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Hinter Gittern Mein Leben im Männerknast von Pfander, Marlise (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2016
  • Verlag: Wörterseh Verlag
eBook (ePUB)

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Hinter Gittern

Arbeiterkind, kaufmännische Angestellte, Ehefrau, Mutter und mit 54 Jahren Quereinsteigerin in ein ganz anderes Metier und somit späte Karrierefrau: Marlise Pfander, 1950 in Bern geboren, amtete bis zu ihrer Pensionierung 2013 neun Jahre lang als Direktorin des Regionalgefängnisses Bern (RGB). Damit drang sie gleich doppelt in eine Männerdomäne ein: Zum einen beäugten die übrigen Gefängnisleiter der Schweiz die Ankunft einer weiblichen Kollegin mehr als kritisch. Zum anderen galt das RGB, in das auch ein Ausschaffungsgefängnis integriert ist, als schwieriger 'Männerknast'. Die harten Bedingungen in der Untersuchungshaft (das RGB ist kein Vollzugs-, sondern ein Untersuchungsgefängnis) konfrontierten Marlise Pfander mit menschlichen und organisatorischen Problemen, die jahrzehntelang als unlösbar galten. Mit viel Herz und großem Verstand krempelte sie, die bald schon 's Chischte-Mami' genannt wurde, den als 'Pulverfass' bezeichneten Betrieb um. Sie entwickelte neue Strategien, schuf damit bessere Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeitenden und optimierte den Alltag der Inhaftierten, die der ungewöhnlichen Chefin bald Vertrauen und Respekt entgegenbrachten. 'Hinter Gittern' ist die Biografie einer ungewöhnlichen Frau und gibt dank verschiedenen Portraits von Mitarbeitenden des RGB, aber auch von Schwerverbrechern einen tiefen Einblick in den bisher wenig bekannten Mikrokosmos 'Gefängnis'. Marlise Pfander, geb. 1950 in Bern, liess sich zur kaufmännischen Angestellten ausbilden, sorgte später für ihre Familie und stieg mit vierzig Jahren wieder ins Berufsleben ein - beim Migrationsdienst. Von dort aus bewarb sie sich Jahre später für die Stelle als Direktorin des Regionalgefängnisses Bern (RGB) und wurde eingestellt. Ein Karrieresprung, der heute ohne Hochschulabschluss wohl nicht mehr denkbar wäre. Kurz vor Ihrer Pensionierung 2013 erhielt sie von der Autorin Franziska K. Müller die Anfrage, ob sie ihre Biografie schreiben dürfe. Marlise Pfander sagte in erster Linie zu, weil sie der breiten Öffentlichkeit einen Einblick in den wenig bekannten Mikrokosmos 'Gefängnis' geben wollte. In zweiter Linie aber auch, weil sie zeigen möchte, dass es beim Führen von Menschen, in ihrem Fall Mitarbeitende und Gefangene, und dem Führen eines grossen Betriebes nicht nur den Kopf braucht, sondern auch Herzensbildung. Marlise Pfander lebt in Bern.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 232
    Erscheinungsdatum: 01.07.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783037635667
    Verlag: Wörterseh Verlag
    Größe: 5286 kBytes
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Hinter Gittern

Recht und Unrecht

Du sollst nicht stehlen, nicht töten, nicht rauben. Ich bin sechsjährig und höre dem Großvater zu. Er arbeitet als Sigrist in einer reformierten Kirche und lebt mit unserer Familie unter einem Dach. Ich stamme aus dem Arbeitermilieu. Der Vater war Maler, die Mutter blieb nach der Heirat ebenfalls voll berufstätig. In den 1950er- und frühen Sechzigerjahren galt dieses Familienmodell weder als fortschrittlich noch als emanzipiert, sondern deutete eher darauf hin, dass ein einziger Verdienst nicht ausreichte, um eine fünfköpfige Familie über die Runden zu bringen. Mutter war bei der Geburt meiner Zwillingsschwestern erst zwanzig Jahre alt, und nur achtzehn Monate später kam ich zur Welt. Die jungen Eltern, fleißig und sparsam, schafften es, dass die Mahlzeiten regelmäßig auf den Tisch gelangten, für mehr reichten die beiden Verdienste nicht aus. Um eine häusliche Gemütlichkeit zu kreieren, fehlte es Mutter an Zeit und Muße. In den wenigen Stunden, die sie zu Hause verbrachte, verarbeitete sie Kartoffeln und Gemüse zu Mahlzeiten, die am Abend und in der kurzen Mittagspause des folgenden Tages verzehrt wurden.

