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Tränen im Sand von Abdi, Nura (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.08.2013
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Tränen im Sand

Nura Abdi ist achtundzwanzig Jahre alt und lebt seit neun Jahren in Deutschland. Sie stammt aus Somalia, ist in Mogadischu aufgewachsen und musste wegen Bürgerkriegsunruhen in ihrem Land Hals über Kopf fliehen. Nura wollte in die USA, doch der gefälschte Pass ihrer Cousine mit dem sie reiste, wurde in Frankfurt entdeckt, was ihre Pläne jäh durchkreuzte. Doch sie gab nicht auf und versuchte, sich in Deutschland ein normales Leben aufzubauen. Aber der Traum eines unbeschwerten Lebens, wie es unzählig deutsche Frauen ihres Alters führen, ist nicht so einfach zu erfüllen, denn Nura ist anders: Im Alter von vier Jahren wurde sie pharaonisch beschnitten, ein grausames, jedoch für Afrikanerinnen übliches Ritual, dessen vollen Umfang Nura erst erkennt, als sie sieht, dass europäische Frauen ihr Schicksal nicht teilen ...

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 350
    Erscheinungsdatum: 16.08.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783838748573
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 1838 kBytes
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Tränen im Sand

GROSSMUTTER UND DIE DSCHINNS

W enn ich aber so weit zurückdenke wie möglich, kommen mir ganz andere Bilder in den Sinn. Dann sehe ich grüne, wogende Plantagenbäume über mir und roten Lehmboden unter mir. Das ist nicht der heiße Sandboden Mogadischus, das ist die schwere Erde von Hargeysa, der größten Stadt im Norden Somalias. In meiner allerfrühsten Erinnerung bin ich ein kleines, braunes, fast nacktes Mädchen, das im Schatten hoher Bäume auf der roten Erde sitzt. Es hat geregnet, und das Mädchen formt Kügelchen aus feuchtem Lehm. Es rollt die schlammige Erde zwischen den kleinen Händen, steckt sich etwas davon in den Mund und lacht. Und weil es so gut schmeckt, steckt es sich noch mehr davon in den Mund. Da macht es zum ersten Mal Bekanntschaft mit Mutters Stock. Es wird mit einem Gartenschlauch abgespritzt, der rote Lehm läuft an ihm herunter, und im nächsten unbeaufsichtigten Moment wackelt es wieder hinaus, lässt sich wieder auf die Erde fallen und formt neue Kügelchen, die genauso gut schmecken wie die ersten. Es muss aber nicht immer auf Regen warten. Beim Toilettenhäuschen steht ein gut gefüllter Wasserkrug, weil gerade jemand drinsitzt, der mit dem Wasser gleich nachspülen will. Es nimmt den Krug, schüttet ihn aus und kann noch mehr Kügelchen drehen. Oder Injeras formen, somalische Pfannkuchen. Oder etwas, das beinahe so aussieht wie ein Auto.

Das Mädchen ist noch keine drei Jahre alt, da schnappt sich die Mutter das halb nackte, von der Sonne verbrannte Kind, und die gesamte Familie fährt in einem rüttelnden, schüttelnden Landrover nach Süden, zwei Tage lang. Von nun an wird das Mädchen keinen Lehm mehr zwischen den Zehen spüren, sondern Sand.

Ich war in Mogadischu angekommen.

Da sah ich zum ersten Mal das Meer, den Indischen Ozean. Es war ein brühwarmer Tag, wie alle Tage in Mogadischu, und ich klammerte mich an den Sattel eines Kamels. Von dort oben, bedenklich hoch oben, hatte ich das tiefblaue Meer im Blick, das Menschengewimmel auf dem endlosen Strand und andere Kamele mit Kindern auf dem Buckel – aber vor allem Wasser, viel Wasser. Ich hatte vom Meer schon gehört, aber so viel Wasser hatte ich mir nicht vorstellen können. Die Gischt der brechenden Wellen kam mir wie Seifenschaum vor. Alles wunderte mich, aber besonders, dass Menschen ins Meer hineingingen und untertauchten und lebend wieder herauskamen. Sicher, bei den Frauen bestand keine Gefahr. Die saßen vorne an, ganz in bunte Kleider gehüllt, und ließen sich nur von den Ausläufern der Wellen befeuchten. Aber die Männer, fast nackt, tauchten kopfüber ins kristallklare Wasser ein und tauchten auch wieder auf. Wie sie das machten, das musste ich meine Mutter fragen, sobald ich von diesem Tier herunter war – meine Mutter, die da hinten unter einer Palme mit dem Rest der Familie saß, Tee ausschenkte, meinem Vater Khat zum Kauen reichte und Obst unter meine Geschwister verteilte. Eine von tausend Familien am Strand von Mogadischu – alle im Schatten der Palmen zusammengedrängt und alle peinlichst darauf bedacht, sich der Sonnenglut so wenig wie möglich auszusetzen. Am Meer wird man schnell dunkel. Die Einzigen, die sich in die Sonne trauten, waren die Kinder, die überall Fußball spielten oder um die Wette liefen, und die Trinkwasserverkäufer, die man schon von weitem hörte, weil sie die müden Esel vor ihren Karren mit Schreien und Schlägen anfeuerten.

"Wie kommt es, dass Menschen unter Wasser leben können?" Alle lachten, und mein Vater fand meine Frage für eine Dreijährige ziemlich klug. Man hält eben die Luft an, sagte er. Ich musste das glauben, und ich muss es bis heute glauben, den

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