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Spiel gegen sich selbst Feuilletons & Geschichten von Borchert, Jürgen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.01.2014
  • Verlag: EDITION digital
eBook (ePUB)
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Spiel gegen sich selbst

Dieses Buch ist eine freundliche Einladung, eine Einladung zu Jürgen Borchert und zu seinen Texten. Das 'Spiel gegen sich selbst', das mit ebenso überraschend kombinierten wie lesenswerten 'Auskünften zur Person' eröffnet wird, versammelt seine schönsten Feuilletons, Geschichten und Miniaturen aus seinen Bänden 'Klappersteine' (1977), 'Elefant auf der Briefwaage' (1979) und 'Efeu pflücken' (1982) sowie bis dahin unveröffentlichte Texte und Arbeiten für regionale Publikationen. Das bringt Aufklärung über den Schriftsteller selbst und seine Art zu schreiben, über das Feuilleton und über die Kollegen, denen er sich verwandt fühlte. Dazu lese man vor allem seinen wunderbaren Text 'Wie ich Auburtinist wurde', in dem er auch erklärt, aus welchem persönlichen Gründen ihm Victor Auburtin schon ein Begriff war, ehe er auch nur ein einziges Feuilleton geschrieben hatte. Und noch immer bemerkenswert ist nicht zuletzt der Schluss seiner 'Auskünfte zur Person', in denen Jürgen Borchert in dem erstmals 1987 im Mitteldeutschen Verlag Halle-Leipzig erschienenen Auswahlband schrieb: 'Ich bin alt genug, um zu wissen, wohin ich gehöre. Ich mag es nicht, wenn man mir erklärt, wie ich denken soll. Ich schätze Brecht nicht sonderlich, halte aber seinen Satz aus dem Galilei, dass das Denken das größte Vergnügen der menschlichen Rasse sei, für einen der wichtigsten Sätze, die in diesem Jahrhundert gesagt worden sind. Ich wünsche, dieses Vergnügen würde zu einem allgemeinen Bedürfnis.' Das Jahrhundert, von dem bei Borchert die Rede, ist allerdings inzwischen das vorige Jahrhundert. INHALT: Auskünfte zur Person Der noch andere Kleist Wie ich Auburtinist wurde Mein Schiller ist aus Gips Arnold in Werben Kleinstädtische Charaktere Medaillons in der Manier Spitzwegs Kindersegen Dr. Carl Ganzel (1799-1888) Braun August Höpfner (1830-1901) 24 senkrecht: Erfinder der Schuhcreme Lotte Lehmann Frau Paulick Vollst. Haush. vorh. Dr. S. Ach, wie ist's möglich dann Geschichten mit und ohne Titel Die Reliquie Im Prinzip wahr Vom groben Otto Unbedeutende Mitteilungen Geschichten ohne Titel Bethke, der unfromme Pastor Fähre zu verkaufen Die Inkas im Ballon Labyrinthe Beiläufige Beobachtung Mitteilungen über den Pfeilstorch Schneegestöber Hexenhaus Der Kahlbutz und ich Fähre zu verkaufen Carpe diem Aber wir Nichtraucher ... Vorschlag, ein Feuilleton über das Luftschiff zu schreiben Grigorescu Sir Williams Lichtmühle Lesebuchgeschichte I Lesebuchgeschichte II Wegelagerer ...

Jürgen Borchert wurde 1941 in Perleberg geboren. Er erlernte den Fotografenberuf und studierte Bibliothekswesen in Berlin und Leipzig. Seinen dritten Beruf, die freie Schriftstellerei, übte er seit 1980 aus. Sein Thema war Norddeutschland. Insbesondere lag ihm Mecklenburg am Herzen: Kulturgeschichte, Biografisches, das Verhältnis von Mensch und Landschaft... Er lebte bis zu seinem Tode im Jahre 2000 in Schwerin. Er bekam den Fritz-Reuter-Preis (1982; 1988) und den Johannes-Gillhoff-Preis (1994).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 297
    Erscheinungsdatum: 31.01.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863946951
    Verlag: EDITION digital
    Größe: 362kBytes
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Spiel gegen sich selbst

