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Märchen von Hexen und weisen Frauen Zum Erzählen und Vorlesen

  • Verlag: Königsfurt-Urania Verlag GmbH
eBook (ePUB)
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Märchen von Hexen und weisen Frauen

In vielen bekannten Märchen sind die Hexen böse und hässlich - ein unglückseliges Erbe aus der Zeit der Hexenverfolgungen. Tatsächlich spielen Hexen und weise Frauen in den Märchen und Mythen vieler Völker sehr unterschiedliche und durchaus auch positive Rollen. Die bekannte Märchenforscherin und -erzählerin Sigrid Früh hat in dieser Sammlung Erzählungen zu den drei großen Themenbereichen 'Die Vernichtende und die Bedrohende', 'Die Helfende und die Heilkundige' und 'Mythische Gestalten' aus verschiedenen Ländern Europas zusammengetragen. Sigrid Früh ist eine der bekanntesten Märchen- und Sagenforscherinnen Deutschlands. Sie hält Seminare und Vorträge über Märchen und Sagen, ist Märchenerzählerin in den verschiedensten Instituten, Universitäten, Bibliotheken und Bildungseinrichtungen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783868263480
    Verlag: Königsfurt-Urania Verlag GmbH
    Größe: 537 kBytes
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Märchen von Hexen und weisen Frauen

Die Goldspinnerinnen

Ich will euch eine schöne Geschichte aus dem Erbe der Vorzeit erzählen, welche sich zutrug, als noch die Anger nach alter Weise von der Weisheit-Sprache der Vierfüßer und der Gefiederten widerhallte.

Es lebte einmal vor Zeiten in einem tiefen Walde eine lahme Alte mit drei schönen Töchtern; ihre Hütte lag im Dickicht versteckt. Die Töchter blühten gleich schönen Blumen um der Mutter verdorrten Stumpf. Am schönsten aber war die Jüngste. Doch in dieser Einsamkeit sah sie nur am Tage die Sonne und bei Nacht der Mond und die Augen der Sterne. Die Alte ließ die Mädchen nicht müßig gehen noch säumig sein. Vom Morgen bis zum Abend saßen sie, Tag für Tag, am Spinnrocken und spannen Goldflachs zu Garn. Den armen Mädchen wurde weder am Donnerstag noch am Sonnabend Muße gegönnt. Auch an ihrem Brautschatz durften sie nicht arbeiten. War die Kunkel abgesponnen; so wurde sofort eine neue aufgesetzt, und überdies musste das Garn ganz besonders fein und gleichmäßig sein. Das fertige Garn verwahrte die Alte hinter Schloss und Riegel in einer geheimen Kammer, wohin die Töchter ihren Fuß nicht setzen durften. Von wo der Goldflachs ins Haus gebracht wurde oder zu was für einem Gewebe die Garne gesponnen wurden, das war den Spinnerinnen nicht bekannt geworden. Niemals gab die Mutter auf solche Fragen Antwort.

Zwei- oder dreimal in jedem Sommer machte die Alte eine Reise, man wusste nicht, wohin. Zuweilen blieb sie über eine Woche aus, aber immer kam sie bei Mitternacht zurück, so dass die Töchter niemals erfuhren, was sie mitgebracht. Ehe sie abreiste, teilte sie den Töchtern jedes Mal für so viel Tage Arbeit aus, als sie auszubleiben gedachte.

Nun war wieder die Zeit gekommen, wo die Alte ihre Wanderung unternehmen wollte. Sie teilte auf sechs Tage den Mädchen Gespinst aus und dabei schärfte sie ihnen ein:

"Kinder, lasst die Augen nicht schweifen und haltet die Finger geschickt, damit der Faden in der Spule nicht reißt, sonst würde der Glanz des Goldgarns verschwinden und euch würde es böse ergehen."

Die Mädchen verlachten diese mit Nachdruck gegebene Ermahnung. Noch ehe die Alte auf ihrer Krücke zehn Schritte weit vom Hause war, fingen sie alle drei zu höhnen an.

"Dieses alberne Verbot, das immer wiederholt wird, hätten wir nicht nötig gehabt", sagte die jüngste Schwester, "der Goldfaden reißt nicht beim Zupfen, geschweige denn beim Spinnen." Die andere Schwester setzte hinzu: "Ebenso wenig ist es möglich, dass der Goldglanz sich verliert."

Nun ereignete sich am dritten Tag nach der Mutter Abreise ein unerwarteter Vorfall. Eines Königs Sohn war beim Verfolgen des Wildes von seinen Gefährten abgekommen. Er hatte sich so weit im Walde verirrt, dass er weder das Gebell der Hunde noch das Blasen der Hörner hörte. Alles Rufen fand nur sein eigenes Echo. Ermüdet und verdrießlich stieg der Prinz endlich vom Pferde, um sich im Schatten auszuruhen, während das Pferd sein Futter suchte. Als der Prinz aus dem Schlaf erwachte, stand die Sonne schon niedrig. Von neuem suchte er in die Kreuz und in die Quer nach dem Wege. Endlich entdeckte er einen kleinen Fußsteig, der ihn zur Hütte der lahmen Alten brachte. Wohl erschraken die Töchter, als sie plötzlich den fremden Mann sahen, desgleichen ihr Auge nie zuvor erblickt hatte.

Doch schnell freundeten sie sich mit dem Fremden an, so dass sie über dem Erzählen gar nicht zur Ruhe gehen wollten. Als endlich die älteren Schwestern sich schlafen gelegt hatten, saß die Jüngste noch mit dem Gast auf der Türschwelle, und es kam ihnen diese Nacht kein Schlaf in die Augen.

Die Jäger des Prinzen hatten lange nach ihm Ausschau gehalten. Unermüdlich durchsuchten sie den Wald nach allen Seiten, bis das Dunkel der Nacht dem Suchen ein Ende setzte. Dann wurden zwei von ihnen in die Stadt zu

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