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Armand Roman von Bove, Emmanuel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.03.2015
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Armand

Von Rilke bewundert, von Beckett empfohlen, von Handke übersetzt: 1921 schrieb Emmanuel Bove, dreiundzwanzigjährig, seinen ersten Roman "Meine Freunde", dem die begeisterte Colette zur Publikation verhalf. Drei Jahre später erschien Boves zweiter Roman "Armand". Armand erscheint zunächst als ein glücklicher Zwillingsbruder jenes Victor Baton aus "Meine Freunde", der vergeblich auf der Suche nach anderen Menschen war, mit denen er endlich glücklich sein könnte: Armand hat jemanden gefunden, eine Frau namens Jeanne, die ihn liebt und ihm sogar ein gewisses Wohlleben ermöglicht. Dann aber begegnet ihm eines Tages auf der Straße Lucien, ein Kumpan von früher, aus der Zeit der Armut und der Verlassenheit, und wenig später Marguerite, die Schwester Luciens, und es beginnt die Geschichte eines haarsträubenden Verhängnisses. Emmanuel Bove wurde 1898 geboren; er starb, 47jährig, in Paris. Im Alter von 23 Jahren schrieb er Meine Freunde , das als sein Hauptwerk gelten kann.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 169
    Erscheinungsdatum: 07.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518741559
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 2404 kBytes
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Armand

I

Es war Mittag. In der Kälte erschien die Sonne kleiner. Ihre Strahlen wurden von den Schaufenstern und den Spiegeln nicht reflektiert. Meine Aufmerksamkeit war wie jene der Kinder: sie richtete sich auf alles, was sich bewegte. Manchmal streichelte ich den Kopf eines Pferdes, oben an der Stirn, damit ich nicht gebissen würde.

Ich ging gerade durch eine so enge Straße, daß die Peitschenschnüre der vorbeifahrenden Wagen mich streiften, als sich eine Hand auf meine Schulter legte.

Ich blickte sie an, und drehte mich dann um.

Es war Lucien. Statt meinen Namen zu rufen, hatte er sich den Spaß erlaubt, mich auf offener Straße anzufassen, wie ein Fremder.

Ich hatte ihn seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Er trug denselben Überrock, eine andere Krawatte, denselben Hut. Er war weder dicker noch dünner geworden. Und doch hatte er sich verändert. In meiner Erinnerung war er ohne Falten, ohne Narben, ohne jene Kinngrube, die so tief war, daß er sie nicht rasieren konnte.

Ich blieb stehen. Beide atmeten wir ungleichmäßig, so kalt war es. Rund um seine Augen bemerkte ich eine Art Erschlaffung, die seinem Gesicht etwas Tristes und Kränkliches gab. Die faltige Haut pulste da im Rhythmus des Herzens. Die untere Lippe war dicker als die obere, so daß er zu schmollen schien. Der Nasenknochen sprang vor; die Ohren, auf die ich immer mein besonderes Augenmerk richte, aus Furcht, sie zu übersehen, waren bräunlich und glatt, ohne die üblichen Fältelungen in der Muschel, und zudem so klein, als hätten sie lange vor dem Körper zu wachsen aufgehört.

Das Knopfloch seines Überziehers war ganz unberührt: Lucien hatte sich nie eine Blume da hineingesteckt. Die Aufschläge freilich waren formlos. Die Hände in den zerrissenen Taschen ruhten auf nichts auf.

Wir waren verlegen; Lucien, weil er sich mir so vertraulich genähert hatte, ich, weil ich davon gestört schien. Wir standen unbeweglich. Ich wartete, daß er den Mund auftäte. Beim Anblick dieses armselig gekleideten Menschen kamen die unglücklichen Jahre zurück, die ich verlebt hatte. Ich hatte sie nach und nach vergessen. Jetzt standen sie mir so klar vor Augen, als habe es gar keine Zwischenzeit gegeben.

Die Rauchschwaden aus den Kaminen verhüllten manchmal die Sonne, wie kleine Wolken. Die Vorhangsäume, statt gerade herunterzuhängen, hafteten, gebauscht vom Wind, an den Markisen.

Schließlich gingen wir gemeinsam weiter. Er hielt sich zu meiner Linken, so als sei ich eine Frau, aus einem unbestimmten Respekt für das, was rechts ist. An jeder Kreuzung fürchtete er, ich könnte ohne Ankündigung abbiegen. Also sagte ich zu ihm: "Immer geradeaus".

Immer noch war es Mittag. Wir überquerten die Straßen, jeder für sich, unbekümmert, ob dem anderen etwas zustieße.

Ein Café bildete den Winkel eines Boulevards und eines Platzes, der kleiner war, als er üblicherweise auf den Ansichtskarten erschien.

Ich lud Lucien ein.

Wir setzten uns auf die Terrasse, die von drei versilberten Kohlenbecken geheizt wurde. Unter unseren Füßen krachten Pistazienschalen. Die Siphonflaschen waren mit Maschendraht umwickelt, damit sie nicht explodierten.

Lucien nahm den Hut ab, legte ihn auf ein Rundtischchen, wurde jäh unsicher, ob man einen Hut auf einen Tisch legen durfte, und hob ihn sogleich wieder auf.

Eine Zigarette zwischen den Fingern, die an beiden Enden rauchte, den Hals geschützt vom aufgeschlagenen Kragen, betrachtete ich die Passanten. Dergleichen war schon ein Zeitvertreib meines Vaters gewesen. Durch seinen Tod befreit von der Sorge, er könnte mich dabei überraschen, wie ich ihn nachahmte, beobachte ich, ohne großes Vergnügen, gewohnheitsmäßig das Hin und Her der Leute und empfinde eine gewisse Zufriedenheit über die Kontraste der Physiognomien.

Lucien hatte einen Café bestellt, in dem ein Krumen schwamm, der etwas von einem Stück Sacharin hatte. Er fühlte sich nicht am Platz. Seine Finger

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