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Mauern des Schweigens Eine Kindheit voller Hass und Gewalt, eine lange und schmerzhafte Suche nach der Wahrheit von Barneron, Catherine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.11.2016
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Mauern des Schweigens

Erst als Erwachsene erfährt Catherine, dass der Mann, den sie bisher für ihren Vater hielt, nicht ihr leiblicher Vater war. Doch ihre Mutter weigert sich die brennenden Fragen ihrer Tochter zu beantworten. In Catherine steigen plötzlich längst vergessen geglaubte Erinnerungsfetzen aus ihrer Kindheit auf: die ersten sechs Jahre, die sie bei Pflegeeltern aufwuchs, das überraschende Auftauchen ihrer Eltern, die Erniedrigungen, der Hass, die Gewalt und der Missbrauch, die sie sechs Jahre lang erdulden musste, bis sie endlich in ein Kinderheim kam.

Als ihr Mann beginnt, Ihre Spur in die Vergangenheit zu verfolgen, um das Rätsel ihrer Herkunft zu ergründen, wird ihr klar, dass sie sich Wahrheiten stellen muss, die bislang tief in ihr vergraben waren. Doch zunächst stößt sie bei allen, die sie befragt, auf eine Mauer des Schweigens.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 195
    Erscheinungsdatum: 01.11.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732531462
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 1051kBytes
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Mauern des Schweigens

VORWORT

Im Süden meines Landes drängen sich die Menschen entlang der Hauptverkehrsstraßen, wenn die Stiere durch die Stadt getrieben werden. Den Leuten gefällt es zu spüren, wie der Boden unter ihren Füßen erzittert, wenn die Tiere sich donnernd vorbeiwälzen, sie jubeln den Manadiers (Rinder-, Stier- oder Pferdehirten in der Provence) zu, die hinter den Stieren herreiten, und atmen lachend den aufgewirbelten Staub ein. Ein solches Ereignis bezeichnet man bei uns als "abrivado".

An einem Morgen im Mai 1993 wurden acht Camargue-Stiere von mit Piken bewaffneten Reitern auf diese Art durch die Straßen von Nîmes getrieben. Als die Tiere im Galopp den Boulevard erreicht hatten, der zur Arena führte, löste sich eine Frau aus der Menge und versperrte, alle Warnrufe ignorierend, Reitern und Stieren den Weg. Dem ersten Reiter gelang es noch, ihr auszuweichen, aber der nachfolgende erwies sich als weniger geschickt: Die Unglückliche wurde zu Boden geschleudert und geriet unter die Hufe zweier Pferde. Sie bäumten sich wiehernd vor der Menschenmenge auf, die vor Schreck erstarrte. Dann stürzte ein Mann vor, um der Leichtsinnigen aufzuhelfen, und während die Herde sich entfernte, trug er sie zu einer Ambulanz, die sie ins Krankenhaus brachte. Die Sanitäter stellten vier Gramm Alkohol im Blut der Verletzten fest, obgleich diese behauptete, nur ein Bier getrunken zu haben. Vier Gramm ... Eine Säuferin. Der Unfall machte in der Stadt Schlagzeilen und überschattete den Beginn der Feria. Zufällig war ich selbst unmittelbar betroffen von dem Zwischenfall, denn es handelte sich bei der Säuferin um meine Mutter.

An Beinen und Rückgrat verletzt, musste Suzanne fast einen Monat im Krankenhaus bleiben. Wie ich schon sagte, war sie meine Mutter, und doch nenne ich sie wie eine Fremde beim Vornamen. Suzanne. Jahrelang hat diese Frau mich gequält, seelisch und körperlich. Ich komme später noch auf die Misshandlungen zu sprechen, die ich durch sie in meiner Kindheit erdulden musste; es genügt hier zu wissen, dass es sie gegeben hat, um die ganze Ironie der Situation zu begreifen: Als sie nämlich nach dem Unfall in Nîmes im Rollstuhl saß, war ich das einzige ihrer Kinder, das ihr Hilfe anbot. Sie nahm an, was mich nicht wunderte: Trotz ihres Hasses auf mich hat sie sich in schweren Zeiten immer an mich gewandt.

Und so half mein Mann Claude mir, die Rekonvaleszente zu uns nach Hause zu bringen. Er hatte für ihre Aufnahme zur Bedingung gemacht, dass sie sich nicht in unserem Haus betrank. Die paar Wochen im Krankenhaus hatten sie bereits auf Alkoholverzicht eingestimmt. Und so bezog Suzanne bei uns Quartier. Sie fügte sich in unseren Alltag ein, war lieb zu den Kindern und legte keinerlei Ungeduld wegen ihrer Behinderung an den Tag. Andererseits ging jedoch auch keinerlei Wärme von ihr aus. Ihre Zurückhaltung war vielmehr irritierend, und ihr Schweigen wurde mit jedem Tag erdrückender. Beinahe hätte man meinen können, wir würden eine in sich gekehrte Fremde beherbergen, die rein zufällig bei uns gelandet war.

Diese Kälte mochte Claude oder meinen Sohn belasten; mich berührte sie nicht. Ich hatte es schon vor viel zu langer Zeit aufgegeben, Suzannes Zuneigung erlangen zu wollen. Und doch behielt ich ihre Stimmung im Auge, da mein Angebot, sie vorübergehend bei uns aufzunehmen, nicht ganz uneigennützig gewesen war. Tatsächlich wartete ich seit Jahren auf einen geeigneten Moment, um mit ihr ein Gespräch unter Erwachsenen zu führen, ohne Ausflüchte. Und nun bot sich diese Gelegenheit! Endlich war meine Mutter bei mir, nüchtern und zur Unbeweglichkeit verdammt - sie war mir stundenlang hilflos ausgeliefert. Endlich würden wir uns aussprechen können.

Viele Tage lang wusste ich nicht recht, wie ich es anfangen sollte. Ich ließ schüchterne Andeutungen auf die Vergangenheit fallen, womit ich jedoch kläglich scheiterte. Ich stellte Suzanne ungeschickte Fragen, die sie mühelos mit einer Geste a

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