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Rotlicht Die Lust, der Markt und wir von Bossong, Nora (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.02.2017
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
15,99 €
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Rotlicht

Alles begann mit dem altmodischen Plüsch eines Sexshops. Als Kind traute sich Nora Bossong nur, ihn aus den Augenwinkeln zu betrachten. Als junge Frau aber wagt sie sich in jene Geheimzone, in der Lust nackte Arbeit ist und unsere Sexualität und der Kapitalismus frontal aufeinanderprallen. Sie trifft harmlose Studenten bei Dildo-Präsentationen und altersweise Pornoproduzenten. Sie steht in schäbigen Sexkinos und am Salat-Buffet eines Swingerclubs. Mit funkelnder Beobachtungsgabe erzählt Nora Bossong von einer Gesellschaft, die das Verruchte immer abwaschbarer gestaltet. Und sie stellt die Frage, warum das Rotlichtmilieu die echte Wollust nur an den Mann bringen will - und niemals an die Frau. Nora Bossong, 1982 in Bremen geboren, studierte in Berlin, Leipzig und Rom Philosophie und Komparatistik. Im Hanser Verlag erschienen Sommer vor den Mauern (Gedichte, 2011), Gesellschaft mit beschränkter Haftung (Roman, 2012), Schnelle Nummer (Hanser Box, 2014), 36,9 Grad (Roman, 2015) und Rotlicht (2017). Nora Bossong wurde unter anderem mit dem Peter-Huchel-Preis, dem Kunstpreis Berlin und dem Roswitha-Preis ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 20.02.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446256194
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 1191 kBytes
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Rotlicht

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Lust gibt es nicht geschenkt, auch wenn wir das so gerne glauben wollen. Ich habe das erst spät begriffen, vielleicht bin ich noch immer dabei. Jedes Mal, wenn ich über den Bahnhofsvorplatz meiner Heimatstadt gehe, muss ich daran denken. Noch immer halte ich dort nach einer rot lackierten Tür Ausschau, an der mein Blick früher oft hängen blieb. Sie gehörte zu einem einfachen Sexshop, wie es ihn einmal in jeder mittelgroßen Stadt in Bahnhofsnähe gab, schmuddelig, verrufen und trostlos. Dieser Sexshop faszinierte mich damals. Er faszinierte mich umso mehr, je weniger ich konkret über diesen Ort wusste. Nur manchmal sah ich einen Mann an mir vorbei in den Laden gehen, wie von einem geheimen Ritual in die Geschäftsräume gezogen.

Meine Kindheit endete damit, dass ich nicht mehr jeden Samstag mit meinen Eltern die Stufen zum Überseemuseum hinaufstieg, um mir strohige Hütten aus Papua-Neuguinea und chinesische Totenzüge anzusehen. Meine Pubertät begann, als mir der zweite exotische Ort am Bremer Bahnhofsvorplatz bewusst wurde: der Beate-Uhse-Laden, mir genauso fremd und fern wie eine Insel im Pazifik. Immer wieder warf ich verstohlene Blicke auf die Eingangstür, neben mir eine Freundin, mit der ich kichernd weiterlief. Obwohl wir bei unseren heimlichen Seitenblicken aufgewühlt waren, fast wütend, unsere Entrüstung diffus und konkret zugleich, verloren wir niemals auch nur ein offenes Wort über den Laden. Wir stellten uns wohl nur schweigend dieselben Fragen: Was genau verbarg die rote Tür, die erst ab einem Alter passiert werden durfte, das für uns in weiter Ferne lag, hinter unzähligen Schuljahren, Zeugnissen, Sommerferien? Wer ging dort ein und aus? Und warum wussten wir so genau, dass wir unter keinen Umständen auch nur das Schaufenster betrachten durften?

Wir waren elf Jahre alt. Heute denke ich: Vielleicht erlebten wir noch ein letztes Mal jene vertrauensvolle Neugier, die Kinder empfinden, wenn sie kurz vor dem Einschlafen im Dunkeln die Stimmen der Erwachsenen im Nebenzimmer hören: Signale aus einer Welt, die ihnen allein schon deshalb begehrenswert erscheint, weil sie vor ihnen verborgen ist. Nur die Wärme, die die vertrauten Elternstimmen in ein solches Begehren hineintragen, gab es bei unseren heimlichen Blicken auf die rot lackierte Tür nicht mehr.

Wurden damals, Mitte der neunziger Jahre, Vibratoren in der Auslage präsentiert, oder wäre das noch zu anstößig gewesen? Wurde überhaupt etwas ausgestellt, oder war das Fenster mit roter Plastikfolie abgeklebt? Ich kann mich nicht erinnern. Gut möglich, dass im Beate-Uhse-Laden meiner Schulzeit das Schmuddelige bereits nach außen getragen werden durfte, dass dort hinter der Scheibe Pornomagazine und Strapse auslagen, Jahre bevor Unternehmen wie die Bremer Fun Factory ihre taghellen Shops zu einer Art Apple Stores für das möglichst saubere, stylische Erotikgeschäft machten. Ein Klassenkamerad, mit dem ich vielleicht auch einmal an jenem roten Schaufenster vorbeigegangen bin, arbeitet heute dort. Die Fun Factory stellt ästhetische Dildos und Vibratoren her und passt sie nicht nur den Körpern der Frauen an, sondern auch unserem immer größer werdenden Wunsch, nichts Anrüchiges in der Hand zu halten.

Doch damals ging es uns nicht um die Auslage. Das eigentliche Mysterium lag darin, wer das Innere des Geschäftes betreten durfte und wer nicht, mehr noch: wer auch nur daran denken durfte, und wer sogar in seinen Gefühlen von dieser Welt abzurücken hatte. Die bloße Existenz des Ladens ließ uns spüren, dass uns etwas kategorisch verschlossen war, mir in meinem türkisfarbenen Anorak, meiner Freundin mit ihrem pinken Schulranzen. Einmal schaukelten sich Scham und Neugier bis zur Hysterie hoch, und wir wären an der Ampel beinahe vor Lachen in die Knie gegangen, hasteten dann aber doch Hand in Hand die letzten Schritte hinüber auf die Verkehrsinsel.

Übertreten habe ich die Schwell

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