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Legende einer späten Jahreszeit von Charlet, Sigrid (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.08.2015
  • Verlag: novum pro Verlag
eBook (ePUB)
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Legende einer späten Jahreszeit

Emilie und Willi lernen sich im zerstörten Europa nach dem Ersten Weltkrieg kennen. Trotz der herrschenden Not bekommen die beiden gemeinsam zehn Kinder. Doch der Zweite Weltkrieg reißt die Familie auseinander. Emilie muss mit den Kindern flüchten, doch sie werden beschossen - mit nur zwei von acht Kindern kam sie in Stettin an und hofft, Willi und die verlorenen Kinder dort zu finden, leider vergebens. Emilie wird krank und stirbt, ihre Kinder werden zu Waisen. Als Willi aus der Gefangenschaft kommt, ist Stettin schon unter polnischer Verwaltung. Die verzweifelte Suche nach seinen Kindern beginnt. Dann senkt sich auch noch der Eiserne Vorhang... Die Autorin beschreibt ihre eigene, ergreifende Lebensgeschichte. Sigrid Charlet, geboren 1931 in Stettin, Pommern, lebt seit 1949 in der Schweiz. In diesem Buch erzählt sie über ihr konfuses Leben, über die kleinen Freuden, aber auch über das große Leid während des Zweiten Weltkrieges. Weder Hunger noch Kälte, noch die Trennung von ihrer Familie konnten ihren Mut und ihre Courage zerstören, das Leben zu meistern. Diese wahre Geschichte möge allen von ihrer Heimat Vertriebenen neuen Mut geben.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 212
    Erscheinungsdatum: 26.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783990389034
    Verlag: novum pro Verlag
    Größe: 521 kBytes
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Legende einer späten Jahreszeit

Kapitel 1 - Die Eltern

Kalt war es, eisig kalt. Die gesamte östliche Region Deutschlands lag leblos und gefroren unter Eis und Schnee. Dieser Winter 1925 war für die Bewohner der Stadt Stettin an der Odermündung besonders hart. Pferdewagen blieben auf den schneeverwehten Straßen stecken und die seltenen Autos schlitterten wie Eisläufer über die Straßen. Ein Polarwind, von der Ostsee her kommend, heulte um die Häuserblocks. Die Stadt war wie ausgestorben. Wer nicht unbedingt hinaus musste, saß auf der Ofenbank in der warmen Stube. Die wenigen Passanten, die sich auf die Straße wagten, waren in dicke Mäntel und wollene Schals gehüllt. Nur einer kämpfte sich mit Freude im Herzen seiner Wohnung entgegen. Es war Willi. Seinen Mantelkragen hatte er hochgestellt, die Mütze weit in die Stirn gezogen und die Hände tief in die Taschen vergraben. Die Nasenspitze zum Himmel gestreckt zog er die Straße entlang und versuchte sogar, mit seinen blauen Lippen ein Lied zu pfeifen. In seinen Ohren klangen noch die Lobeshymnen seines Chefs, des Schustermeisters Schmalz, nach für die guten Leistungen, die er während seiner Lehrzeit vollbracht hatte, verbunden mit dem Versprechen, einige Mark mehr Lohn im Monat zu zahlen. Aufgeräumt und zufrieden schritt er gemächlich dahin und sah den fliegenden Wolken nach. Dabei konnte er dem entgegenkommenden Hindernis plötzlich nicht mehr ausweichen ...

Lucie, Kriegerwitwe seit 1916, hatte ihren Beruf als Hutmacherin wieder aufgenommen. So verdiente sie sich ein paar Mark dazu und konnte ihrer Tochter Erna eine bessere Schule bezahlen. Die Zeiten waren hart, das Leben teuer und die magere Rente schnell verbraucht.

Der Hut von Frau von Lettow war noch rechtzeitig fertig geworden, sie hatte die halbe Nacht daran gearbeitet. Und so schickte sie ihre Tochter Erna auf den Weg, ihn abzuliefern. "Beeil dich, mein Kind, du weißt genau, Frau von Lettow duldet keine Verspätung!" Aber Erna war pünktlich. Sie freute sich schon auf die kleine Belohnung, die ihren Sparstrumpf ein wenig aufpäppeln würde. Vom Sturm getrieben, krampfhaft den großen Hutkarton haltend, segelte sie buchstäblich auf der vereisten Straße in Willis Arme ... So begann ihr großes gemeinsames Glück - zwei junge Leute fanden Gefallen aneinander. Und wie das Leben so spielte, sahen sie sich wieder. Mitten im eisigen Winter entstand eine heiße Leidenschaft.

Monate waren vergangen. Dem frostigen Winter folgte ein lauer Frühling. Auf den Wiesen schmolz der Schnee und machte den Frühlingsblumen Platz. Vom Fluss her stieg leichter Nebel auf. Ungeduldig saß Willi am Ufer und warf kleine Steine in die Oder. Gespannt wartete er auf seine Erna, denn er hatte eine Überraschung für sie. Für die Abschlussprüfung seiner Lehre hatte er ein paar Schuhe für sie angefertigt, es sollte ein Verlobungsgeschenk sein. Sie waren aus weichem Leder geschustert, mit einer großen Spange und einem Querriemen auf der Seite, so, wie es im Jahre 1925 Mode war. Nichts war ihm zu schön für sein Mädchen mit dem seidigen, braunen Haar, welches in zwei Zöpfen ihr schmales Gesicht umrahmte. Und wenn ihre grünen Augen ihn anstrahlten, war seine Leidenschaft nicht mehr zu bändigen.

Im weißen Häuschen neben den Schrebergärten rieb sich Willis Mutter verzweifelt die Hände; das hatte ihr gerade noch gefehlt - Willi wollte dieses Mädchen, eine Halbwaise, heiraten. Eine, die nichts hatte und nichts war. So ein flotter Junge, und einen einträglichen Beruf hatte er auch, er hätte doch eine bessere Partie machen können. Ein nettes Fräulein, es brauchte ja nicht unbedingt hübsch zu sein, aber Geld sollte es haben. Sie hatte immer sehr gehofft, dass eine Schwiegertochter dazu beitragen würde, dass sich ihr Sohn gut etablieren könne. Ein hübscher Laden mit einer kleinen Werkstatt schwebte ihr vor. Immerhin hatte ihr Sohn einen Beruf und auch Arbeit, was ja in diesen schweren Ze

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