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Wie ich es sah Budapest 1944-1973 von Dávid, István V. A. (eBook)

  • Verlag: Books on Demand
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Wie ich es sah

Große Politik betrifft jeden Einzelnen: In diesem Buch 'Wie ich es sah ...' beschreibt István V.A. Dávid die gewaltigen Veränderungen in Ungarn in den 50er - 70er Jahren des letzten Jahrhunderts aus ganz persönlicher Sicht. Von der stalinistischen Ära, die er als Kind erlebte, von der Niederwälzung der Revolution 1956 durch die Sowjetunion, bis hin zu den subtilen Repressalien, mit denen sich die Machthaber gegen den aufkeimenden Widerstand der jungen Generation wehrten. Er war ein aktiver Teil dieser Zeit, bis zu seiner Flucht 1973, bei der es ihm gelang, dem Staatsapparat ein Schnippchen zu schlagen. Er schrieb dieses Buch für seine Töchter, seine Familie und Freunde, sowie für alle, die diese aufregende Zeit nicht vergessen wollen. István V.A. Dávid lebt seit 1976 in Hamburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 492
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783752801927
    Verlag: Books on Demand
    Größe: 4553 kBytes
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Wie ich es sah

Zweites Kapitel.

Obstreife!
1958 - 1959

Am 1. September 1958 begann der ernsthafte Unterricht im Technikum. Unsere ungarisch-russisch Lehrerin hieß Frau Béláné Király 54 , sie war sehr nett, wenn sie uns auch auf eine etwas überschwängliche Art behandelt hat. Dann kam die Zeit des, wenigstens von mir, gefürchteten ersten Russischunterrichtes. Frau Király betrat unseren Klassenraum:

- "Kinder, heute schreiben wir eine Vermessungsarbeit, um zu sehen, wie viel ihr in der Allgemeinen Schule gelernt habt."

Nuuuun, ja! Mich hat diese ausgezeichnete Möglichkeit sehr erfreut. Unsere Klasse sah (leider) sehr stark aus, voll mit einser und zweier Noten, selbst der schwächere Teil hatte einer 3 - nur, dass mein kleiner Dreier ausschließlich das Ergebnis der Pioniereinweihung war. Ich ahnte schon, dass daraus ein ordentlicher Skandal werden würde, weil ich selbst zum Durchfallen zu schwach war. Das Problem begann damit, dass ich den auf Russisch diktierten Text nicht aufschreiben konnte - und so entstanden gewisse Schwierigkeiten beim Übersetzen des Diktats. Im krassen Gegensatz dazu habe ich den ungarischen Text mit einer unglaublichen Eleganz und erschütternden Sicherheit aufs Papier gebracht. Der Kern des Problems lag lediglich im Übersetzen - wegen des kompletten Mangels der dafür notwendigen russischen Wörter. Einen selbständigen russischen Aufsatz zu schreiben - im scharfen Gegenteil zur vorigen Aufgabe - war ich leider nicht fähig. Dabei hätte ich schon genügend Zeit gehabt. So musste ich, wenn auch mit schwerem Herzen, meine Vermessungsarbeit in beachtlicher Spärlichkeit abgeben. Mein Name war ziemlich das Einzige auf dem Blatt. Mir war schon im Voraus heiß und kalt von der sich anbahnenden Katastrophe. Damals war es üblich in den Schulen, dass in der folgenden Unterrichtsstunde die geprüften Arbeiten verteilt und die Fehler besprochen wurden. Um es kurz zu fassen, bei der nächsten Russischstunde kam Frau Király in die Klasse ohne uns anzuschauen. Mit eine verachtenden Geste legte sie die Arbeiten auf ihre Schreibtischecke. Ohne unsere Bemühungen mit einem Wort zu würdigen, nahm sich ein Stück Kreide und schrieb das russische Alphabet an die Tafel. Ich war gerettet, da offensichtlich (trotz der vielen guten Noten) die Anderen genauso wenig wussten wie ich.

Sage ich doch immer: "Ich schreibe nicht, ich lese nicht, ich bin ein ungarischer Adliger!" 55 Was heißt schon Fremdsprachenkenntnisse, Bruderland und Mütterchen Don und alles!

Später in der Mitte der 60er Jahre lief eine Live-Sendung im Fernsehen (in dieser Beziehung vermutlich auch die letzte), während deren Verlauf ein Reporter auf der Rákóczi Str. jüngere Passanten (die erwartungsgemäß schon Russischunterricht gehabt hatten), mit schlichten Formulierungen auf Russisch ansprach und versuchte zu erfahren, wo er eine Apotheke finden könnte. Ich habe es nur dadurch gewusst, weil sie am Anfang der TV-Sendung alles auf ungarisch erzählt haben. Je länger die Sendung gedauert hat, desto mehr haben es die ähnlich ungeschliffen und schadenfrohen Menschen wie ich genossen. Schulterzuckend, irritiert lächelnd, oder total gelangweilt und unbeteiligt gingen die Menschen an ihm vorbei. Tja, damals war das Volk noch nicht so "mediengeil". Das Lächerlichste war, der Reporter hatte bereits über eine endlos wirkende Viertelstunde auf dem Asphalt gesteppt, getippelt, gestammelt wie ein Eichhörnchen, bis endlich ein Typ kam, der wenigstens seine Frage verstand:

- "Ich verstehe, mein Herr, dass Sie sich nach einer Apotheke erkundigen, aber ich kann Ihnen leider nur auf Ungarisch antworten."

- "Aber ich bitte Sie, das ist doch so einfach: Das liegt dort drüben unter den Arkaden und ....!"

- "Na sehen Sie!" - antwortete der Kerl und ging einfach weiter.

Diese Sendung - die ich mit Sicherheit nie vergessen werde - haben sie im Fernsehen nie wiederholt.

Auch der

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