text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Aus fremder Seele Eine Spätherbstgeschichte von Andreas-Salomé, Lou (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.12.2015
  • Verlag: Reese Verlag
eBook (ePUB)
0,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Aus fremder Seele

'Was ist Wahrheit? - Man kann tausend Gründe dafür finden, nur das für die Menschen als wahr gelten zu lassen, was ihrer menschlichen Bedürftigkeit entspricht.' Als sein Adoptivsohn Kurt in einer Glaubenskrise Rat und Hilfe bei Pastor Arnsfeldt sucht, kommt es zu dramatischen Enthüllungen - und plötzlich ist nichts mehr so, wie es schien. Virtuos schildert Lou Andreas-Salomé die zerstörerische Kraft einer Lebenslüge. Diese Spätherbstgeschichte lädt zum Wiederentdecken einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen der frühen Moderne ein. Die Autorin, Psychoanalytikerin und Intellektuelle Lou Andreas-Salomé (1861-1937)war eng bekannt oder befreundet mit Friedrich Nietzsche, Rainer-Maria Rilke, Gerhart Hauptmann, Knut Hamsun, Frank Wedekind, Marie von Ebner-Eschenbach, Arthur Schnitzler und vielen anderen. Sie verfasste Gedichte, Romane und Zeitschriftenartikel und war als Schriftstellerin äußerst produktiv. Ihr Werk kreiste um die zentralen Themen Religion, Psychologie und Geschlechterbeziehung.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 130
    Erscheinungsdatum: 21.12.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783944621661
    Verlag: Reese Verlag
    Größe: 327 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Aus fremder Seele

I. Einleitung.

Die Blätter fielen.

Aus den Wipfeln der alten breitästigen Linden, die mitten im Dorf die Kirche umstanden, sank ein Blatt nach dem andern über die niedrige Mauerbrüstung des Kirchhofs hinab. Schon war der Spätherbst weit vorgerückt, und nur die selten günstige Witterung hatte dem nordischen Oktober noch einen Anflug von Sommerschönheit gelassen. Reiche Farbenpracht verhüllte das stille Welken ringsumher und breitete sich darüber aus wie ein in Gold und Rot gesticktes Feierkleid.

Die mächtige Baumgruppe um die Kirche, - weithin sichtbar, denn platt und eben dehnte sich das Land, - bildete den ursprünglichen Kern des Ortes. Um sie herum und am seichten Wassertümpel entlang befanden sich altersgraue Dorfgebäude mit moosbewachsenen Dächern und windschiefen Türen. Mehrere von ihnen standen in einer tiefen Einsenkung zu beiden Seiten des Weges, der, zwischen ihnen herlaufend, sich im Laufe der Zeit Schicht um Schicht über ihren Eingang emporgehoben hatte. Hier in der Mitte des Dorfes stach nur, hinter gepflegtem Vordergärtchen, ein schmuckes Schanklokal durch seinen frischen Anstrich grell ab von der bescheidenen Umgebung. Weiterhin aber, nach den Ausläufern des Ortes zu, zogen sich neu erbaute Häuser, die ganz aus dem Rahmen des Dörflichen fielen, und an ihren Erdgeschossen wiesen buntbemalte Schilder auf die Läden hin, in denen ein Kunterbunt von billigen Sachen feilgeboten wurde. Die nur eine Stunde entfernte und immer rascher anwachsende Großstadt hatte schon begonnen, das kleine abgelegene Dorf allmählich zu seiner künftigen Bestimmung einer Vorstadt umzuwandeln.

Die Türen der verwitterten Kirche, an deren Mauern sich wilder Epheu üppig emporrankte, waren weit geöffnet, und von innen erscholl Orgelklang. Trotz der noch frühen Nachmittagsstunde hatte sich eine beträchtliche Anzahl Dörfler hineinbegeben, um einer Taufhandlung beizuwohnen, - vorwiegend freilich Frauen, Kinder und alte Leute.

Unweit der Tür lehnte an der letzten Kirchenbank ein halb erwachsener Knabe und blickte zerstreut um sich, wie jemand, der zufällig in fremde Umgebung geraten ist. Ein bildhübsches Mädchen, das neben ihm saß, fesselte alsbald seine Aufmerksamkeit. Armselig gekleidet, blaß und mager, fiel sie dennoch sogleich durch den Liebreiz ihrer Züge und die Feinheit ihres Wuchses auf. Als sie einmal flüchtig auf ihn schaute, bemerkte er am Ausdruck ihrer Augen, daß sie wohl daran gewöhnt sein mochte, von bewundernden oder dreisten Blicken angestarrt zu werden. Gleich darauf aber blickte sie mit verdoppelter Andacht nach dem greisen Prediger am Altar.

Der junge Mensch unterdrückte ein Gähnen.

"Wer ist denn der Täufling?" fragte er leise seine hübsche Nachbarin, aus Interesse für sie, nicht für das Kind.

"Ein gar armer Wurm", entgegnete sie flüsternd, "ein Urenkelchen von der steinalten, gebückten Frau, die gleich vorn sitzt. Das ist die Rieke, - eine der Ältesten bei uns. Alle ihre Kinder hat sie verloren, und ihre Enkelin, was die Mutter vom Kinde ist, liegt auch schwer krank."

"Daher wohl die vielen Menschen bei dieser Taufe", bemerkte ihr Nachbar.

Sie schüttelte den Kopf.

"Nicht daher. Sondern weil ihre Enkelin, die Kathrine, mit Schimpf und Schande aus ihrem Stadtdienst gejagt worden ist, - weil sie das Kind bekam. Sie diente bei einem Geistlichen. Und nun will jeder hören, wie gut dagegen unser Himmelspastor der alten Rieke zuspricht."

"Wer -?"

Sie sah ihn erstaunt an.

"Unser Himmelspastor. Anders heißt er hier nicht."

Der junge Mensch blickte nach der schmächtigen, in den Schultern ein wenig gebückten Gestalt des Predigers. Der obere Teil des Kopfes, schon seit langem kahl, wurde von der blassen Oktobersonne beleuchtet, die durch die Bogenfenster schien. Ungewöhnlich schön war die Stirn, und eine kräftig ansetzende, leicht gebogene Nase gab dem Profil etwas Energisches.

Er kannte den

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen