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Vom Herzchirurgen zum Fernfahrer Der Spurwechsel des Dr. med. Markus Studer von Maeder, Markus (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2016
  • Verlag: Wörterseh Verlag
eBook (ePUB)
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Vom Herzchirurgen zum Fernfahrer

Im Jahr 2003, auf dem Höhepunkt einer steilen Karriere, unternahm der renommierte Zürcher Herzchirurg Dr. med. Markus Studer einen spektakulären Spurwechsel. Gerade 57 Jahre alt geworden, tauschte er das Skalpellmit 460 Pferdestärken, den weißen Arztkittel mit einem blauen Overall, die begrenzte Welt des Krankenhausesmit dem weiten Ausblick aus der Fernfahrerkabine. Seither fährt ermit einem silbernen Stern an seiner Zugmaschine kreuz und quer durch Europa. Der Autor Markus Maeder ließ sich vom Fernfahrer mit Doktortitel auf den Platz des Beifahrers bitten und kutschierte mit ihm von der Schweiz bis ans Mittelmeer und an die Nordsee. Dabei erlebte er den Alltag der Fernfahrer,die Kilometer fressen, um uns unseren gewohnten Alltag zu garantieren, hautnah mit. Geschlafen wurde im Truck, geredet während der Fahrt, getankt dort, wo der Diesel am günstigsten ist. Die Verpflegung erfolgte am Steuer, in Lastwagenkneipen oder an einem der Plätze, die Dr. Studer während seiner über 500'000 Kilometer, die er inzwischen durch ganz Europa gefahren ist, aufgespürt hat.

Markus Maeder studierte in Zürich Literatur und Geschichte. Nach Aufenthalten in Afrika, Indien und China arbeitete er als Redaktor beim Zürcher 'Tages-Anzeiger' und führte beim Schweizer Fernsehen in zahlreichen Dokumentarfilmen Regie. Als freier Journalist schrieb er für 'Die Weltwoche', 'Das Magazin', die 'NZZ' und 'Die Zeit'. 1987 gewann er den Zürcher Journalistenpreis und schrieb Hörspiele sowie Beiträge für Sachbücher. Seit über zwanzig Jahren arbeitet er als freier Texter und Konzepter sowie als literarischer Ghostwriter.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 232
    Erscheinungsdatum: 01.07.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783037635186
    Verlag: Wörterseh Verlag
    Größe: 2481 kBytes
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Vom Herzchirurgen zum Fernfahrer

Dienstag

San Bernardino

Wenn wir gestern Abend schon in Lugano stecken geblieben sind, soll es heute wenigstens bis zum Bodensee reichen. Über den San Bernardino hinüber nach Graubünden, und von dort dem Rhein entlang bis ans Ziel. Wir haben Walo versprochen, auf ihn zu warten, bis heute Morgen um acht. Wir könnten also ausnahmsweise ausschlafen - bis um sechs Uhr früh die fünf Sattelschlepper von Tatratrans aus Ungarn, die neben uns auf dem Gelände übernachtet haben, die Motoren aufbrummen lassen. Eine ganze Stunde lang. Besser als schlafen ist umladen. Einer unserer drei Tanks muss leer gepumpt und mit einer anderen Sorte Sonnenblumenöl wieder voll gepumpt werden. Los. Was zögern wir noch.

Danach gehen wir in die Tankstellenbar zu einem Cappuccino. Dass die Latzhosenmänner, ohne es zu merken, noch einmal in der gestrigen "Gazzetta dello Sport" blättern, behaupte ich nicht aus voller Überzeugung, aber es sieht ganz danach aus. Vielleicht sind es ja auch andere Latzhosenmänner.

Walo trudelt pünktlicher ein, als er es sich wohl selbst zugetraut hätte. Wie frisch geduscht. Der Star des Morgens. Aber Markus ist schon wieder einen Schritt weiter: "Ich setze jetzt auf meiner Scheibe eine Stunde Arbeitszeit ein."

"Hm?", fragt Walo und schaut weiterhin gleichgültig dem Girl an der Bar hinterher.

Markus sagt mit seinem klaren, ehrlichen Blick: "Ja, ich bin schließlich dran, einen Tank voll Sonnenblumenöl abzuladen und wieder Sonnenblumenöl aufzuladen."

"Hm?"

"Ja. Einen Teil von dem, was ich über den San Bernardino schleppe, lade ich gerade hier und jetzt in Lugano."

Walo fragt: "Schummelst du ein bisschen?"

"Aber nein", sagt Markus. "Ich kann ja nichts dafür, dass ich umladen darf."

Plötzlich erhellt sich Walos Gesicht: "Das S. Weil du umlädst, darfst du mit einem S über den San Bernardino."

"So ist das."

"Das möchte ich auch." Er denkt einen Augenblick nach. "Kann ich nicht meinen Auftrag neu formulieren?"

"Kannst du schon", sagt Markus. "Gilt aber als Urkundenfälschung."

"Was solls. Ich machs." Walo geht fast im Stechschritt zum Auto, stellt sich einen neuen Lieferschein aus und manipuliert seine Scheibe, um den Modus Arbeitszeit einzustellen. Dann hängt er wie Markus ein Täfelchen mit einem gelben S auf rotem Quadrat ans Heck.

Die strategische, ja fast philosophische Bedeutung von Walos Modifikation sollte mir erst am Fuß des Bernardino klar werden. Die Welt ist eine Scheibe. Diese bestimmt ein Truckerleben auf die Minute genau. Wehe dem, der sich nicht daran hält. So klein oder so groß wie eine CD, lässt die Tachograf-Scheibe keinen Raum für ein Alibi. Jeder Tag beginnt mit einer neuen, schneeweißen. Fahrzeit, Pausenzeit, Kilometerstand vorher und nachher, Geschwindigkeit, alles hinterlässt Spuren - und ist nicht mehr rauszuwaschen. Kein Einweichen, kein Weichspülen hilft. In der Schweiz genauso wenig wie in der EU. Neun Stunden sollst du fahren im Tag. Zwei Stunden darfst du anderweitig arbeiten, zum Beispiel warten. Von der elften bis zur vierundzwanzigsten ebenso. Und noch ein Gebot. Nach viereinhalb Stunden Fahren sollst du drei viertel Stunden pausieren. Du kannst sie auch auf fünfzehn und dreißig Minuten aufteilen. Zweimal pro Woche sind zehn Stunden Fahrzeit erlaubt. Über Nacht sind elf Stunden Ruhezeit Pflicht. Dreimal pro Woche reichen neun Stunden. Wer sich um diese und viele andere Vorschriften foutiert, wird nicht lange fahren. Die Bußen sind saftig, der Entzug des Führerscheins geht an die Substanz. Wehe dem, der glaubt, ohne Scheibe fahren zu können. Die Scheibe rausnehmen gilt in der EU als Urkundenfälschung. Doch wer niemals eine Fünf gerade sein lässt, bringt es als Fernfah

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