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Pinocchio und kein Ende Notizen zur Literatur von Schulz, Max Walter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.07.2015
  • Verlag: EDITION digital
eBook (PDF)
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Pinocchio und kein Ende

Wie kommt einer zur Literatur? Wie begreift er das Lebensnotwendige vom Lesen und Schreiben? Max Walter Schulz, bekannt als Romancier und Essayist, geht in diesen Notizen zur Literatur eigenen Wegen der künstlerischen Praxis nach. Schreibt über das unersetzbare Vergnügen des Buchlesens. Bietet ein lehrhaft-unlehrhaftes Prosaseminar über den berühmten Hampelmann Pinocchio. Gibt Auskünfte über die Arbeit am erzählerischen Werk und über den Umgang mit Gefährten aus Vergangenheit und Gegenwart: Georg Büchner, Hermann Hesse, Willi Bredel, Alfred Andersch, Grigori Baklanow. Anlässe nützen die Möglichkeit, weitergreifende Anliegen sichtbar zu machen, Aussagen zu treffen über die persönliche und gesellschaftliche Verantwortung beim Schreiben der Wahrheit. Erkennbar in der Verständigung über das eigene Schaffen und über die Möglichkeit der Literatur im Ganzen. Kunst des Essays, Kultur der Sprache dienen dem Weitergreifenden, das über Anlässe hinaus ins Bedeutsamere zielt. Es ist ein Lesevergnügen, ein geistiges Vergnügen, dem Autor Max Walter Schulz, seinen Fragen, seinen Überlegungen, seinen poetischen Notizen zu folgen. INHALT: Konfession Wie ich zur Literatur kam Von einigen Eigenschaften, die wir an Willi Bredel haben Rede über die wohltuende Unersetzbarkeit des Buchlesens Rendezvous mit Georg Büchner Einige Notizen zur DDR-Literatur über den Krieg Notiz zu Thomas Mann Beim Wiederlesen des "Glasperlenspiel" Gedanken über die Zeit. Zum 40. Jahrestag der Gründung des sowjetischen Schriftstellerverbandes Wir schreiben, wie wir leben - Anmerkungen zu Baklanows Romanen Mehr als polyfon umgrenztes Weiß - Alfred Andersch, Winterspelt Vor dem neuen Buch Arbeits-Auskünfte. Interview mit Klaus Schuhmann Pinocchio und kein Ende. Prosa-Seminar über einen begabten Hampelmann 1. Wie wir zu einem Modell kommen 2. Schöpfungsgeschichte 3. Erste Gehversuche 4. Das Talent begeht Totschlag 5. Vorladung eines anderen talentierten Übeltäters als Entlastungszeugen 6. Längere Produktionsberatung 7. Verzögerter Zwischenruf 8. Pinocchio gelobt Besserung 9. Aufklärung 10. Nutzanwendung Anmerkungen Professor Dr. hc. Max Walter Schulz wurde am 31. Oktober 1921 in Scheibenberg/Erzgebirge geboren und ist am 15. November 1991 in Berlin verstorben. Von 1939 bis 1945 nahm er als Soldat am 2. Weltkrieg teil, anschließend amerikanische Kriegsgefangenschaft. 1946 bis 1950 Pädagogikstudium in Leipzig, danach Lehrer. 1987 Verleihung der Ehrendoktorwürde der Pädagogischen Hochschule Leipzig. 1957 bis 1958 Studium am Literaturinstitut "Johannes R. Becher" in Leipzig, von 1964 bis 1983 Direktor dieses Instituts. 1969 bis 1990 Vizepräsident des Schriftstellerverbandes der DDR. Seit 1969 Mitglied der Akademie der Künste. 1983 bis 1990 Chefredakteur der Zeitschrift "Sinn und Form". Auszeichnungen: 1963: Literaturpreis des FDGB 1964, 1980 Nationalpreis der DDR 1978: Vaterländischer Verdienstorden

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 179
    Erscheinungsdatum: 03.07.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783956552670
    Verlag: EDITION digital
    Größe: 1217 kBytes
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Pinocchio und kein Ende

Vor längerer Zeit erzählte Alfred Kurella von diesen Dingen. In den zwanziger Jahren traf er sich eines Tages mit Henri Barbuße auf einem dieser Schauplätze. Es stellte sich heraus, dass er, der Deutsche, und Barbuße, der Franzose, sich dort gegenübergelegen hatten: in Schützengräben, einen Steinwurf weit auseinander. Sie gingen in die alten Postenstände und besahen sich das Gelände ihrer schrecklichsten Erinnerung. Aber wie ihnen im Krieg die Topografie jedes Quadratmeters vertraut gewesen war, so fanden sie sich nunmehr nur noch schwer zurecht. Die lebendige Erinnerung deckte sich nicht mehr mit der naturalistischen Bildkonserve. Es war nicht ihr Krieg gewesen. Das historische Bewusstsein, beiderseits vom Antiimperialismus bestimmt, hatte sich aus der einst dennoch erzwungenen Optik des Feindbildes, sogar aus der Bildschärfe der Angst befreit. Es war fester, unverrückbarer in die Optik der parteinehmenden Wahrheit übergegangen. Ja tatsächlich: auch das ästhetische Abbild der wirklichen Wahrheit ergibt sich in seinem Wesen und zu überraschend großen Teilen sogar in den Details seiner Erscheinungen aus der weltanschaulichen Sicht des Menschen. Ein altes Gesetz der Ästhetik; es gilt für die Ausbildung der Geschichte ebenso gut wie für die Abbildung der Gegenwart und der Zukunft. Wenn es mit sensualistischer Argumentation geleugnet wird, wird in der Regel die Erkenntnisfunktion der Kunst, bzw. die Erkenntnisfähigkeit des Menschen geleugnet. Die künstlerische Darstellung des Krieges jedoch gebietet Erkenntnis im höchsten Maß: letzten Endes dem Leben zuliebe. Ich weiß nicht, ob ich Kurella in seinem Sinn richtig interpretiert habe. Ich erinnere mich seiner Episode, während ich über das Gespräch nachdenke, das wir im Juni d. J. im Berliner Klub der Kulturschaffenden mit sowjetischen Freunden, Schriftstellern, Teilnehmern des 2. Weltkrieges, geführt haben. Im bedingten Sinn noch vergleichbar, hatte ich vorher eine andere "Schlachtfeldbesichtigung" erlebt: den zweiteiligen sowjetischen Film über die Schlacht im Kursker Bogen. Ich sah die Landschaft der Schlacht wieder, die weite, wellige, schluchtendurchzogene russische Landschaft unter ihrem hohen breiten Himmel. Das Berliner Filmtheater "Kosmos" besitzt eine ausgezeichnete Klimaanlage. Doch hol' mich der Teufel des Widerspruchs: plötzlich roch ich wieder den scharfen schwarzgrünen Geruch der Wermutstauden, die auf der Bodenwelle wucherten, auf der wir uns damals mit den Geschützen zum Angriff eingegraben hatten, auf denen uns damals, kurz vor dem befohlenen Angriff der schwere sowjetische Feuerüberfall mit ganzer Wucht traf. Ich roch den schwarzgrünen Wermut wieder, ich hörte das Röcheln eines sterbenden Freundes wieder, ich spürte die Schmetterschläge der Explosionen wieder, aber - ich fand mich nicht mehr ein auf dem Hügel des deutschen Angriffs.

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