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Im nächsten Leben Reportagen und Porträts von Osang, Alexander (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.01.2012
  • Verlag: Ch. Links Verlag
eBook (ePUB)

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Im nächsten Leben

Alexander Osang hat sich mit seinen hintergründigen, hellsichtigen und pointierten Reportagen ein großes Publikum erobert. In seinem zehnten Publizistik-Band beschreibt der preisgekrönte Spiegel-Journalist vor allem Menschen, die gern etwas anderes sein wollen, die von einem nächsten Leben träumen oder einen Neuanfang wagen. Er porträtiert den Schauspieler Ulrich Mühe, der nie seiner ostdeutschen Vergangenheit entfliehen konnte, den Hollywood-Reporter Tom Kummer, der sich nicht nur Interviews mit Filmstars ausdachte, einen Pforzheimer Zuhälter, der endlich aus dem Rotlichtmilieu treten will, deutsche Rentner, die in Thailand das Paradies suchen, amerikanische Kriegsveteranen aus fünf Jahrzehnten, die keinen Frieden finden, den Musiker Cat Stevens, der sein Heil in einer neuen Religion sucht und viele andere Menschen, die auf eine zweite Chance hoffen. Alexander Osang: Jahrgang 1962, Studium der Journalistik in Leipzig, Wirtschaftsredakteur, später Chefreporter der Berliner Zeitung, 1999-2006 Reporter für Spiegel und Berliner Zeitung in New York, 1993, 1999, 2001 Egon-Erwin-Kisch-Preis, 1995 Theodor-Wolff-Preis, Roman: 'Die Nachrichten', Frankfurt/Main, 2000.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 01.01.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783862841073
    Verlag: Ch. Links Verlag
    Größe: 258 kBytes
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Im nächsten Leben

Die ewigen Jagdgründe

Ein Vorwort

Vor zweieinhalb Jahren fragte mich der Berliner Regisseur Carsten Fiebeler, ob ich Lust hätte, gemeinsam mit ihm einen Indianerfilm zu schreiben. Ich war gerade aus New York zurückgekehrt, wo ich sieben Jahre gelebt hatte, und dachte, da gäbe es womöglich einen Zusammenhang. Im Grunde war der letzte Mohikaner ja durch die Wälder New Yorks gestreift wie ich. Carsten Fiebeler aber wollte einen Film darüber machen, wie man in den immer schneller werdenden Zeiten in Würde altern kann, sagte er. Zwei alte Indianer sollten gemeinsam zu einer letzten Reise aufbrechen. Die beiden kämen aus verschiedenen, verfeindeten Stämmen. Sie waren von der Jugend verstoßen worden, eine Notgemeinschaft, die sich auf dieser Reise näherkäme. Es sollte ein Film werden, in dem es um Herkunft und Stolz und den Tod geht. Die Hauptrollen sollten die beiden größten Indianer spielen, die das deutsche Kino je hervorgebracht hat, sagte Carsten Fiebeler.

Gojko Mitic und Pierre Brice.

In diesem Moment ahnte ich, wieso er auf mich gekommen war. Es hatte ganz sicher nichts mit den Wäldern New Yorks zu tun.

"Gojko und Winnetou. Verfeindete Stämme. Denkt man da nicht sofort wieder nur an eine Ost-West-Geschichte?", sagte ich.

"Nicht nur", sagte Carsten Fiebeler.

Wir saßen im Garten des Restaurants "Brot & Rosen" am Friedrichshain, ab und zu platterte ein sanfter Schuttregen auf den Baldachin über unseren Köpfen, der Hausbesitzer baute das Dachgeschoss aus, von dem aus man sicher einen wunderbaren Blick über die ganze Stadt haben würde. Das Viertel hatte sich in der Zeit, in der ich in Amerika war, komplett verändert. Es gab jetzt zehnmal so viele italienische Feinkostläden und Kinderwagen wie vor meiner Abreise, und im vietnamesischen Lebensmittelladen lag die Wochenendausgabe der New York Times. Ich sah auf den Volkspark Friedrichshain, durch den ich als Junge mit Pfeil und Bogen gerannt war. Der Bogen war aus Haselnussholz gewesen, im Pfeil steckte eine lange Stricknadel, die ich meiner Mutter geklaut hatte. Im Sommer schossen wir mit unseren Stricknadelpfeilen auf die verlassenen Wagen des Zirkus Aeros, die auf einem großen Platz hinter unserem Wohngebiet abgestellt worden waren. Dort waren meine Jagdgründe. Ich war klein, dick und sommersprossig, im Herzen aber eine Rothaut. Einmal hätte ich in dieser Rolle Andreas Hohensee aus dem Nebenaufgang unseres Wohnblockes mit meiner Stricknadel fast ein Auge ausgeschossen. Ich sehe noch heute meinen Pfeil, der knapp neben Andreas' Kopf im Zirkuswagenholz zitterte. "Sag' ma, spinnst du oda wat!", schrie Hohni, wie wir ihn nannten. Ich sah ihn mitleidlos an. Die Sonne brannte auf den Prenzlauer Berg, wir waren zehn oder elf, Charaktere wie aus dem "Herrn der Fliegen".

Carsten Fiebeler erzählte von einer deutschen Indianerbegeisterung, die weltweit einmalig sei und erstmal nichts mit Ost und West zu tun habe. Ähnlich wie den Italowestern gab es ja den deutschen Indianerfilm, ein eigenes Filmgenre sozusagen. In den deutschen Wildwestgeschichten sind fast immer die Indianer die Helden, sagte Fiebeler, der, wie mir auffiel, selbst ein wenig aussah wie ein älter gewordener Indianer.

Ich dachte darüber nach, wie schnell Pierre Brice und Gojko Mitic momentan aufs Pferd kamen. Es war doch schon sehr lange her. Meine Liebe zum DEFA-Indianerfilm erlosch vor etwa 40 Jahren, als Gojko Mitic nicht mehr Phantasieindianer spielen durfte, sondern nur noch historisch verbürgte Charaktere wie Tecumseh und Osceola, die sich, wie wir, mit dem US-amerikanischen Imperialismus auseinandersetzen mussten. Bis dahin aber hatte ich mich auf jeden Indianerfilm gefreut wie auf Weihnachten. Ich renne heute nicht mehr mit Pfeil und Bogen durch den Park, ich spiele jetzt dort Tennis. Der Indianer in mir war ein wenig hüftsteif geworden, aber er trieb mich immer noch um die Welt. Womöglich konnte ich von den beiden Alten lernen, wo die Re

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