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Haus der Nonna Aus einer Kindheit im Tessin von Schubiger-Cedraschi, Joli (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.04.2016
  • Verlag: Limmat Verlag
eBook (ePUB)
26,99 €
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Haus der Nonna

Im Jahr 1939 bringt der Vater die vierjährige Joli Cedraschi aus Zürich ins Tessiner Dorf zu den Grosseltern. Berufliche Aussichten haben ihn wie andere Väter in die grosse Stadt ziehen lassen, zurück blieben die Kinder, die Frauen und die Alten. In "Haus der Nonna" erzählt sie von den drei Jahren im Mendrisiotto. Im Mittelpunkt der Erinnerungen an die Kindheitsjahre 1939 bis 1941 im Tessiner Dorf steht Nonna Vittoria, die Grossmutter, um die alles kreist, die befiehlt und sagt, wo's langgeht, die weiss, was richtig und was falsch ist, was guttut und was schaden kann. Neben ihr Nonno Pepp, der Grossvater mit den Beziehungen zur Welt ausserhalb des Dorfes, der in der deutschen und französischen Schweiz gewesen ist, der im Weinberg die Reben spritzt, mit den Männern im Wirtshaus sitzt und der kleinen Enkelin - unter Protest der Nonna - derbe Geschichten von allerlei Spitzbuben erzählt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 144
    Erscheinungsdatum: 08.04.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783038550563
    Verlag: Limmat Verlag
    Größe: 1076kBytes
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Haus der Nonna

Briefe der Nonna. Ruhiger Abend und verwunschener Morgen. Die "sciuri".

Jede Woche schrieb die Nonna meinem Vater einen Brief. Aus einem Schrank, in dem sie auch das Gebetbuch und den schwarzen Schleier für die Kirche aufbewahrte, nahm sie Feder und Tinte. Dann setzte sie sich eine Brille auf. Es war ihr nicht wichtig, ob es die eigene Brille war oder die von Nonno Pepp. Sie schrieb sehr langsam und in klaren Formen auf einen linierten Schreibblock. Die Augen hatte sie dabei fast auf dem Papier.

Ich weiss, dass ihre Blätter in Zürich dann lange auf dem Küchenschrank herumlagen. Meine Mutter räumte sie schliesslich zusammen mit alten Zeitungen weg. Ein paar Briefe aber hat mein Vater aufbewahrt. Sie fangen mit Sätzen an wie: "Endlich komme ich da zu, Euch Mitteilung zu machen, dass es der Joli sehr gut geht", und schliessen mit Küssen für meine Mutter, la Pina, und für meine beiden Schwestern und mit einem "besonderen Gruss" für meinen Vater von der "Mama Vittoria". Wie sehr es mich schmerzte, dass meine Mutter mich wegfahren liess, während sie meine Schwestern in ihrer Nähe behielt, habe ich erst aus diesen Briefen wieder erfahren.

Die Nonna erkundigte sich regelmässig nach der Gesundheit meiner Mutter und gab Ratschläge. Sie fragte auch, wie es mit den Händen meines Vaters stehe, die jeden Winter von der Kälte tiefe Risse bekamen. "Es ist nicht gut, dass Du trockenes Brot zu Mittag isst", schreibt sie einmal. Sie schickte Pakete nach Zürich mit Borlottibohnen, mit Mais, Kochspeck, Trauben, Kastanien und manchmal auch mit Mehl und ge schmuggeltem Reis. In einem Brief vom 4. November 1940 schreibt sie: "Es ist gut, auch für die Kinder, immer eine Minestra zu haben. Aber jetzt, wo alles knapp ist, weiss ich nicht, wie Ihr es macht. Traurige Zeiten! Das Leben ist so teuer, auch für uns. Aber wenn ich denke, dass Ihr alles kaufen müsst! Lasst es den Kindern nicht am Nötigsten fehlen. Und nehmt alles mit Geduld."

Ich habe im Tessin ausser der Nonna und Zia Lisa keine alte Frau gekannt, die lesen und schreiben konnte. Zia Maria beispielsweise wusste mit Buchstaben gar nichts anzufangen. Es heisst, die Nonna sei nur etwa drei Jahre, bis zum Tod ihrer Mutter, zur Schule gegangen. Dass Nonno Pepp und seine Brüder besser lesen, schreiben und rechnen konnten als die Frauen, hatten sie vor allem Pá Cesar zu verdanken. Nach jedem Nachtessen, während die Frauen und Mädchen das Geschirr abräumten und spülten, soll er mit ihnen den Schulstoff repetiert haben.

Viele Leute konnten damals nur gerade ihren Na men schreiben. Einige hatten die Buchstaben, die es da zu brauchte, erst vor ihrer Heirat zeichnen gelernt. Sie wollten den Eheschein nicht mit einem simplen Kreuz unterschreiben. Ziu Tugnín hat von einem Analphabeten erzählt, den man in der Osteria häufig über einer ausgefalteten Zeitung sah. Er gab vor, lesen zu können. Einmal soll er die Zeitung verkehrt herum ge halten haben. Der Eisenbahnzug, der darin abgebildet war, hatte die Räder oben, die Dächer unten. Der Mann hielt das Bild für die Darstellung eines Zugunglücks und verbreitete eine schreckliche Nachricht.

Wenn die Nonna schliesslich den fertigen Brief in den Umschlag steckte, war es meist schon recht spät. Hie und da durfte ich einen Gruss daruntersetzen. Ich hielt die Feder, und sie führte meine Hand. Dann war es Zeit für unser gemeinsames Fussbad. Wir gingen je den Tag in offenen Holzschuhen auf das Feld und hat ten abends Erdkrusten an unseren Füssen. Die Nonna goss heisses Wasser, in dem sie vorher oft schon Kartoffeln für die Hühner weichgekocht hatte, in ein altes Blechbecken. Sie sass breitbeinig auf einem niedrigen Stuhl. Der schwarze Rock und die beiden Halbschürzen lagen in einem Wulst über ihren Knien. Ich sass auf dem steinernen Sockel des Kamins und hatte meine Füsse zwischen den ihren. In der Glut stand ein Pfännchen mit frischem Wasser für den Kamillentee, den wir vor dem Schlafengehen tranken.

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