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Paula von Hoffmann, Sandra (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.08.2017
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Paula

Paula muss einmal eine glückliche Frau gewesen sein, bevor ihr Bräutigam im Krieg stirbt. Eine Frau, die irgendwann aus Angst und Scham zu schweigen beginnt, die nie preisgibt, von welchem Mann das Kind stammt, das sie alleine großzieht, bis der Schutzraum des Schweigens zum Gefängnis wird, in dem Liebe und Empathie verkümmern. Ihre Tochter und ihre Enkelin werden nie erfahren, wer ihr Vater, wer ihr Großvater war. Sandra Hoffmanns Memoir 'Paula' liest sich wie ein Familienroman. Mit Courage und Zärtlichkeit erzählt sie das Leben ihrer Großmutter, die ihr erdrückend nahe war und von der sie doch so wenig weiß. Der Macht des Schweigens setzt sie die Kraft der Sprache entgegen. Sandra Hoffmann, 1967 geboren, lebt als freie Schriftstellerin in München. Sie arbeitet für das Literaturhaus, unterrichtet kreatives Schreiben und schreibt für das Radio. Für ihren letzten Roman Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist (2012) erhielt sie den Thaddäus-Troll-Preis.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 21.08.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446257887
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 1668 kBytes
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Paula

Schweigen ist anders als still sein. Nirgends, auch nicht, wenn du tief in die Taschen greifst, um die Münze zu finden, die du zwischen den Fingern bewegst, oder ein Stück Papier mit den Notizen vom Einkauf, findet sich darin wirklich Halt. Du hörst von irgendwoher oder aus dir heraus die dunklen Geräusche der Stummheit, die sich gegen dich wenden, du hörst sie als Grollen, als Grummeln, als fortwährendes Gemurre, Gemurmel irgendwo weit entfernt und zugleich nah. Als suchten sich all die ungesprochenen Wörter Wege aus dem stummen Körper heraus und hinein in den Raum, hin zu dir. Sie bringen dich um die Ruhe und sie bringen dich um den Schlaf. Das Schweigen, wenn jemand nahe bei dir lebt und so schweigt, so unerbittlich jedes Wort auffrisst, dass nichts übrig bleibt für dich und für keinen. Das Schweigen am Tisch, wenn die Gabeln und Messer auf Tellern klappern, wenn jemand, nur einer, sagt, kann ich bitte das Salz haben, und jemand reicht es. Und über allem das Schweigen, das dir vorkommt, als verschlinge es dich und all deine guten Sommer und die wenigen guten Winter. So als käme die Fröhlichkeit nie mehr zurück. Und du hörst das Geräusch von Strumpfhosenbeinen unter dem Tisch und wie der Hund am Stuhlbein vorbeistreicht, ein Räuspern und das laute Schlucken beim Wassertrinken, wenn der Halsmuskel spannt. Wenn die Geräusche aus den Körpern sich im Zimmer so ausgebreitet haben, dass da nur noch Dichte ist, Verdichtung nach außen. Dieses Schweigen, das schließlich in jeder Ritze eines Hauses sitzt, das abstrahlt, ausstrahlt, das ein Haus zur Festung macht, kennt nur die Endgültigkeit als Erlösung. Du kannst bleiben und sterben oder gehen. In der Stille aber wäre auch nur ein Traktor, draußen auf der Straße, ein schönes Geräusch, wäre das eine Verheißung, jemand mäht die Wiese zum ersten Mal in diesem Jahr, es ist noch hell. Die Welt wäre wieder da. Helligkeit und Sprache.

Am 10. November 1997 stirbt meine Großmutter Paula im Alter von 82 Jahren. Sie hat nicht über sich gesprochen, bis zum Schluss nicht. Sie hat ihr ganzes Leben, alle ihre Geheimnisse, aber auch alle ihre Nöte mit ins Grab genommen.

Wenn ich morgens durch den Park laufe, den See umrunde und höre, wie die Schwäne und Enten schnattern, wenn ich den Mandarinenten zusehe, die wie bunte Punkte zwischen den anderen Enten leuchten, denke ich häufig an meine Großmutter, die seit achtzehn Jahren tot ist, und ich denke an meine Eltern. Ich würde ihnen gerne den Park zeigen, die Hunde, die mir regelmäßig auf meiner Laufstrecke begegnen, die schönen Stellen an den Nebenkanälen des Eisbachs, deren Oberfläche ab und zu eine Weide streift. Die Männer, die vor ihrer Personaltrainerin auf der Erde liegen und anstrengende gymnastische Übungen machen oder gegen kleine Boxsäcke schlagen, die in den Bäumen hängen, wieder und wieder und wieder, damit sie stark werden, für was auch immer. Ich würde ihnen gerne die Yogis beim Sonnengruß zeigen, die Japanerin, die merkwürdig schwingende Armbewegungen macht beim Gehen. Ich sehe die Surfer an der Eisbachwelle, und ihretwegen halte ich manchmal an. Ich schaue den fremden Menschen zu und ich bin froh, dass es sie gibt, dass ich mich zwischen ihnen hindurchbewegen darf und, ohne mit ihnen zu sprechen, weiß: Ich mag, dass sie da sind. Ich würde gerne zu meiner Familie sagen: Schaut, hier lebe ich jetzt. So ist es geworden und es ist gut. Aber meine Großmutter ist tot. Und meine Eltern haben kein großes Interesse an einem Leben, das mit ihnen nicht unmittelbar zu tun hat. Ich spreche beim Laufen mit ihnen, ich zeige ihnen in Gedanken diese Welt, und immer gerate ich darüber in eine Traurigkeit.

Das Schweigen hat sich über die Generationen verschleppt.

1915 gilt im chinesischen Kalender als das Jahr des Holzhasen. Franz Josef Strauß wird geboren, Ingrid Bergman, Edith Piaf auch; Frank Sinatra, Pinochet. Der Erste Weltkrieg ist im zweiten Kriegsjahr, in Den Haag findet der

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