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Bilder von ihr Roman von Fessel, Karen-Susan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.09.1996
  • Verlag: Querverlag
eBook (ePUB)
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Bilder von ihr

Theas Welt fehlt ein Fixpunkt, ein ruhender Pol. Kindheit, Jugend, die ersten Erwachsenenjahre sind für die Einzelgängerin ein ständiges Suchen, Loslassen, Weiterziehen - sich bloß nicht zu lange auf eine Person einlassen, keine Bindungen eingehen. Plötzlich wirft die Begegnung mit der faszinierenden Reisefotografin Suzannah Thea aus der Bahn: Suzannah fordert nichts, lässt Thea Zeit und Raum, denn Suzannah weiß: Theas unstetes Leben wird sie immer wieder zu ihr zurückführen. Suzannahs Anziehungskraft bietet die Sicherheit und Geborgenheit, vor der Thea all die Jahre geflohen ist. Nach langem Wiederstreben lässt sie sich darauf ein. Und mit der Zeit erkennt sie, dass Suzannah ein Teil ihrer Welt geworden ist. Doch auch Suzannah ist eines Tages fort, und dieser plötzliche Verlust kündigt ein neues Kapitel in Theas Leben an, ein Kapitel, in dem sie sich an dem festhält, was ihr von dieser einzigartigen Liebe geblieben ist: Gedanken, Erinnerungen und die vielen Bildern von ihr, von Suzannah. Thea verlässt Berlin und geht nach Paris, Suzannahs Heimatstadt. Hier, fern von den Freunden, ihrem schwulen Onkel Paul und all den Vergnügen, denen sie sich jahrelang hingegeben hat, ordnet Thea ihr Leben neu. Und hier entsteht ein Buch, dieses Buch. Karen-Susan Fessel gräbt tief, in aufwühlenden Bildern fordert sie Gefühle ans Tageslicht, sondiert die Verlustängste, Freuden, Wünsche, Hoffnungen ihrer Figuren mit einer Kraft und Intensität, die diese Geschichte einer großen Liebe einzigartig erscheinen lassen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Erscheinungsdatum: 01.09.1996
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783896565433
    Verlag: Querverlag
    Größe: 1566kBytes
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Bilder von ihr

I

Sie fehlt mir. Immer noch fehlt sie mir. Sie fehlt mir auf eine Art, daß es mir die Kehle zusammenschnürt, eng und heiß wird sie mir, das Schlucken wird schwer und schwerer, bis es ganz unmöglich scheint. Aber ich reiße mich zusammen.

"Trage es mit Fassung", hat meine Tante Krüpp zu mir gesagt. Tante Krüpp ist in Wirklichkeit nicht meine Tante, aber ich habe sie immer so genannt. Sie wohnte neben uns, neben meiner Mutter und mir, als ich noch ein Kind war und dann, später, ein junges Mädchen. Tante Krüpp ist die einzig wahre Tante, die ich je hatte. Tante Krüpp, alt, klein und mit leicht verkrümmten Gelenken, die ihr das Aufstehen und das Verrichten alltäglicher Hausarbeiten immer schwerer machen; Tante Krüpp scheint ein Relikt aus einer Vergangenheit, die nicht nur weit an Jahren zurückliegt, sondern auch meine eigene ist. Auch diese liegt weit zurück.

"Trage es mit Fassung", hat Tante Krüpp gesagt. Ich kann das nicht. Ich habe nie Zeiten gekannt, in denen ich etwas mit Fassung tragen mußte. Ich habe alles so getragen.

Als ich das letzte Mal in Berlin war, traf ich eine alte Bekannte, die ich seit langer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Ihr Lachen, als sie mich sah, in einer Bar, die wir früher oft gemeinsam besucht haben, machte mich verdammt froh. Irgendwann fragte sie mich, ob ich noch mit Suzannah zusammen bin. Es hat mir wieder die Sprache verschlagen. Wie oft ist mir diese Frage in den letzten beiden Jahren schon gestellt worden? Immer noch verschlägt es mir die Sprache. Ich konnte nur den Kopf schütteln. Sie gab ihrem Bedauern Ausdruck, und ich fügte hinzu: "Suzannah ist gestorben".

Ich weiß nicht, warum ich immer diesen Ausdruck benutze, anstatt zu sagen: "Suzannah ist tot." Tot - das klingt so viel klarer, direkter. Und härter. Vielleicht ist es mein Empfinden, das mich dazu bringt, es weicher auszudrücken, weich von der Art einer kratzigen Bastmatte auf einem abgeschabten Fliesenboden. Aber "gestorben" klingt, als sei es erst vor kurzem gewesen, und so ist mir auch: als sei es erst vor kurzem geschehen.

Suzannah ist vor nicht ganz zwei Jahren gestorben, genauer gesagt, vor einem Jahr, acht Monaten und fünfundzwanzig Tagen.

Ich war nicht dabei.

Es ist so still hier. Es ist still, nur manchmal kann ich das Rascheln der Vorhänge hören, oder besser: Ich sehe es. Ich sehe, wie sie sich bauschen in einem kleinen Luftzug, der durch die angelehnten Fenster in die Wohnung dringt. Die Vorhänge sind aus weißem, durchsichtigen Stoff und reichen von der Decke bis auf den Fußboden, eigentlich noch darüber hinaus. Wenn es weht, schleifen sie über das Parkett und werden mit der Zeit grau am Saum. Aber das stört mich nicht. Früher habe ich niemals Vorhänge besessen. Die Vorstellung war mir fremd. Aber hier, in dieser Wohnung, hier liebe ich sie. Ich genieße den Anblick. Und sie schützen mich. Sie verbergen die Stadt, die draußen vor meinem Fenster bebt und pulsiert wie ein einziges großes lebendiges Gewebe.

Es ist still. Die Stille lastet nicht, sie schweigt, flüssig, wie Luft. Sie ist so still wie meine Finger, deren trockene Haut. Ich kann lange Zeit so dasitzen und meine Finger ansehen. Obwohl Sommer ist, seit Monaten, ist die Haut meiner Finger hell. Ich habe von Natur aus helle Haut, aber im Moment wirkt sie fahl. Mir gefällt das. Es entspricht meiner Stimmung, meiner inneren Verfassung. Meiner Seele. Auch sie ist trocken.

Ich weiß nicht, ob das stimmt.

Mein Denken aber hat nichts Fahles an sich. Ich kann gut denken. Besser als lange Zeit, klarer. So klar wie ein Sommermorgen.

Manchmal bewege ich meine Finger. Ich nehme meinen Stift, drehe ihn herum und lege ihn wieder hin. Meine Hände kommen mir in diesen Momenten vor wie eigenständige Wesen, deren Trennung von meinem Körper ich einfach nicht wahrgenommen habe. Aber ich weiß, daß das nicht stimmt. Die Zeit, in der ich das Wissen um mich selbst und meine Körperl

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