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Meine Mutter aus Mikultschütz Eine deutsche Famliengeschichte von Starink, Laura (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.11.2015
  • Verlag: weissbooks
eBook (ePUB)
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Meine Mutter aus Mikultschütz

'Meine Mutter wurde in Schlesien geboren. Das klingt für niederländische Ohren romantischer und harmloser als: Meine Mutter war Deutsche.' Von Elinor, ihrer Mutter, will Laura Starink wissen: Wie war das damals im Krieg, was habt ihr erlebt, wie groß ist eure Schuld und eure Scham? Unerbittlich, aber mit unendlicher Herzenswärme befragt sie ihre Mutter, fährt mit ihr zu deren Geburtsort, besucht betagte Verwandten, kehrt etliche Male zu den Orten der Familie zurück. Bei Historikern und Archivaren klopft sie an, hört Tonbandaufnahmen mit Zeitzeugen ab und findet einen Koffer mit Familienpapieren, den ihre Tanten auf der Flucht in den Westen mitgenommen hatten. Dabei formt sich ein Mosaik, entsteht ein Buch, in dem Laura Starink eine untergegangene Welt mit ihren Fragen in all ihren tragischen Facetten der Vergessenheit entreißt. Ihr Buch, das sich wie ein Roman liest, ist ein bewegendes Porträt ganz gewöhnlicher Menschen in einem vom Krieg heimgesuchten Winkel Europas, die oft nicht wussten, wie ihnen geschah - ein außergewöhnliches 'document humain'. LauraStarink,geboren 1954, studierte slawische Sprach- und Literaturwissenschaft und arbeitete 20 Jahre als Korrespondentin für das NRC Handelsblad in Moskau. 2008 und 2009 erschienen zwei Bücher, in denen sie ihre Erfahrungen in Russland verarbeitete. 2013 wurde 'Duitse wortels' veröffentlicht,das in den Niederlanden über 30.000 mal verkauft wurde.Sie lebt heute in Amsterdam.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 11.11.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863370923
    Verlag: weissbooks
    Originaltitel: Duitse wortels. Mijn familie, de oorlog en Silezie
    Größe: 2963 kBytes
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Meine Mutter aus Mikultschütz

1

Fragen

Elinor aus Schlesien

Der Tod kam plötzlich. Alle hielten meine Mutter immer für zehn Jahre jünger. Auch ich. Abgesehen von einer Arthrose der Kniegelenke schien sie kerngesund zu sein, doch als sie vierundachtzig wurde, wollte sie zum ersten Mal nicht mehr verreisen. Sie klagte über Müdigkeit und dann fiel sie im Supermarkt vor der Kasse in Ohnmacht. Im Krankenhaus teilte man ihr mit, sie habe akute Leukämie und die Krankheit sei unheilbar. Medikamente schlugen nicht an und nach einer Woche wurde sie nach Hause geschickt. Das Krankenhaus konnte nichts mehr für sie tun und wir hatten keine Ahnung, was uns erwartete.

Als sie am darauffolgenden Sonntagnachmittag in ihrer kleinen Wohnung in Hilversum im Bett lag, blass und schwer atmend, mit Schweiß auf der Stirn, nahm ich ihre Hand und spielte das Hühnchen: " Tu tu zarva, kurka, tu tu tu ". Mit diesem slawischen Abzählreim hatte meine Mutter uns eine Freude gemacht, als wir klein waren. Ein schwaches Lächeln zog über ihr Gesicht. Eine Stunde später tat sie ihren letzten Atemzug. Fünf erwachsene Kinder standen fassungslos um sie herum. Sie starb am Geburtstag ihrer Mutter, ihr Krankenlager hatte nur zehn Tage gedauert.

Meine Mutter wurde in Schlesien geboren. Das klingt für niederländische Ohren romantischer und harmloser als: Meine Mutter war Deutsche. Sie war klein, hatte fast schwarze, leicht schräg stehende Augen, breite Wangenknochen, einen großen Mund und kurzes dunkles Haar mit Pony - als sie grau wurde, färbte sie es rotbraun. Sie hatte einen schönen Namen: Eleonora Christina Maria Cibis; ein slawischer Nachname, wie ihn so viele Deutsche im Grenzgebiet zu Polen und der Tschechoslowakei trugen. Zu Hause hieß sie nur Elinor.

Als mein Vater sie fünf Jahre nach dem Krieg aus dem Schweizer Fribourg in die Niederlande holte, wurden Deutsche hier noch immer als Feinde gesehen. Mehr noch: Sie waren verhasst. Meine Mutter gab sich daher große Mühe, so schnell und so akzentlos wie möglich Niederländisch zu lernen. Wörter wie "vaas" sprach sie, wie die deutsche Entsprechung "Vase", mit einem W aus und nicht mit einem F und der Rachenlaut im SCH klang bei ihr viel zu weich, aber das fiel uns nicht auf. Wenn Freunde sagten, sie könnten hören, dass meine Mutter Deutsche sei, war ich erstaunt und auch ein bisschen sauer.

Bei uns zu Hause war der Krieg kein Gesprächsthema. Meine Mutter meinte, wir würden es doch nicht verstehen, und auch mein Vater fing nie davon an. Von ihrer Geschichte wusste ich also nicht viel. Ich wurde allerdings wütend, wenn andere Kinder in der Schule fiese Bemerkungen über "Moffen" machten. Das war in meiner Kindheit noch große Mode, auch wenn ich mich nicht daran erinnern kann, dass jemand über meine Mutter selbst etwas Gemeines gesagt hätte. Trotzdem dachte ich bei den Moffenwitzen immer: Lasst meine Mutter in Ruhe. Aber ich sagte es nicht, wahrscheinlich fürchtete ich damals schon, dass ich auf verlorenem Posten stand. Die Deutschen hatten den Krieg angefangen, sie hatten die furchtbarsten Verbrechen auf dem Gewissen, und offensichtlich mussten sie noch immer dafür büßen. Als ich älter wurde, war ich denn auch insgeheim froh, dass mein Vater Niederländer war. Stell dir vor, dachte ich, dass deine Eltern beide Deutsche wären. Das ewige deutsche Schuldgefühl wegen des Krieges erschien mir recht kompliziert.

In der Zeit, als ich die Oberschule besuchte, kam ich hin und wieder ins Grübeln. Was hatten meine Verwandten eigentlich im Zweiten Weltkrieg getan oder nicht getan? Griffen sie wohl auch zu der feigen Entschuldigung: Wir haben es nicht gewusst? Gesetzt den Fall, mein Großvater wäre ein Anhänger Hitlers gewesen, was sollte ich dann mit diesem Wissen anfangen? Und wie blickte meine Mutter, die bei Kriegsbeginn fünfzehn war, heute auf die

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