text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Überleben am Red River von Bichsel, Therese (eBook)

  • Verlag: Zytglogge Verlag
eBook (ePUB)
23,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Überleben am Red River

Angelockt von den Beschreibungen des verschuldeten Hauptmanns Rudolf von May, eines Berner Patriziers, der Kolonisten anwirbt, wandern im frühen 19. Jahrhundert rund 170 Menschen aus Bern und Neuenburg nach Kanada in die Gegend des heutigen Winnipeg aus. Die hoffnungsvoll begonnene Reise in ein neues Leben steht unter keinem guten Stern: Die vollmundigen Anpreisungen des Hauptmanns entpuppen sich weitgehend als leere Versprechen. Als die völlig erschöpften Auswanderer bei Wintereinbruch endlich den Zielort am Roten Fluss erreichen, erwartet sie grosse Not. Die Frauen, über die in dieser Männergesellschaft verfügt wird, trifft es besonders hart. Der Roman basiert auf einer wahren Geschichte, die in Briefen, Zeitungsartikeln und Erinnerungen gut dokumentiert ist. Der damals erst 15-jährige Maler Peter Rindisbacher (1806-1834) hat alle Stationen der beschwerlichen Schiffsreise über den Atlantik und von der Hudson Bay bis Fort Douglas in Bildern festgehalten. Seine Schwester Elisabeth sowie Anni Scheidegger, bei Beginn der grossen Reise zehnjährig, stehen im Zentrum des Geschehens, das aus ihrer Perspektive erzählt wird. Therese Bichsel, geb. 1956, aufgewachsen im Emmental. Studium der Germanistik und Anglistik in Bern. Längere Auslandaufenthalte in den USA und Kanada. Autorin und Leiterin von Schreibworkshops. Lebt in Unterseen und in Bern, zwei erwachsene Söhne.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 361
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783729622265
    Verlag: Zytglogge Verlag
    Größe: 3294 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Überleben am Red River

Ein Treffen in der Stadt

Bern, Februar 1821
Anni, zehnjährig

Ich gehe an Mutters Hand, Vater läuft voraus. Weil unter den Lauben zu viele Leute sind, sagt er, wir sollen aufs Kopfsteinpflaster auf die Gasse wechseln, wenn wir ihn schon begleiten - er will nicht zu spät kommen. Mutter meint, dass sie diesen Moment miterleben möchte, wenigstens von aussen, da sie ihn nicht ins Pfarrhaus begleiten darf. "Der Herr Hauptmann will keine Weiber", sagt Vater, "das ist eine Sache unter Männern." - "Aber wir fahren doch auch mit, die ganze Familie", stösst Mutter hervor, "nicht wahr?" - "Natürlich", winkt Vater ab, "unser Ältester, der Hans, ist mein bester Helfer, und du schaust zu den Kleineren." Er hat sich halb umgewandt beim Reden, stösst gegen den Bottich einer Magd, die beim Brunnen wäscht, fällt fast, fängt sich auf, unterdrückt einen Fluch, eilt weiter.

Die alte Magd schaut auf, ihr Gesicht ist rot von der Kälte, die Finger sind dick geschwollen. "Der Herr hat es eilig", murmelt sie grinsend, in ihrem Mund sehe ich nur drei Zähne, einer davon ist ganz schwarz. Ich hätte gern länger in diesen gruseligen Mund geguckt, aber Mutter ist schon weiter, ich rutsche auf einem eisigen Pflasterstein aus, sie zerrt mich hinter sich her, ich soll mich jetzt nicht anstellen. Ich beisse die Lippen zusammen, bin ja froh, dass ich mitdarf, Marianna ist zu Hause, meine kleineren Brüder Samuel und Christen ebenfalls.

Wir nähern uns dem Zytglogge, den kenne ich, da oben ist der goldene Mann, der die Stunden schlägt. Und als der Turm grösser und grösser wird, wir fast vor dem Turm angelangt sind, kräht der Hahn, die Bärchen bewegen sich ringsum, der Narr schlägt lachend seine zwei Glöcklein und dann hebt der goldene Mann hoch oben seinen Hammer zum Schlag. Aber schon zieht mich Mutter weiter, unter dem Turm durch, Vater stöhnt, dass er jetzt doch zu spät sei, elf Stundenschläge dröhnen in meinen Ohren.

Wir eilen weiter über einen Platz auf das Kornhaus zu, das ich kenne - "Dort kommt unser Essen her", sagt Mutter immer, ohne das Korn müssten wir hungern, wie das vor ein paar Jahren der Fall war. Aus dem Korn backt sie unser Brot. Aber das Kornhaus ist nicht unser Ziel, wir biegen in die Gasse daneben ein, eine grosse Kirche kommt in Sicht, die ich noch nie von innen gesehen habe. Unsere Kirche ist das Münster, dort besuchen wir jeden Sonntag die Predigt. "Das ist die Französische Kirche mit dem Pfarrhaus", sagt Mutter zu mir und hält inne, wir schauen zu, wie Vater auf das Pfarrhaus zusteuert, ohne noch einmal zurückzublicken. Er benutzt den Türklopfer, eine Bedienstete öffnet die Tür, und sie fällt hinter ihm ins Schloss.

Mutter bleibt stehen. Mir ist kalt, die Kälte kriecht an meinen Beinen hoch, meine Zehen sind wie Eisstückchen. Ich hüpfe von einem Fuss auf den andern, Mutter weist mich zurecht. "Wann kommt Vater wieder heraus?", frage ich. "Es wird länger dauern", antwortet Mutter, die auf die Tür starrt. "Warum bleiben wir noch?", will ich wissen. "Du fragst zu viel, Kind", meint Mutter. Sie schaut auf das Haus, wie wenn sie von aussen hineinsehen möchte, aber das kann man nur bei den Holzhäusern, mit denen man spielt. Wir haben ein solches Häuschen, bei dem man das Dach aufklappen kann, Vater hat es für uns geschnitzt.

"Wir warten zu Hause auf Vater", sagt Mutter endlich. Sie geht jetzt langsam, richtet den Blick auf den Boden und hat meine Hand losgelassen. Sie sieht nicht, dass vor dem Kornhaus Pferdeäpfel liegen, die in der Kälte dampfen, und ich muss sie darum herumsteuern. Aus der Bäckerei an der Ecke dringt der Geruch nach frischem Brot, die Bäckerin legt eben frische Laibe in die Auslage hinter dem Fenster. Mutter hat kein Auge dafür, und auch den scharfen Geruch, der aus der Essighandlung kommt, bemerkt sie nicht. Wir biegen in die Lauben der Metzgergasse ein, wo man manchmal das Brüllen von Tieren hört, grosse Fleischstücke hängen an Haken in den Metzger

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen