wollte ich dem Wunsch meines Großvaters gerecht werden und seine Lebensgeschichte für die Familie erhalten. Anderseits wurde mir bei dieser Arbeit klar, dass es sinnvoll wäre, auch andere Menschen zu informieren, wie schwer das Leben in der Zeit um die Jahrhundertwende war und dass diese Informationen nicht verloren gehen sollten.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 338
    Erscheinungsdatum: 21.03.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783990382363
    Verlag: novum pro Verlag
    Größe: 1013 kBytes
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Geißler und seine Zeit

II. Handelsschule und Lehrzeit

Nach Beendigung der Bürgerschule kam ich für ein Jahr in die Handelsschule Patzelt im vierten Bezirk, Salvatorgasse Nr. 10.

In der Handelsschule lernt man alles, was ein halbwegs intelligenter Mensch wissen soll und muss, um geschäftstüchtig zu werden. Ich kann nur jedem Burschen raten, eine Handelsschule zu besuchen, vorausgesetzt, die Eltern können das ziemlich hohe Schulgeld, die Lehrbücher und die Fahrtspesen zu bezahlen.

Unser Lehrplan beinhaltete als Hauptgegenstände: Buchhaltung, Warenkunde, Geografie, Stenografie, etc.

Der Lehrbetrieb in dieser Handelsschule freute mich weit mehr als der in der Bürgerschule. Es gab keine Strafaufgaben und auch keinen §10. Ich lernte recht fleißig und bekam ein schönes Abschlusszeugnis.

Zum Ende meiner Handelsschulzeit wurde von der Firma Weiss in der Wielandgasse im 10. Bezirk ein Handelsschüler mit guter Bewertung angefordert. Die Firma Weiss war im 10. Bezirk bekannt unter dem Namen "Spiritus-Weiss". Man produzierte dort alle möglichen Essenzen, Schnäpse und auch Essig.

Meine Mutter war in diesem Geschäft ein guter Kunde. Eines Tages sagte Herr Weiss zu ihr: "Liebe Frau Geißler, ich habe einen Handelsschüler angefordert, der heißt auch Geißler, ist das vielleicht ihr Sohn?" Mutter erwiderte: "Freilich ist das mein Sohn." Herr Weiss meinte weiter: "Sie sind eine brave, anständige Frau und eine gute Kundin. Wenn ihr Sohn bei uns eintritt, werde ich dafür sorgen, dass es ihm bei uns gut geht und er ein tüchtiger Kaufmann wird." Aber zu meinem Glück kam es ganz anders!

Ich hatte einen guten Freund, den Rudolf Peschitak, dieser war ein Verwandter von unserem böhmischen Greißler im Elternhaus. Der Rudolf war um ein Jahr älter als ich und lernte beim Baumeister Karl Holzmann das Maurerhandwerk.

Es wurde damals Ecke Weyringergasse/Favoritenstraße, gegenüber dem Kaffee Kolschitzky, ein großes Haus gebaut. Der Rudolf hat dort auf der Baustelle gearbeitet, und weil er ein Freund von mir war, sagte er: "Geh, Emil, du wirst doch kein Federfuchser werden, und noch dazu bei einer Judenfirma. Geh gar nicht erst hin zum Spiritus-Weiss, sondern lerne bei unserem Baumeister die Maurerei. Du bist ein guter Zeichner und wirst mit den Jahren Bautechniker oder vielleicht sogar Architekt und Baumeister werden." Ich überlegte nicht lange und fand, dass der Rudolf recht hatte.

Am Sonntag in der Früh gingen wir in die Eisenhandlung Bartels, wo Rudolf als Fachmann für mich das nötige Werkzeug kaufte. Wir trugen alles zu Rudolf nach Hause, damit meine Mutter nicht gleich fragte, wozu ich denn das ganze Klumpert brauche.

Am Montag früh hätte ich im Comptoir der Firma Weiss anfangen sollen, aber ich ging nicht hin, sondern mit meinen Freund Rudolf zur großen Eckbaustelle. Er stellte mich dem Hauptpolier Johann Helget vor und gab ihm zu verstehen, dass ich Maurer werden möchte.

Da ich die vorgesehene Stelle beim Spirituosenhändler nicht antrat, schickte Herr Weiss zweimal einen Boten zu meiner Mutter und ließ fragen, was denn los sei, warum ich nicht zur Arbeit käme. Meine Mutter sagte zu den Boten, sie habe keine Ahnung, wo ich sei. Ich sei schon früh am Morgen weggegangen und auch zu Mittag nicht nach Hause gekommen. Sie mache sich selbst schon große Sorgen, wo ich denn sein könnte.

Ich kam erst abends um sieben Uhr nach Hause. Mutter sagte: "Um Gottes willen, wo warst

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