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Ausweitung der Kampfzone von Houellebecq, Michel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.01.2015
  • Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
eBook (ePUB)
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Ausweitung der Kampfzone

Sein erster heftig umstrittener Roman, mit dem er bereits zu Weltruhm gelangte und nicht nur in Frankreich die Öffentlichkeit polarisierte: Michel Houellebecq beschreibt die um Liebe reduzierte erotische Kampfzone der modernen Welt. Kaum je hat ein Autor in der französischen Öffentlichkeit ein solches von leidenschaftlichen Diskussionen begleitetes Echo gefunden wie Michel Houellebecq mit seinem ersten Roman. Es wurde in Windeseile zum Kultbuch, rückhaltlos gepriesen und wütend geschmäht. Heute gilt es vielen als Houellebecqs bestes Buch, sein Titel ist bereits zum Sprichwort geworden. Ein junger Informatiker, der für eine Pariser Software- Firma arbeitet, ist der Held der in einem straff gespannten Bogen erzählten Handlung. Seine betriebsame, aber kommunikationslose Umgebung versteht er meisterhaft zu sezieren. Dann unternimmt er eine Dienstreise in die Provinz, gemeinsam mit einem ebenso erotomanischen wie verklemmten Kollegen, einer Verkörperung all jener Eigenschaften, die er an seinen Mitmenschen verachtet. Am Weihnachtsabend, in einer Diskothek, drückt er ihm ein Messer in die Hand . . . Michel Houellebecq wurde 1958 in La Réunion geboren. Er veröffentlichte Gedichtbände und Essays, bevor er mit dem umstrittenen Roman "Die Ausweitung der Kampfzone" debütierte. Für dieses Buch wurde er mit dem Grand prix national des lettres und dem Prix Flore für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet. Houellebecq schrieb zahlreiche weitere Romane, lebte in Irland und Lanzarote und heute wieder in Paris.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 30.01.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783803141828
    Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
    Originaltitel: Extension du domaine de la lutte
    Größe: 866 kBytes
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Ausweitung der Kampfzone

Elf

Ich habe Jean-Yves Fréhaut nie wieder gesehen; und warum hätte ich ihn auch wiedersehen sollen? Im Grunde waren wir uns nicht wirklich sympathisch gewesen. So oder so sieht man sich heutzutage selbst dann kaum, wenn die Beziehung voll Enthusiasmus beginnt. Manchmal kommt es zu atemberaubenden Gesprächen über allgemeine Aspekte des Lebens; manchmal findet sogar eine fleischliche Vereinigung statt. Natürlich tauscht man Telefonnummern aus, doch in der Regel ruft man sich selten an. Und selbst wenn man sich anruft und sich wiedersieht, nehmen Ernüchterung und Enttäuschung bald den Platz der ursprünglichen Begeisterung ein. Glauben Sie mir, ich weiß Bescheid; es gibt hier keine gangbaren Wege.

Das fortschreitende Verlöschen zwischenmenschlicher Beziehungen bringt für den Roman allerdings einige Schwierigkeiten mit sich. Wie soll man es anstellen, von diesen heftigen Leidenschaften zu erzählen, die sich über mehrere Jahre erstrecken und deren Wirkungen manchmal noch über Generationen hinweg spürbar sind? Von den Sturmhöhen haben wir uns weit entfernt, das ist das Mindeste, was man sagen kann. Die Romanform ist nicht geschaffen, um die Indifferenz oder das Nichts zu beschreiben; man müsste eine plattere Ausdrucksweise erfinden, eine knappere, ödere Form.

Während menschliche Beziehungen zunehmend unmöglich werden, ist es diese Vervielfachung der Freiheitsgrade, die Jean-Yves Fréhaut zum begeisterten Propheten werden ließ. Er selbst hatte, da bin ich sicher, nie eine Liaison gehabt; seine Freiheit aber erreichte den höchsten Grad. Ich sage das ohne Verbitterung. Er war, wie gesagt, ein glücklicher Mensch; trotzdem beneide ich ihn nicht um dieses Glück.

Die Spezies der Informatik-Denker, zu der Jean-Yves Fréhaut gehörte, ist zahlreicher, als man denkt. In jedem mittleren Betrieb kann man einen, manchmal zwei davon finden. Außerdem gestehen die meisten Leute mehr oder minder offen ein, dass jede Beziehung, besonders aber jede menschliche Beziehung, sich auf einen Austausch von Informationen beschränkt (sofern der Begriff Information auch nicht-neutrale, das heißt belohnende oder bestrafende Botschaften umfasst). Unter solchen Bedingungen verwandelt sich ein informatisierter Denker bald in einen Denker der gesellschaftlichen Entwicklung. Oft ist er ein glänzender Redner und wirkt daher überzeugend; er wird sogar das Gebiet der Gefühle umschließen.

Am nächsten Tag - wieder bei einer Abschiedsfeier, diesmal im Landwirtschaftsministerium - hatte ich Gelegenheit, mit dem Theoretiker zu diskutieren, an dessen Seite sich wie gewöhnlich Catherine Lechardoy befand. Er selbst war Jean-Yves Fréhaut nie begegnet und sollte auch künftig keine Gelegenheit dazu haben. Ich stelle mir eine hypothetische Begegnung vor: der geistige Austausch höflich, aber auf gehobenem Niveau. Mit Sicherheit würden sie sich rasch über Werte wie Freiheit und Transparenz einigen oder hinsichtlich der Notwendigkeit, ein System verallgemeinerter Transaktionen zu errichten, das die Gesamtheit der gesellschaftlichen Handlungen umfassen sollte.

Anlass zu diesem Moment der Geselligkeit war die bevorstehende Pensionierung eines kleinen, ungefähr sechzigjährigen Mannes mit grauem Haar und dicken Brillengläsern. Die Belegschaft hatte zusammengelegt, um ihm eine Angel zu kaufen, ein leistungsstarkes japanisches Modell mit dreifacher Rollengeschwindigkeit, dessen Schwingweite durch einfachen Knopfdruck verstellbar war. Der Mann wusste noch nichts von dem Geschenk; er stand in der Mitte des Treibens, unweit von den Champagnerflaschen. Einer nach dem anderen kam, um ihm einen freundschaftlichen Klaps zu geben oder eine gemeinsame Erinnerung wachzurufen.

Danach ergriff der Leiter der EDV-Studienabteilung das Wort. Es sei ein aussichtsloses Unterfangen, sagte er gleich zu Beginn, in wenigen Sätzen dreißig Jahre eines Berufslebens zusammenzufassen, das ganz der Landwirtschaftsinformatik gewidmet gewesen sei.

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