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Aufstummen Roman von Bauer, Christoph W. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.11.2012
  • Verlag: Haymon
eBook (ePUB)
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Aufstummen

'Beider Blicke rasselten übern Esstisch, an der Tischkante das Messer, kreuzten auf dessen Klinge sich.' Zwei der Hauptfiguren des Romans scheint nur mehr die Flucht in Traumwelten zu verbinden, Sprachlosigkeit stellt sich ein, und dennoch: Keiner kann ohne den Anderen in diesen Szenen einer Ehe, über der latent das Damoklesschwert schwebt. Mit filmischen Kunstgriffen macht der Ich-Erzähler den Leser zum Kinobesucher - und nähert sich immer mehr seiner eigenen Geschichte. So entsteht, einem Mosaik gleich, ein Familienroman, der über Tirol hinaus nach Island und Paris, nach Mexiko und Australien führt und seinen Bogen von der Mitte des letzten Jahrhunderts bis heute spannt. Dieses Aufstummen - Teile daraus wurden 2002 mit dem Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet - wird durch den Rhythmus einer Sprache getragen, die vom ersten Satz an zu fließen beginnt, und, verzahnt wie ein Uhrwerk, bis zum Schluss nicht mehr zum Stillstand kommt. Auf Dantes 'Göttliche Komödie' wird man da stoßen, aber nicht, um im Paradies anzukommen, sondern um vor einer überraschenden Wendung zu stehen.

Christoph W. Bauer, geboren 1968 in Kärnten, aufgewachsen in Lienz/Osttirol und Kirchberg/Tirol, lebt derzeit als Autor in Innsbruck. Lyrik, Prosa, Essay, Hörspiel ('Und immer wieder Cordoba', ORF 2006, zuletzt: 'Franzens Feste', ORF 2010), Übersetzungen. Bei Haymon: wege verzweigt. Gedichte (1999), die mobilität des wassers müsste man mieten können. Gedichte (2001), fontanalia.fragmente. Gedichte und Prosa (2003), Aufstummen. Roman (2004), AHOI! Gedichte aus 25 Jahren Haymon Verlag (Hrsg., 2007), Im Alphabet der Häuser (2007), Graubart Boulevard (2008), Als Kind war ich weise (Hrsg., 2009), Der Buchdrucker der Medici (2009), gemeinsam mit Anton Christian: schweben im kopf (2010), mein lieben mein hassen mein mittendrin du. Gedichte (2011) und getaktet in herzstärkender fremde. Gedichte (2011).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 144
    Erscheinungsdatum: 12.11.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783709974513
    Verlag: Haymon
    Größe: 533 kBytes
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Aufstummen

Ich geh dann, stummt sie, Rascheln schlägt ihr entgegen, der FC hat verloren, das weiss er doch längst, hat er doch beim Frühstück schon gelesen und ihr, ein Spiel bleibt uns ja noch, anstatt guten Morgen ins Ohr kredenzt, wem uns, wollte sie fragen, las aber in seinen Blicken, dass der Zeitpunkt absolut ungünstig war, jetzt, nach gestriger Schlappe, Gemeinsamkeiten zu diskutieren, oder was davon geblieben war nach beinahe zwanzigjähriger Ehe, sieht ihn über eine Zeitung gebeugt, seine Hände, seinen Rücken, Körperteile eines Mannes, den sie irgendwann zu lieben geglaubt, den sie, dreh dich um, stummt sie, sag was, keine Antwort, nichts. Stemmt ihr ganzes Gewicht in die Schritte und Arme hüftwärts und rein ins Wohnzimmer, will Luft sich verschaffen, Zornsätze ausschnauben, da dreht er sich um, ganz Erstaunen, nimmt ihr den Sturm aus den Augen, ihren Bewegungsfluss bricht er, und aus den Hüften knicken die Arme, schlenkern übers Becken, nur noch schlaff. Wo Sturm war, nun Schwärze, sie droht vornüber zu kippen, doch unaufhörlich diese Fragen, schnappen sie und ihr die Stimme aus dem Mund, wie soll denn das weitergehen, stummt sie, schaut ihn an -

Wohin willst du denn noch, dass es so weit kommen hat müssen, eine Halbzeit im Himmel und dann dieser Absturz, hab dich etwas gefragt. Jetzt geht es um alles, sieht, wie sie sich abdreht, sieht es so von der Seite, ein Schatten, der ihre, zwei, drei Schritte zur Tür hin, schwerfällige Beine, die haben doch hoch dotierte Verträge, müssen laufen, kämpfen, schwitzen, sag, wohin willst du denn noch, für irgendwelche Experimente bleibt keine Zeit.

Am Tatort, Freunde, Bekannte, der Sommer hoch im Anschlag, ein Gartenfest. Musik schwappte übers ausgeklappte Mobiliar, überschwemmte Gläser und Teller, kroch Oberarme hinauf bis in Achselhöhlen und umwogte Schultergelenke, zerteilt an den Gliedmassen in Mäander, die kleine Duft- und Schweisswölkchen vor sich her schoben, wieder ineinander strömten und in sanften Wellen über Nachbargärten in die Nacht hinaus glitten. Satzknospen trieben aus in alle Richtungen, reiften zu Ästen, umrankten Sekunden, Minuten, hielten sie zusammen, bis der Abend einer von Stimmen durchwucherten Baumkrone glich, aus der einzelne Worte tippelnd in die Dunkelheit abblätterten.

Unter der Krone den Stamm hinab und noch tiefer, das hiess zurück in den Tag, in ein Geflecht aus hektischen Handbewegungen, verwurzelt schon im ersten Morgenlicht, das schütter durchs Buschwerk des Gartens brach, Sommer feilbot. Und eh er und sie sich versahen, lagerten bereits fette Lichtbalken über den Rabatten, kullerten ihre Blicke schon aus Gastgeberaugen, der Morgen unterspülte ihren Schritt, verflacht zur Tartanbahn, zum Fliessband die Stunden: Einkaufen, Bierholen, Kartoffelschälen, Zwiebelschneiden, Rasenmähen, Terrassekehren, Girlandenaufhängen, Grillaufstellen, nein, ich kann keine finden, ja, ich hab schon im Keller, fünf vor zwölf und keine Grillkohlen im Haus. Ihre Ungeduld wuchs und hinab in den Magen, seine entlud sich in Flüchen, an alles muss man selbst und ist doch wahr, den Wagen noch mal aus der Garage, soll ich mitfahren, fragte sie, hörte im selben Moment den Motor aufheulen, nahms gleichmütig zur Kenntnis. Tischerücken später, vier an der Zahl, sie wollte sie so, er stellte sie anders, nach mehreren Versuchen dann aber doch wieder so, wie sie es ursprünglich vorgeschlagen hatte, was inzwischen selbstredend immer schon seine Idee gewesen war, dass die Tische ein L in den Rasen schrieben, einen Haken, an dem Gemütlichkeit sich aufhängen liess. Der Nachmittag war Salatanrichten, Dip-

abschmecken, war Auskundschaften und Wetterschauen die Bergküsten entlang, wo ab und an Wolkenschiffe strandeten, von gnädigen Winden erfasst, dann aber wieder hinaussegelten in fernere Himmel. Unterm Strich verkam der Tag zu nichts anderem als einem Wartezimmer, in dem die beiden sich mit flinken Händen

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