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Hunger und Seide Essays von Müller, Herta (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.02.2015
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Hunger und Seide

'Hunger und Seide' enthält Herta Müllers Essays aus den Jahren von 1990 bis 1995, also den Zusammenbruch des Sozialismus und das Entstehen neuer kurzlebiger Utopien: 'Wenn Utopien, während sie ausgedacht und aufgeschrieben werden, von einem Satz zum anderen auch nur einen Augenblick in einem einzigen Menschen lachen, essen, gehen oder schlafen müssten, gäbe es keine.' Wahrheit und Lüge, Aufrichtigkeit und Betrug, Macht und Widerstand in der Diktatur, das sind die großen Themen der mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Autorin. 'Ein Satz von Herta Müller kann einen Roman ersetzen' - die Worte von Verena Auffermann (Süddeutsche Zeitung) charakterisieren auch die Kraft dieser Essays. Herta Müller, 1953 in Nitzkydorf/Rumänien geboren, lebt seit 1987 als Schriftstellerin in Berlin. Ihr Werk erscheint bei Hanser. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ist die Literaturnobelpreisträgerin 2009.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 02.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446249660
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 1386 kBytes
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Hunger und Seide

VON DER GEBRECHLICHEN

EINRICHTUNG DER WELT

Rede zur Verleihung des
Kleist-Preises 1994

Man liest bei Kleist, wie die Welt weder im Wissen noch im Fühlen zu erfahren ist. Wie alles aufeinander hilflos angewiesen und einander ausgeliefert ist. Wie es sich selber aussucht, was vom Äußeren im Kopf innen stehenbleibt. Wie es im Stehen schläft und schlafend immer nach sich selber horcht. Und es horcht so, dass man ihm erliegt. Ob man, was das Leben ausmacht, durch sich selber oder durch andere erfährt, ob man es als Schweigen für sich behält oder als Satz aus dem Schädel hinausschickt, es kann seinen Ausgangspunkt nicht behalten, seine eigene Absicht nicht einlösen. Es gibt für das, was das Leben ausmacht, keinen Durchblick. Nur gebrechliche Einrichtungen des Augenblicks. Und Zurechtlegungen, die nicht bis zum nächsten Schritt halten.

Als ein sieben Jahre altes Kind damals am Dorfrand mit dem Pferd in den Fluss ritt, badeten im gleichen Wasser viele Kinder. Sie hatten die Sonne auf dem Kopf und nichts als ihre Haut an. Sie sahen eine Weile neidisch auf das Kind, das auf dem Pferd ins Wasser kam. Der Bauch des Pferdes glänzte, schon bevor er nass war.

Als das Pferd mitten in den Schlingen des Flusses dieses Kind von seinem Rücken abwarf und unter seinen Hufen zu Tode trat, sah niemand hin. Der Neid der Kinder war längst vorbei, jedes von ihnen schon längst mit seiner eigenen nassen Haut beschäftigt. Und dennoch waren alle dabei, als das Pferd dieses Kind unterm Wasser zu Tode trat. Auch der Vater des Kindes war dabei. Er stand am Ufer und schaufelte Sand. Er nützte den späten Sommer und baute ein Haus, das man im Winter, der bald kam, bewohnen konnte.

Erst als der Sand auf den Wagen geschaufelt war, sah der Vater im Fluss sein Pferd ohne Kind. Er schwamm in all seinen Kleidern und tauchte. Wenig später trug er das tote Kind ans Ufer und legte es hin.

Ein paar Kinder sahen damals, dass ein Mensch in einem Augenblick altern kann: Das Haar dieses Mannes wurde in der Schnelle eines Augenaufschlags grau. Ein Dutzend Augenpaare sahen alles, was geschah. Dennoch hatten die Kinder nichts gesehen, von dem sie hätten sagen können, wie es vor sich ging. Es war der offenste Vorgang und die glatteste Täuschung in einem gewesen, wie sich das Leben dieses Mannes so ähnlich und ganz anders als der Tod seines Kindes bis zum Ende streckte.

Der Vorgang zeigte alles und nicht mehr, als wenn sich jemand vor den Augen mit einem einzigen Handgriff eine graue Decke überwirft, die es vor dem Handgriff noch nicht gab.

Dann führte der grau gewordene Mann das Pferd aus dem Wasser und band es mit dem Strick an einen knotigen Holzapfelbaum. Dann nahm er die Axt vom Wagen und schlug dem Pferd auf die Stirn. Die kleinen, schiefen Äpfel fielen vom Baum. Das Pferd sah zwischen den Schlägen der Axt, bis es umfiel, Auge in Auge den Mann an. Und er schlug auf die liegende Stirn, bis sie brach. Der Mann konnte nicht aufhören, bis sein Entsetzen sich in Hieben verausgabt hatte. Erst dann kam der Schmerz, der ihn lähmte.

Alle blieben stumm. Nur das Wasser hörte man rauschen. Die Axt hörte man schlagen, aber viel zu leise für das, was sie tat. Die Äpfel hörte man fallen. Das Pferd hörte man Schreie zerbeißen, aber diese hörten sich zu klein an im Vergleich zu einem so großen Tier, das getötet hatte. Niemand störte den Mann mit der Axt.

Es war selbstverständlich und gerecht, dass jetzt auch das Pferd starb. Denn wer konnte und wollte begreifen, dass hier ein Tier nach Menschenmaß bestraft wurde. Dass dies Pferd weder gut noch böse, sondern jenseits der Tat und ein Pferd war. Weil das Pferd lebte und das Kind tot war, wusste man, dass ab nun das Pferd alle Tage an genau der Stelle auf der Welt stehen würde, wo das tote Kind fehlte. Und das durfte nicht sein. Jeder Hieb der Axt zeigte mehr, woraus ein Pferde

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