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Abschied von den Kriegsteilnehmern Roman von Ortheil, Hanns-Josef (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.11.2015
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Abschied von den Kriegsteilnehmern

In 'Abschied von den Kriegsteilnehmern' erzählt Hanns-Josef Ortheil von der Flucht eines jungen Mannes nach Amerika, wo er den Bildern von Krieg und Nachkrieg entkommen will, die ihn seit dem Tod seines Vaters obsessiv verfolgen. Zum Mississippi, nach New Orleans und in die Karibik führt diese immer manischer werdende und Schrecken auslösende Flucht, bis der Sohn wieder den Weg nach Europa findet, wo mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 gerade die 'Vater-Epoche' zu Ende geht. 'Abschied von den Kriegsteilnehmern' ist eine große Elegie auf die deutsche Nachkriegszeit: Ein Roman über Väter und Söhne, über Bilder und Vorbilder. Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und zuletzt dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 30.11.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641188139
    Verlag: btb
    Größe: 1220 kBytes
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Abschied von den Kriegsteilnehmern

Die Fragen nach den Judenverfolgungen jedoch waren die Fragen gewesen, über die ich nachgegrübelt hatte, ich hatte mich, seit ich von diesen Verfolgungen gehört und gelesen hatte, darüber nie beruhigen können, ja, in schlimmen Augenblicken war es mir sogar so vorgekommen, als sei die menschliche Geschichte mit diesen Verfolgungen an ein Ende gelangt. So hatte ich einen Neubeginn des Lebens nach diesen Verfolgungen und Morden oft für etwas nicht nur Verlogenes, sondern für etwas Unmögliches gehalten, ich hatte nicht einmal verstehen können, wie man mit dem Bewußtsein, daß so etwas einmal geschehen war, noch einmal Mut hatte fassen können, noch einmal von vorne zu beginnen. In schlimmen Augenblicken hatte ich daran geglaubt, daß sich die Geschichte des Landes, in dem ich nach dem Krieg geboren worden war, ein für allemal erledigt hatte, während doch andererseits meine Geburt ein sichtbares Zeichen dafür gewesen war, daß die Geschichte nun einmal weiterging. Ich selbst konnte doch nicht Tag für Tag, Woche für Woche in Gedanken an die an ein Ende gelangte Geschichte leben, doch ich konnte mich auch nicht von dieser Geschichte befreien, indem ich so tat, als wäre nichts Nennenswertes geschehen.

Und so war der Haß auf meinen Vater, der mich immer wieder befallen hatte, ein Haß auf die Zeitzeugenschaft meines Vaters gewesen, ich hatte ihm keine persönliche Schuld unterstellen können, und doch hatte ich ihn als einen noch lebenden Zeitzeugen und als lebendes Überbleibsel der Vergangenheit gehaßt. Denn ich hatte mir meinen Vater als tapferen Menschen und, wenn es die Judenverfolgungen betraf, sogar als Helden vorstellen wollen, ich hatte hören wollen, daß mein Vater auf der Seite der Verfolgten gestanden, etlichen von ihnen das Leben gerettet oder sonstige Heldentaten vollbracht hätte. Mein Vater aber hatte sich - ich habe nie erfahren, ob aus Unwissenheit, Lethargie oder Angst, nicht einmal das habe ich erfahren - nicht um das Schicksal der Juden gekümmert, und genau das, diese mangelnde Zuwendung oder Stellungnahme, hatte ich ihm vorgeworfen.

Für meinen Vater jedoch hatte es immer festgestanden, daß er in die Judenverfolgungen nicht verstrickt gewesen war, er hatte behauptet, sich nicht erinnern zu können, in den Kriegsjahren auf Juden getroffen zu sein, für ihn waren ganz andere Erlebnisse von Bedeutung gewesen, und er hatte es nicht fertiggebracht, diese persönlichen Erlebnisse im Rückblick auf die Vergangenheit hinter den viel grausameren Ereignissen der Judenverfolgung verschwinden zu lassen. Denn mein Vater hatte sich ja mit der Zeit selbst als ein Opfer des Krieges verstanden, und er hatte mir leicht vorhalten können, daß er ein Recht gehabt hatte, sich als ein solches Opfer zu verstehen. Und so war unser Gerichtsverfahren ein ewiges Verfahren in der Schwebe geblieben, manchmal hatte schon ein einziges Wort genügt, das ganze Verfahren wieder in Gang zu setzen, und dann hatten wir uns wochenlang nicht anschauen können, so erbittert hatten wir an unseren Positionen festgehalten.

Damals jedenfalls, als meine Mutter ihr zweites Kind erwartet und meinen Vater in Kattowitz besucht hatte, hatten meine Eltern, wie sie später immer glaubwürdig beteuert hatten, nicht von den Judenverfolgungen gesprochen, sie waren in die Beskiden gefahren und hatten sich dort in der Vorfreude auf die Geburt des zweiten Kindes umgesehen. Wenige Wochen vor der Geburt war meine Mutter dann auch, wie sie es sich vorgenommen hatte, zu ihren Eltern in die Heimat gefahren, und sie hatte dann in ihrem Elternhaus an einem Vormittag wahrhaftig auch einen Sohn geboren.

Mein Vater, der sich nicht mehr getraut hatte, schon auf die Nachricht von der bevorstehenden Geburt hin nach Westen zu fahren, hatte erst die Nachricht von der glücklichen Geburt abgewartet, dann aber war er Richtung Köln gefahren und hatte meine Mutter und seinen Sohn in der Heimat besucht. Die Geburt des Sohnes hatte meinen Vat

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