Die Zeitschriften hingegen proklamierten ein bürgerliches Ideal, das ich nicht kannte und somit auch nicht verstand, jedoch bewunderte: Frauen in gebügelten Rüschenschürzen standen vor modernen Haushaltsgeräten. Ein knuspriger Truthahn brutzelte im Ofen. Ein elektrisches Handrührgerät schlug luftige Sahne, die eine kunstvoll geschichtete Torte bedeckte. Pastellfarbene Einbauküchen waren der Traum jeder Hausfrau. Das Kochen, Saubermachen, Waschen, Bügeln und Nähen wurde niemals in Eile oder missmutig erledigt. Die vielfältige Perfektion zielte auf die Zufriedenheit eines Ehemannes, der in Anzug und Schlips nach Hause kam und seine strahlende Gattin für das gelungene Tageswerk lobte. Die Zeitschriften-Mütter schoben fröhliche Babys durch den Park, sie besuchten den Spielplatz oder den Zoo. Sie saßen mit den älteren Söhnen und Töchtern am Küchentisch. Sie brachten ihnen die Rechtschreibung bei, halfen geduldig bei kniffligen Rechenaufgaben, und um Punkt vier Uhr bekamen diese Kinder ein Glas Milch und einen blank polierten Apfel serviert.

Solche Fürsorglichkeit war meinen Schwestern und mir fremd. Mehrheitlich auf uns allein gestellt, verbrachten wir die Tage so ähnlich wie viele andere Kinder aus der Siedlung: ohne elterliche Anleitung zum Glücklichsein. Was uns Vater und Mutter an Umsicht und familiärem Zusammenhalt nicht geben konnten, fanden Regina, Therese und ich beieinander, und diese Verbundenheit dauert an. Bis zum heutigen Tag sind wir beste Freundinnen geblieben. Als Kinder retteten wir uns selbst, und im Nachhinein betrachtet, ist es diesem schwesterlichen Verbund aus nie enttäuschtem Wohlwollen und inniger Zuneigung zu verdanken, dass sich unser Seelenleben gut entwickeln konnte. Zusammen streiften wir durch Wälder und über Felder. Mit selbst gebasteltem Pfeil und Bogen eroberten wir in unserer kindlichen Fantasie ganze Ländereien und sprangen im Sommer kreischend in die smaragdgrüne Aare. Wir kamen ohne viel Spielzeug aus, und dass Geburtstage, Weihnachten und Ostern nicht oder nur reduziert gefeiert wurden, lag wohl auch daran, dass Mutter und Vater vom Wirtschaftsaufschwung jener Jahre nicht profitieren konnten. Während meine Schwestern bald für den organisatorischen Ablauf des Haushalts zuständig waren, kümmerte ich mich um die Gerechtigkeit und anstehende Entscheidungen, die es zu fällen gab. Egal, ob sich Kameraden, Lehrer oder entfernte Familienangehörige gegen Regina und Therese richteten: Geschah den Schwestern Unrecht, mischte ich mich ein, verlangte Gespräche, ging den Gründen der Missachtung auf die Spur, ließ mich weder einschüchtern noch abwimmeln.

Was Recht und Unrecht ist, lernte ich von meinem Großvater, den ich liebte und der zu meinem Vorbild wurde. Er war ein stoischer Mann, der

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