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Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus von Lavant, Christine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.07.2016
  • Verlag: Wallstein Verlag
eBook (ePUB)
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Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus

Christine Lavant verarbeitet ihren Aufenthalt in der Psychiatrie literarisch: eine Lektüre, die unter die Haut geht. Sechs Wochen verbrachte Christine Lavant als Zwanzigjährige in der "Landes-Irrenanstalt' Klagenfurt, nachdem sie einen Suizidversuch mit Medikamenten unternommen hatte. Elf Jahre später, im Herbst 1946, schrieb sie über diese Erlebnisse mit Patientinnen, Pflegerinnen und Ärzten in der Institution Psychiatrie. Vor allem aber: über ihre Selbstwahrnehmungen, die Zustände des eigenen Bewusstseins und Unterbewusstseins in dieser existenziellen Situation. Überscharf und mit höchster Intensität setzt die Autorin konkrete Situationen ins Bild, den Klinikalltag, die Behandlungen und die implizite Gewalt, und alles ist durchdrungen von apokalyptischen Phantasien. Anfang der fünfziger Jahre plante Christine Lavant mit ihrem damaligen Verleger eine Veröffentlichung, allerdings konnte die Autorin sich schließlich doch nicht dazu durchringen: Der Verleger war offensichtlich begeistert, hatte jedoch einen "frommen Schluss' verlangt. Zu Lebzeiten wurde der Text auf Deutsch nie veröffentlicht. Lediglich eine ins Englische übersetzte Funkerzählung sendete die BBC 1959. Dass der deutsche Text überhaupt erhalten ist, verdankt sich der Übersetzerin Nora Wydenbruck, in deren Nachlass man ihn Mitte der neunziger Jahre fand. 2001 wurde er erstmals publiziert; jetzt liegt er neu ediert vor.

Christine Lavant, (1915-1973), geb. in St. Stefan im Lavanttal (Kärnten) als neuntes Kind eines Bergmanns, war Lyrikerin und Erzählerin. Ihre Schulbildung musste sie aus gesundheitlichen Gründen früh abbrechen. Jahrzehntelang bestritt sie den Familienunterhalt als Strickerin. Sie erhielt u. a. den Georg-Trakl-Preis (1954 und 1964) und den Großen Österreichischen Staatspreis (1970). Klaus Amann, geb. 1949, studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Wien, war bis 2014 Professor für Geschichte und Theorie des Literarischen Lebens und Leiter des Robert Musil-Instituts Klagenfurt. Er publizierte u.a. Bücher über Adalbert Stifter, Robert Musil und Ingeborg Bachmann und ist Mitherausgeber der kommentierten digitalen Gesamtausgabe von Robert Musil.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 141
    Erscheinungsdatum: 04.07.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783835340442
    Verlag: Wallstein Verlag
    Größe: 1063 kBytes
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Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus

I ch bin auf Abteilung Zwei. Das ist die Beobachtungsstation für die Leichteren und man kommt eigentlich von Rechts wegen nur hinein, wenn man Drei schon hinter sich hat. Ich habe Drei noch nicht hinter mir und das nehmen mir hier die meisten übel. Gestern hörte ich die Königin zu Renate sagen: "Mit Augengläser und Aktentasche ist die hier einmarschiert, der Teufel soll sie holen! Was hat sie auch da bei uns zu tun? Wahrscheinlich spionieren, was auch sonst?!" ... Renate sagte bloß: "Ach fangen Sie schon wieder an." Aber am Abend kam sie dann doch und sagte, dass sie die Haarklammer nun wieder selbst braucht. Schade! Nämlich nicht um die Haarklammer, aber um Renate, denn ich dachte, wir könnten so eine Art von Freundschaft schließen. Ich war ihr gleich am ersten Tag schon zugetan, weil sie so sanftmütige traurige Augen hat und ein armes verschwommenes Lächeln, das wohl ein wenig schmerzt, aber längst nicht so erschreckt wie das Lachen der anderen. Übrigens gewöhnt man sich unglaublich schnell an die eigentümlichen Gesichter und Reden. "Ach sehen Sie sich das lieber nicht an, das ist nichts für Sie!" sagte das Nusserl, als die große Magere - ich glaube sie heißt Baumerl - hinfiel. Um nicht roh zu erscheinen, musste ich so tun, als ob es mich tatsächlich angriffe, aber in Wahrheit hätte ich mir lieber alles ganz genau angesehen. So schoben sie mich in den Waschraum ab, wo ich dann auch pflichtschuldigst einen Weinkrampf bekam. Aber es war nicht wegen der Hingefallenen, obwohl man ihre Schreie hier schlimmer empfand, es war nur, weil man einfach nicht länger so auf dem Rand der Badewanne sitzen konnte ohne irgendetwas zu tun. Ich hätte ebenso gut singen können oder pfeifen oder mit den Anstaltspantoffeln gegen die feuchte Mauer schlagen, aber ich entschloss mich schließlich doch für das Weinen. Dass es dann solche Ausmaße annahm, war allerdings etwas peinlich, aber ich konnte nichts dagegen tun. Natürlich trösteten mich die Schwestern und wollten alles Mögliche wissen. Nun, das wird auch vorübergehen, in acht Tagen wird sich keine einzige mehr darum kümmern, ob ich weine oder mit dem Kopf gegen die Mauer schlage. Vielleicht wird es dann Renate sein, die zu mir kommt, um mich bloß verschwommen anzulächeln. Aber ich glaube sie fürchtet sich vor der Königin. Diese kann mich nämlich nicht ausstehen, ebenso wenig wie die Baumerl, und so bin ich eigentlich von den höchsten und maßgebenden Stellen beider Klassen von vorneherein abgelehnt. Ich weiß, ich könnte das mit einem Schlag ändern, ich brauchte zum Beispiel nur einmal bei der Essensverteilung meinem Ekel nachgeben und die Blechschale an die Mauer werfen, aber mir liegt noch zu viel daran, dass die Schwestern Sie und Fräulein zu mir sagen und dass die Ärzte ihr Visitlächeln ein wenig ins Menschliche abbiegen, wenn sie zu mir kommen. Solange man mich hier nur als vorübergehenden Gast betrachtet und ich diese Stellung auch vor mir selber aufrechterhalte, ist die letzte Grenze noch nicht überschritten.

Eben hat Berta getanzt. Seltsam, dass es keiner der Schwestern, auch dem Nusserl nicht, einfiel mich diesmal wegzuschicken. Scheinbar tanzt sie selten, denn der ganze Saal nahm daran teil, sogar Schwester Minna hörte für einige Augenblicke auf, an ihrem Babyjäckchen zu stricken und lachte mit ihren runden schwarzen Augen überaus gutmütig und fast wohlgefällig vor sich hin. Wie, wenn ich wirklich auf Berta zugegangen wäre, um sie so lange zu schütteln, bis sie aufgehört hätte? Wahrscheinlich würde sie mir die Augen ausgekratzt haben. Vielleicht war sie sogar glücklich dabei oder zumindest ein ganz williges Werkzeug. Wer aber war in ihr? Wer hieß sie den gestreiften Anstaltsrock über die nackten mageren Knie aufheben und die fahlen Haarsträhnen so in die Stirne schütteln, dass sich darunter ihre blassen Augen unendlich veränderten? Wer gab ihr den eigentümlichen Rhythmus ein, nach welchem sie auf den braunen Fliesen vor un

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