Unter dem Birnbaum saß Tante Marianne. Sie sog an ihrer Zigarette, legte sie zielsicher, ohne hinzugucken, mit der Glut nach außen auf die Kante des Gartentisches und griff nach dem Lexikon (falls nicht gerade Tante Amelie darin beschäftigt war). Tante Amelie nämlich saß auch unter dem Birnbaum, der Tante Marianne gegenüber, und das Lexikon lag in der Mitte zwischen den beiden alten Damen auf dem Tisch. Ja, Tante Marianne und Tante Amelie waren meist mit der Lösung von Kreuzworträtseln beschäftigt. Sobald das Wetter es irgend zuließ, wurde "die Laube" bezogen, ein weinlaubumrankter, sehr sympathischer Platz, den ein alter verkrüppelter Birnbaum überschattete. Das Lexikon war ein "Großer Volksbrockhaus" in einem Bande, der noch aus "großer Zeit" stammte, längst seiner Einbanddecken verlustig gegangen war und vor dem endgültigen Auseinanderfallen von ein paar derben Heftpflasterstreifen bewahrt wurde. Als die Tanten Geburtstag hatten (sie waren Zwillinge), schenkte ich ihnen ein neues Lexikon, das selbstredend gebührende Bewunderung fand. Die Tanten stellten das teure Stück in den Glasschrank neben die Bibel, das Auermeyerschc Kochbuch und den vierbändigen Bongschen Schiller in grünem Pressleinen. Auf dem Gartentisch blieb der Volksbrockhaus, und Tante Marianne begründete das damit, dass die Verfasser der Rätselzeitung "Puck" (oder war's der "Kobold"?), auf die sie abonniert waren, wohl zur Verfertigung der Rätsel ebenfalls den "Großen Volksbrockhaus" benützten, denn sie kämen sehr gut damit zurecht. Was nun den Bongschen Schiller angeht, so teilte er wohl das Schicksal des niemals angerührten Lexikons, jedoch aus anderen Gründen: Tante Marianne kannte ihren Schiller und war so sehr mit ihm vertraut, dass sie den Bong höchstens bei Streitfragen hervorholte. Nicht, dass sie Streit mit ihrer Zwillingsschwester gehabt hätte - so etwas kam niemals vor, denn die Lebensaufgaben der Schwestern waren bestens geteilt, eine jede hatte ihre Kompetenzen: Amelie besorgte das Kochen und den Garten, Marianne war mehr für die wissenschaftlichen und finanziellen Fragen zuständig. Sie hatte das Lyzeum besucht und eine Handelsschule und sodann fünfzig Berufsjahre im Büro eines Strafverteidigers zugebracht: deswegen kannte sie Schiller, das Bürgerliche Gesetzbuch und die Bankgeschäfte. Amelie hingegen hatte in einem frommen Stift den Haushalt und das Kochen gelernt und fünfzig Jahre der Küche eines Altersheimes vorgestanden. So konnte nun jede der beiden das Ihre einbringen beim Lösen der Rätsel und der Rätsel des Lebens. Nein, um nun endlich auf Schillern zu kommen: Streit gab es eher mit ihrem naseweisen Neffen, der natürlich von Marianne abgefragt werden musste, wenn Quasimodo ihm entsprechende Exerzitien auferlegt hatte. Entweder: ich hatte Zeilen verwechselt und beharrte auf meinem Standpunkt ("... Doch dir wird die Strafe erlassen, und er muss statt deiner erblassen ..."), oder ich machte aus Dionys einen Doinios, oder es unterlief mir "... des Wanderers Keule in drohend geschwungener Eile"; oder ich stellte wirklich dämliche Fragen, warum der König in der vorletzten Strophe, wenn er ein menschliches Rühren verspüre, die beiden anderen auf den Thron führen ließe, denn ich für mein Teil ginge, wenn ich ein solches ... "Pscht! Dummer Bengel!" sagte Tante Marianne in solchen Fällen entrüstet und holte den grünen Bong aus dem Glasschapp, um mir schwarz auf weiß meine Irrtümer nachzuweisen. Sie war es auch, die mir geduldig den Unterschied zwischen einem Erb-lasser und einem Er-blasser erklärte, wobei sie jedoch nicht umhinkonnte, die aus fünfzigjähriger Erfahrung an den Fleischtöpfen Justitias stammende Erkenntnis einzuräumen, dass natürlich der Erb-lasser gleichzeitig auch einer gewissen fahlen Gesichtsfarbe nicht entgehen könne, nebbich. Und an diesem hundertfachen Lapsus sei Schiller schuld, der Gute, der habe, des Reimes wegen, das Wort "erblassen" für "sterben" verwendet, und zwar

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