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Celan am Meer von Böttiger, Helmut (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.02.2017
  • Verlag: Wallstein Verlag
eBook (ePUB)
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Celan am Meer

Helmut Böttiger begibt sich auf eine literarische Reise in die wilde Landschaft der Bretagne - auf den Spuren einer großen Dichterliebe und des Echos dieser geheimnisvollen Gegend in den Gedichten Paul Celans. Von der Bretagne erzählt dieses Buch und von der Liebe - der Liebe zwischen einem mittellosen deutschsprachigen Ostjuden und einer Tochter aus dem französischen Hochadel. Und es erzählt auch über die Liebe zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, über höchstes Glück und existenzielle Gefährdung. Gisèle Celan-Lestrange, die Frau des Lyrikers Paul Celan, bat ihren Mann im Jahr 1960, zusammen mit ihr Paris für mindestens ein Jahr zu verlassen und in die Bretagne zu gehen. Nach Trébabu, einem Ort außerhalb der Zeit. Man weiß von diesem Aufenthalt nicht viel. Die Bretagne muss für Celan eine seltene Zuflucht gewesen sein. Helmut Böttiger reist, fast 50 Jahre später, auf Celans Spuren in die Bretagne und spürt der spröden Schönheit dieser Gegend und ihren jahrtausendealten Geheimnissen nach. Er fährt an die Küsten, zu den rätselhaften Menhiren und trifft auf verschlossene Bewohner, die, wenn sie ernsthaftes Interesse wahrnehmen, plötzlich doch ins Erzählen kommen. Die Geheimnisse werden dadurch nicht zum Verschwinden gebracht, aber umso konturenschärfer erhellt. Böttigers 2006 erstmals erschienenes Buch, für diese Ausgabe überarbeitet und aktualisiert, ist ein gewichtiger Beitrag zum Verständnis der Biographie Celans und eine Anleitung, wie man Gedichte und Landschaften liest. Helmut Böttiger, geb. 1956, studierte Germanistik und arbeitete bei verschiedenen Zeitungen, u. a. als verantwortlicher Literaturredakteur der Frankfurter Rundschau; Dissertation über Fritz Rudolf Fries und die DDR-Literatur. Er lebt seit 2002 als freier Autor und Kritiker in Berlin. Der ausgewiesene Kenner der Werke und des Lebens von Paul Celan wurde mit dem Alfred-Kerr-Preis, dem Ernst-Robert-Curtius-Förderpreis für Essayistik und mit dem Preis der Leipziger Buchmesse (für sein Buch über die Gruppe 47) ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 144
    Erscheinungsdatum: 27.02.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783835341043
    Verlag: Wallstein Verlag
    Größe: 1378 kBytes
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Celan am Meer

1

Den Weg gab es nicht. Die Mühle von Kerléac musste etwas mit jenem "Kerléac" zu tun haben, das man auf der Karte entdecken konnte, einer großen Karte im Maßstab von 1:25 000, das Äußerste, was zu kriegen war. Dick eingezeichnet erschien der Ort "Trébabu", mit einem roten zerfließenden Punkt, der Ort, von dem eigentlich alles ausging. Aber er bestand vor allem aus Rändern und kleinen Gehöften: Kervan, Kersac, Kermergant. Überall flossen Bäche, wucherte es im Grün. Die Mühle von Kerléac gehörte zu Trébabu. Doch von der Straße aus waren alle Gehöfte unkenntlich. Ab und zu bogen kleine Seitenpfade von der Landstraße ab, die ins Nirgendwo zu führen schienen, manchmal war ein kleines Schild zu erkennen, das ein Ziel dieses Seitenpfads angab - aber das Wort, das auf diesen Schildern stand, fand sich in den seltensten Fällen auf der Karte wieder.

Wir näherten uns Trébabu von hinten, von der gelb eingezeichneten Straße, auf die man von Brest aus kommt und die Brest auf ihre Weise fortsetzt: eine formale Behauptung. Der Bahnhof von Brest erinnert an frühere Heldengedenktage, an große weiße Denkmäler mit gereckten Armen und waffenstarrendem, pathetischem Blick. Alles ist Neubau, alles ist von einer Moderne, die in Beton zerfranst. Der Hafen besteht aus großen Kränen, die über mehrere, im Halbrund aufgereihte halbhohe Silos kreisen. Hier gibt es keine Geschichte, sie wurde im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten ausgelöscht. Brest war ein militärisches Hauptquartier der Deutschen. Der Park am Bahnhof ist leer. Und der Wirt der Restauration am Bahnhof, der während des Sprechens mit offenem Mund die Zähigkeit seines Weißbrots zur Schau stellt, weiß von nichts.

In der gelben Straße lief Brest aus, hier waren die letzten Sendboten der Moderne dabei, zu versanden. Uneinsehbare Schneisen führten ins Nichts. Es war Zufall, dass wir nach einer weit geschwungenen Kurve plötzlich ein verrostetes Schild entdeckten, auf dem kaum kenntlich "Kerléac" geschrieben war, in kleinen, dahindämmernden Lettern. Der Weg, in den wir dann einbogen, führte nach einem Kilometer in einen Bauernhof, mündete in einen mit Pflastersteinen und Gräsern gebildeten Halbkreis und ließ die Wahl zwischen zwei, drei kleinen Gebäuden. Sie waren alle leer. An einer Stalltür hing ein verwitterter Anschlag der Gemeinde Trébabu, der auf Probleme der Wasserversorgung hinwies. Kein Hund bellte. Und von einer Mühle war nichts zu sehen. Wir entschieden, auf die gelbe Straße zurückzufahren und den Bach zu suchen, der unterhalb dieses Hofes "Kerléac" eingezeichnet war. Die Mühle musste an diesem Bach stehen. Die nächste Abzweigung führte nach Kerlovan, wir fuhren an einem langgestreckten Bauernhof vorbei, an dessen verwitternden Außenmauern große, weiße Blüten standen - ihre großen Kelche, ihre Feierlichkeit warf ein Licht zurück auf die Steine, an denen sie sich emporrankten. Dann ging es bergab, in einem Hohlweg, an den Seiten sah man zwei Meter hoch die massige, feuchte bretonische Erde, und an einer Biegung stand eine alte Kirche, die unerwartet groß über das enge Tal sah. Sie setzte sich aus den grauen Steinquadern zusammen, die hier für Wind und Wetter stehen, und wirkte verloren inmitten der verstreuten kleinen Behausungen, der großen Hänge mit dichten hochgewachsenen Bäumen, der kleinen Straße, auf der niemand fuhr.

Das Haus neben der Kirche war abgedeckt. Zwischen manchen Fenstern hingen noch zersplitterte Glasscheiben. Das Gelände war groß, aber aufgegeben. Die Straße ging in einen Fahrweg mit Mittelstreifen über, auf dem das Gras immer höher wuchs, die Fahrrillen wurden enger und morastiger, und an einer Wegbiegung stand ein großer schwarzer Hund, von dem nicht zu ahnen war, wohin er gehörte. Wir fuhren weiter. Ein Stall war zu sehen, aus dem das Gestein herausbröckelte, kleine Verwerfungen ohne Sinn. Wald, Gras, Geröll, es wurde eng. Doch dann begannen die Bäume zie

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