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Als das Leben vor uns lag Roman von Santos, Care (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.11.2018
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Als das Leben vor uns lag

Im Sommer 1950 verbringen fünf Freundinnen einen letzten gemeinsamen Abend in der Klosterschule. Keine von ihnen ahnt, dass diese Nacht ihr Leben für immer verändern wird. Dreißig Jahre vergehen, bis die Schülerinnen von einst sich wiedersehen. Bei einem Abendessen bringen sie sich gegenseitig auf den neusten Stand - fünf Lebensgeschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Zunächst klingen sie alle sehr harmonisch. Doch je mehr Alkohol fließt, desto mehr Schattenseiten kommen ans Licht ...

Care Santos wurde 1970 in Mataró bei Barcelona geboren. Mit acht hat sie angefangen zu schreiben und mit vierzehn den ersten Schreibwettbewerb gewonnen. Inzwischen hat sie zahlreiche Romane für Kinder und Erwachsene veröffentlicht, die in über zwanzig Sprachen übersetzt und mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurden. Außerdem unterrichtet die dreifache Mutter Kreatives Schreiben und arbeitet als Literaturkritikerin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 380
    Erscheinungsdatum: 30.11.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732560929
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Originaltitel: Media vida
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Als das Leben vor uns lag

"Komm endlich rein, sonst fangen wir ohne dich an!"

Julia kroch in das Zelt aus Bettlaken, das ihre vier Schulkameradinnen im Schlafraum zwischen den Stockbetten errichtet hatten. In der Mitte flackerte wie zur Begrüßung die Flamme einer Kerze. Julia hielt nach einem freien Plätzchen Ausschau, und Lolita, die stets sehr aufmerksam war, rückte zur Seite. Julia strich ihr Nachthemd glatt, das eigentlich nur ein verschlissener wollweißer Perkalunterrock war. Unauffällig deckte sie mit der Hand das Loch zu, das sie knapp über dem Saum entdeckt hatte. Sie schämte sich, denn es war ihr einziges Nachtgewand. Ihre Schulkameradinnen hingegen trugen hübsche Nachthemden aus feinen Stoffen, mit Mustern oder in bunten Farben, die mit Spitzeneinsätzen oder Bändern verziert waren. Die Kleidung reicher Mädchen eben. Doch Julia war nicht reich. Sie versuchte, ruhig zu atmen, und die anderen sahen sie erwartungsvoll an.

"Es ist doch immer das Gleiche mit dir, du Tranfunzel!", zischte Olga verärgert. "Das war wirklich das letzte Mal, dass wir auf dich gewartet haben!"

Immer wenn Olga jemanden zurechtwies, zitterte ihr Doppelkinn wie Wackelpudding, selbst wenn sie flüsterte. Die anderen Mädchen mussten ein Lachen unterdrücken. Sie waren von dieser theatralischen Feierlichkeit durchdrungen, die das Spiel erforderte. Julia betrachtete sie aus den Augenwinkeln. Auch sie hätte gern gelacht.

Olgas Doppelkinn begann wieder zu beben.

"Und, Julia? Willst du uns nicht begrüßen? Oder ist da etwa ein Hündchen zu uns gekommen?"

Diesen Satz hatte Olga von den Nonnen übernommen, die in mancher Hinsicht sehr inspirierend sein konnten.

"Guten Abend", sagte Julia.

Olga erwiderte eisig: "Bist du bereit, oder sollen wir auf den nächsten Vollmond warten?"

"Nein, nein. Ich bin bereit."

"Ob du für deine Verspätung bestraft wirst oder nicht, überleg ich mir noch", brummte Olga.

Wie immer kam Lolita Julia zu Hilfe. Sie war die große Menschenfreundin, die Seelentrösterin, die Vertraute, die mit sanften Worten Trost spendete und an die sich alle wandten, wenn sie traurig waren oder Probleme hatten. Obwohl Lolita aus Angst, entdeckt zu werden, nur flüsterte, sagte sie bestimmt:

"Es ist nicht ihre Schuld, Gordi. Bestimmt hat Sor Antonina sie nicht gehen lassen."

"Sag nicht Gordi zu mir", beschwerte sich Olga. Die Zornesfalte auf ihrer Stirn war nicht zu übersehen.

"Entschuldige", stammelte Lolita.

"Stimmt, Sor Antonina ist schuld", rechtfertigte sich Julia schüchtern, denn sie hatte weder den Mut noch Lust, zu erzählen, was sie alles erledigt hatte, nachdem die zahlenden Klosterschülerinnen ihr Abendessen beendet und den Speisesaal verlassen hatten. Es war Samstag, und da stand immer die gründliche Reinigung von Tischen und Stühlen auf dem Programm. Zuerst musste sie das Geschirr abräumen und den Abwasch machen. Dann waren die Stühle an der Reihe, auf denen sie Tag für Tag saßen. Jeden Samstag hatte Julia die Sitzflächen und Rückenlehnen mit Wasser und reichlich Seife zu schrubben und mit einem trockenen Tuch zu polieren, bis sie glänzten. Sie musste auf Knien den Fußboden wischen und dabei notgedrungen den Anblick der widerlichen Zehennägel von Sor Antonina ertragen, die unter dem Habit hervorlugten. Die ganze Zeit wartete sie nur darauf, dass die Nonne endlich verkündete, sie habe alles gut gemacht und könne nun gehen.

Tagaus, tagein, immer dasselbe. Während des Schuljahrs bediente sie die zahlenden Schülerinnen, im Sommer die Nonnen. Sie putzte mechanisch, befolgte die Anweisungen und stellte keine Fragen. Sie wusste, was von ihr erwartet wurde, und war den Nonnen dankbar dafür, dass sie am Unterricht teilnehmen durfte, denn Lernen war für Julia das Größte.

"Das ist aber gar nicht nett, immer den Nonnen die Schuld zu geben", schimpfte Olga, "und das ausgerechnet von dir, Julia."

Julia senkte beschämt den Kopf, obwohl es ihr nicht le

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