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Auswandertag von Oppitz, Klaus (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.08.2014
  • Verlag: Residenz Verlag
eBook (ePUB)
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Auswandertag

Österreich in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft. Die dritte Amtszeit des rechtspopulistischen Bundeskanzlers Michael Hichl hat begonnen, der Ausstieg aus der Europäischen Union ist vollzogen. Das Land ist nicht nur frei von Ausländern, sondern auch heruntergewirtschaftet, international isoliert und gebeutelt von Inflation und Arbeitslosigkeit. Wie viele andere macht sich Familie Putschek auf den Weg, um in einem der reichsten Länder der EU eine neue Zukunft zu suchen: der Türkei. Auf ihrer abenteuerlichen Flucht begegnen die Putscheks burgenländischen Schwarzhändlern, echt arischen Ungarn, zwielichtigen Schleppern, politisch verfolgten Kärntnern und landen in einem Istanbuler Flüchtlingslager. Hier müssen sie erfahren, dass Integration eine wirklich schwierige Aufgabe ist, wenn ein Familienmitglied allmählich in den Wahnsinn gleitet. Klaus Oppitz geboren 1971, veröffentlichte Kurzgeschichten in Anthologien und Literaturzeitschriften. Er arbeitete als Werbetexter und Regisseur und schreibt für Fernsehen und Bühne. Oppitz ist gemeinsam mit Rudi Roubinek und Robert Palfrader Autor von 'Wir sind Kaiser' und Hauptautor des 'Hichl'. Mit Wortspenden, Rat und Tat haben die anderen Ritter der Tafelrunde die Entstehung des 'Hichl' begleitet. Die Tafelrunde besteht aus Klaus Oppitz, Gerald Fleischhacker, Rudi Roubinek und Mike Bernhard. Die Vier haben ihre unterschiedlichen Talente gebündelt und sind mit vereinten Kräften innerhalb weniger Jahre zu führenden Autoren in der österreichischen Comedy-Szene geworden.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Erscheinungsdatum: 26.08.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701744770
    Verlag: Residenz Verlag
    Größe: 1228 kBytes
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Auswandertag

MAXIMILIAN

Am Ende hat die Mama behauptet, alles wäre mit dem Schrei losgegangen. Wer so schreit, der ist besessen. Oder wird gerade erlöst. Ich bin mir aber sicher, bei unserem Schrei war es keines von beiden.

Anders als die Mama kann ich mich erinnern, dass in Wahrheit alles mit dem Tod von der Oma begonnen hat. Gut, es stimmt, vorher war unser Leben auch nicht besonders super, aber wir sind immerhin durchgekommen.

Dass die Putschi-Omi gestorben ist, hat eigentlich keinen so wirklich überrascht, sie war ja nicht mehr die Jüngste. Da hat es auch keinen Unterschied mehr gemacht, dass sie erst nach vier Wochen gefunden worden ist, als es draußen mit einem Mal Frühling war und sie zum Riechen begonnen hat. Ob sie an der Kälte gestorben ist oder zuerst die Omi und dann erst die Heizung kaputtgegangen ist, danach hat bei einer 82-Jährigen keiner mehr gefragt.

"Wir haben sie eh dauernd besucht", hat der Papa zum Onkel Felix gesagt. "Da lasst man ein einziges Mal aus und dann stirbt's einem gleich weg!" Vielleicht hat er das ja wirklich geglaubt. Vielleicht war er ja wirklich auch einmal alleine bei ihr, ohne jemandem etwas zu sagen. Er hat ja viel Zeit gehabt, der Papa. Ich selber hab die Putschi-Omi zuletzt zu Weihnachten gesehen.

Jedenfalls war der Papa der Meinung, die Putschi-Omi hätte ein prunkvolles Begräbnis verdient.

"Erstens war sie eine alte Sozialistin und zweitens hilft ihr das jetzt auch nichts mehr", hat die Mama protestiert, "und wenn du unser Geld jetzt auch noch für eine Leiche hinauswirfst, dann geht's uns bald so wie ihr. Heizung weg, Ende." Aber der Papa hat auf einem prunkvollen Begräbnis bestanden, Sozialistin hin oder her, man muss auch einmal verzeihen können. Und überhaupt war er der Meinung, das Geld wäre so sinnvoller investiert, als wenn es die Mama wieder ihrem Jesus in den Rachen stopfen würde, und außerdem: "Dass ausgerechnet du gegen etwas bist, das in einer Kirche spielt."

Die Mama hat sich einfach nur umgedreht und zu schminken begonnen. "Tschitscherl, bist du jetzt wieder angefressen?" Aber sie hat nur ganz sorgfältig und ganz langsam die Konturen auf ihre Lippen gemalt. "Kannst du jetzt bitte mit mir reden?"

"Nein", hat sie ganz ruhig geantwortet und nicht einmal eine Sekunde die Augen vom Spiegel genommen.

"Ich muss raus hier", hat der Papa gejammert, sich aber auch nicht wirklich von der Stelle bewegt. Die Mama hat mit den Schultern gezuckt, was eindeutig geheißen hat, dass der Papa ruhig daheimbleiben kann, weil sie eh gleich ein Wolkerl sein würde, ein Wolkerl bei ihrem Herrn Jesus. Stumm mit dem Papa zu reden, darin hat die Mama ziemlich große Übung gehabt. Meistens hat der Papa dann eh nachgegeben. Aber diesmal nicht.

Das Wichtigste an einem prunkvollen Begräbnis war für den Papa ein richtig großer Kranz, also bin ich mit ihm schon eine Woche vor der Beerdigung hinaus zum Friedhof gefahren. Früher war der Papa nämlich der Meinung, in einer Großstadt bräuchte man keinen Führerschein, also hat er ihn auch nie gemacht. Als er dann später der Meinung war, die besseren Leute würden nicht die U-Bahn benutzen, da haben wir schon kein Geld mehr für seinen Führerschein gehabt.

Insofern war er wahrscheinlich nach Weihnachten doch nicht mehr bei der Putschi-Omi. Ich hätte ihn nämlich ganz sicher hinbringen müssen.

Es ist unpackbar, was für Arten von Sargschmuck es gibt. Den Trauerkranz "Modern Style" zum Beispiel, in Gelb u

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