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Ausgewählte Werke: "Ich schicke meinen Schatten voraus" Band 1: Prosa von Zwetajewa, Marina (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.06.2018
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
36,99 €
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Ausgewählte Werke: "Ich schicke meinen Schatten voraus"

Marina Zwetajewa, neben Anna Achmatowa die bedeutendste russische Dichterin des 20. Jahrhunderts, war auch in ihrer Prosa unverkennbar Lyrikerin. Ob sie, wie in ihrer Tagebuchprosa, das Chaos der Revolutions- und Bürgerkriegsjahre schildert oder in ihren autobiographischen Erzählungen die verlorenenen Kindheitsparadiese aufruft, immer ist die Sprache - assoziativ, lyrisch, intensiv - die eigentliche Protagonistin. Der Band versammelt Texte unterschiedlicher Lebensphasen: Die Moskauer Aufzeichnungen aus den Jahren 1917-1921 geben Zeugnis von den Revolutions- und Kriegswirren. "Über Deutschland" entwirft das Idealbild von einem Ort des Geistes, das während der Jahre ihrer Emigration rasch zerfallen wird. 1933, in der Not des Exils, beginnt Zwetajewa, sich in autobiographischen Erzählungen ihrer frühesten Erfahrungen zu versichern: behütete, doch unruhige erste Lebensjahre mit Stationen in Freiburg, Nervi und Lausanne, die überschattet waren vom frühen Tod der Mutter. Die "Erzählung von Sonetschka" vergegenwärtigt ihre Liebe zu der Schauspielerin Sofia Gollidej. Mit der vorliegenden Auswahl gilt es die Prosa einer der größten europäischen Dichterinnen der Moderne neu zu entdecken, deren Leidenschaft und Dringlichkeit man sich kaum entziehen kann. Marina Zwetajewa, 1892 in Moskau geboren, ging 1922 in die Emigration, lebte in Berlin, Paris und Prag und kehrte 1939 in die Sowjetunion zurück. 1941 nahm sie sich in Jelabuga das Leben.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 680
    Erscheinungsdatum: 11.06.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518757192
    Verlag: Suhrkamp
    Serie: Gesammelte Werke .1
    Größe: 6213 kBytes
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Ausgewählte Werke: "Ich schicke meinen Schatten voraus"

Oktober im Waggon

(Aufzeichnungen jener Tage)

Zweieinhalb Tage lang keinen Bissen, keinen Schluck. (Die Kehle wie zugeschnürt.) Die Soldaten bringen Zeitungen - auf rosa Papier gedruckt. Der Kreml und alle Baudenkmäler wurden gesprengt. Das 56. Regiment. Gesprengt wurden die Gebäude mit den Junkern und Offizieren, die sich nicht hatten ergeben wollen. 16000 Tote. An der nächsten Bahnstation - schon 25000. Ich schweige. Rauche. Mitreisende steigen, einer nach dem anderen, in die Züge in Gegenrichtung um.

Traum (2. November 1917, nachts)

Wir retten uns. Aus einem Keller heraus ein Mann mit Gewehr. Mit leerer Hand ziele ich. - Er lässt es sinken. - Ein sonniger Tag. Wir klettern auf irgendwelche Trümmer. S. spricht von Wladiwostok. Wir fahren in einer Equipage durch Ruinen. Ein Mann mit Schwefelsäure.
Brief ins Heft

Wenn Sie leben , wenn ich Sie noch einmal wiedersehen darf - hören Sie: Gestern, als wir uns Charkow näherten, las ich die "Südliche Heimat". 9000 Tote. Ich kann Ihnen von dieser Nacht nicht erzählen, denn sie nahm kein Ende . Jetzt ist grauer Morgen. Ich bin auf dem Gang. Verstehen Sie doch! Ich fahre und schreibe Ihnen und weiß jetzt nicht - aber hier folgen Worte, die ich nicht hinschreiben kann.

Wir nähern uns Orjol. Ich habe Angst, Ihnen so zu schreiben, wie ich möchte, denn ich werde in Tränen ausbrechen. All das ist ein schrecklicher Traum. Ich versuche zu schlafen. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen schreiben soll. Wenn ich Ihnen schreibe, gibt es Sie, denn ich schreibe Ihnen ja! Und dann - ach! - das 56. Reserve-Regiment, der Kreml. (Erinnern Sie sich an die riesigen Schlüssel , mit denen Sie zur Nacht das Tor abschlossen?) Doch das Wichtigste, Wichtigste, Wichtigste sind Sie, Sie selbst, Sie mit Ihrem Selbstzerstörungsinstinkt. Können denn Sie zu Hause sitzen? Und wenn alle zu Hause geblieben wären, dann wären Sie eben alleine gegangen. Weil Sie untadelig sind. Weil Sie es nicht ertragen können, dass andere getötet werden. Weil Sie ein Löwe sind, der seinen Löwenanteil: das Leben - hergibt für alle anderen, für Hasen und Füchse. Weil Sie selbstlos sind und Selbstschutz verachten, weil das "Ich" für Sie unbedeutend ist und weil ich all das von der ersten Stunde an wusste!

Wenn Gott dieses Wunder vollbringt - und Sie am Leben lässt, werde ich Ihnen folgen wie ein Hund .

Die Nachrichten sind verworren, ich weiß nicht, was ich glauben soll. Ich lese über den Kreml, die Twerskaja, den Arbat, das "Metropol", den Wosnessenskaja-Platz, über Berge von Leichen. In der sozialrevolutionären Zeitung "Kursker Leben" vom gestrigen Tag (vom 1.), dass die Entwaffnung begonnen habe. Andere (von heute) schreiben von Kampf. Ich lasse mir jetzt nicht volle Freiheit zu schreiben, aber tausendmal sah ich, wie ich unser Haus betrat. Wird man in die Stadt hineingelangen können?

Bald sind wir in Orjol. Jetzt ist es ungefähr 2 Uhr mittags. In Moskau werden wir um 2 Uhr nachts sein. Und wenn ich das Haus betrete - und es ist niemand da, keine Menschenseele? Wo soll ich Sie suchen? Vielleicht gibt es auch das Haus schon nicht mehr? Die ganze Zeit habe ich das Gefühl: das ist ein schrecklicher Traum. Ich warte immerzu, dass gleich etwas geschehen wird und es weder Zeitungen noch sonst irgendetwas gegeben hat. Dass mir das träumt, dass ich aufwachen werde .

Meine Kehle ist zusammengepresst, wie von Fingern. Dauernd ziehe ich den Kragen zur Seite, auseinander. Serjoshenka.

Ich habe Ihren Namen hingeschrieben und kann nicht mehr weiter.

Drei Tage lang - mit niemandem einen Ton. Nur mit den Soldaten, damit sie mir Zeitungen kaufen. (Schreckliche rosa Blätter, unheilverkündende. Theater-Anschläge des Todes. Nein, Moskau hat sie rot gefärbt! Sie sagen, es gäb

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