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Bevor die Stadt erwacht Eine Weihnachtsgeschichte von Hohlfeld, Kerstin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.10.2017
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Bevor die Stadt erwacht

Der Wunsch eines kleinen Jungen kann Berge versetzen
Amelie Rothermund gehört zu den Menschen, die oft unsichtbar bleiben. Die alleinerziehende Mutter arbeitet, während alle anderen noch schlafen, damit sie tagsüber mehr Zeit für ihren Sohn Elias hat. Zu Weihnachten hat der kleine Elias daher einen ganz besonderen Wunsch: Er möchte, dass seine Mama nicht immer so müde ist. Dummerweise landet sein Wunschzettel in einer Lieferung mit Backwaren, die Amelie gepackt hat, und erreicht so den Komponisten Ephraim Sasse. Sasse ist vom Leben verbittert und lebt seit Jahren zurückgezogen in seiner Villa. Doch der Zettel des kleinen Jungen weckt in ihm den plötzlich Wunsch zu helfen ... Eine stimmungsvolle und anrührende Geschichte zur schönsten Zeit des Jahres! Kerstin Hohlfeld, geboren 1965 in Magdeburg, studierte von 1985 bis 1991 Theologie in Naumburg und Berlin. Danach gründete sie eine Familie und verlegte sich aufs Schreiben. Sie hat bereits mehrere Romane veröffentlicht.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 13.10.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843716024
    Verlag: Ullstein
    Größe: 2213 kBytes
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Bevor die Stadt erwacht

Kapitel 2

"Frau Werner, Sie müssen auch meine Position verstehen."

Der Mann trug eine Fliege, Agnes fand das ziemlich unmodern. Und wie er in jedem Satz ihren Namen sagte, immer mit der Betonung auf "Frau". Sie wusste nun wirklich selbst, dass sie eine Frau war. Ob Banker in ihrer Ausbildung lernten, so seltsam zu sprechen?

Seine Position verstehen? Ja, verstand er denn, wie es ihr zumute war? "Herr Lemke", erwiderte Agnes und sah ihm fest in seine hinter einer goldgerahmten Brille liegenden Augen. "Verständnis hin oder her. Ich brauche einen kleinen Kredit. Sie wissen, dass ich jeden Monat meine Witwenrente kriege, und das schon seit zwei Jahren. Ich will in eine kleinere Wohnung ziehen, weil ich alleine bin, eine große nicht mehr brauche und außerdem meine Ausgaben etwas reduzieren muss. Es soll ja neben den Fixkosten auch ein bisschen was zum Leben übrig bleiben. Aber ich kann den Umzug nicht finanzieren. Die Firma wird das nicht umsonst übernehmen, fürchte ich." Sie hatte sich alles hundert Mal genau überlegt. "Mit dem Geld, das ich auf Grund der geringeren Miete spare, kann ich den Kredit abzahlen, das hab ich mir ausge..."

"Wie ich schon sagte, Frau Werner", unterbrach er sie, "und schriftlich haben wir es Ihnen auch schon übermittelt: Wir können Ihnen ohne Sicherheiten keinen Kredit gewähren."

Sie hätte ihn am liebsten über den Tisch gezerrt und ihm gesagt, dass er sich seine Sicherheiten sonst wohin schieben konnte. Aber das würde natürlich nichts bringen, und stilvoll war ein öffentlicher Wutausbruch auch nicht gerade. Warum stellte der Mann sich nur so stur?

"Nur 1000 Euro", wagte sie einen letzten Versuch. "Ich zahl alles zurück, auf Heller und Pfennig."

Der Goldgerahmte schüttelte den Kopf. "Es tut mir leid", sagte er, "wirklich leid, Frau Werner!" Agnes sah ihm an, dass er es nicht ehrlich meinte. Und dass er wollte, dass sie endlich verschwand und ihn, der wahrscheinlich jeden Tag einen Haufen Geld von A nach B schob (natürlich nur auf die Konten von Leuten, die mit sogenannten Sicherheiten punkten konnten), in Ruhe ließ mit ihren popeligen 1000 Euro.

Mit einem steifen "Auf Wiedersehen!" verließ sie die Bank. Sie fühlte sich plötzlich müde und mutlos. Ein paar notwendige Besorgungen noch, dann würde sie nach Hause gehen, den Vermieter der hübschen sanierten Einzimmerwohnung in einem Wilmersdorfer Altbau anrufen und ihm sagen, dass sie nicht einziehen konnte. Sie hatte nicht genug Geld - weder für den Umzug noch für die Kaution. Geschweige denn für eine doppelte Mietzahlung im Monat des Umzugs.

Fast all ihr Erspartes war damals für Pauls Beerdigung draufgegangen. Die kleine Bäckerei hatte schon in den Jahren zuvor nicht mehr genug abgeworfen. Sie hatten immer wieder auf ihre Reserven zurückgreifen müssen, um den Laden zu halten.

Die Leute kauften, auch wenn sie sagten, dass es ihnen um kleine handwerklich arbeitende Läden leidtäte, lieber beim Discounter ihre Backwaren. Da kostete die Schrippe 13 Cent und nicht 30. Und eine knusprige Kruste hatte sie ebenfalls. Die entstand allerdings durch zahlreiche Zusatzstoffe und nicht durch die Ruhe, die der Teig zum Reifen hatte, oder weil der Bäcker aus langjähriger Erfahrung wusste, wann er ihn aus dem Ofen holen musste. 200 Zusatzstoffe waren in Europa bei Brot und Brötchen erlaubt. Agnes würde diese ungeheure Zahl nie verstehen, hatte Paul doch für ein gutes Mischbrot mit knackiger Kruste nicht mehr als Roggen, Weizen, Wasser und Salz gebraucht.

Die Kunden - die wenigen, die ihnen am Schluss noch verblieben waren - hatten am liebsten ihr Mischbrot mit einer Prise Kümmel und Koriander gekauft. Noch heute konnte Agnes den Duft des lange gereiften Sauerteigs riechen.

Es nützte nichts. Wehmütig zurückzublicken würde ihre Probleme nicht lösen. Lamentieren und jammern ebenso wenig. Auch kein Gläschen Korn bei Harald, obwohl er sie

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