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Bis ans Ende der Geschichte Roman von Picoult, Jodi (eBook)

  • Verlag: C. Bertelsmann
eBook (ePUB)
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Bis ans Ende der Geschichte

Sage Singer ist eine junge Bäckerin. Sie hat ihre Mutter bei einem Autounfall verloren und fühlt sich schuldig, weil sie den Wagen gelenkt hat. Um den Verlust zu verarbeiten, nimmt sie an einer Trauergruppe teil. Dort lernt sie den 90jährigen Josef Weber kennen. Trotz des großen Altersunterschieds haben Sage und Josef ein Gespür für die verdeckten Wunden des anderen, und es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Als Josef ihr eines Tages ein lang verschwiegenes, entsetzliches Geheimnis verrät, bittet er Sage um einen schwerwiegenden Gefallen. Wenn sie einwilligt, hat das allerdings nicht nur moralische, sondern auch gesetzliche Konsequenzen. Sage steht vor einem moralischen Dilemma: Denn wo befindet sich die Grenze zwischen Hilfe und einem Vergehen, Strafe und Gerechtigkeit, Vergebung und Gnade? Jodi Picoult, geboren 1966 in New York, studierte in Princeton und Harvard. Seit 1992 schrieb sie mehr als zwanzig Romane, von denen viele Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste waren. Die Autorin versteht es meisterhaft, über ernste Themen unterhaltend zu schreiben. Sie wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, wie etwa 2003 mit dem renommierten New England Book Award. Picoult lebt mit ihrem Mann in Hanover, New Hampshire.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 576
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641159399
    Verlag: C. Bertelsmann
    Originaltitel: The Storyteller
    Größe: 3078 kBytes
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Bis ans Ende der Geschichte

SAGE

Wir haben den zweiten Dienstag im Monat, und Mrs. Dombrowski bringt ihren toten Ehemann mit in unsere Therapiegruppe.

Es ist gerade erst fünfzehn Uhr, und die meisten von uns sind noch damit beschäftigt, den mehr oder weniger ungenießbaren Kaffee in Pappbecher zu füllen. Ich habe einen Teller Gebäck mitgebracht - Stuart hatte mir letzte Woche erzählt, er komme nicht mehr wegen der Trauerarbeit zu Helping Hands, sondern nur noch wegen meiner Butterscotch-Pekan-Muffins -, und als ich den Teller gerade hinstellen will, deutet Mrs. Dombrowski mit einem scheuen Nicken auf die Urne, die sie in Händen hält. "Das", teilt sie mir mit, "ist Herb. Herbie, das ist Sage. Sie ist die, von der ich dir erzählt habe - die Bäckerin."

Ich bleibe wie erstarrt stehen und neige wie üblich meinen Kopf, sodass meine Haare die linke Seite meines Gesichts bedecken. Sicherlich gibt es ein Protokoll dafür, wie man einem eingeäscherten Ehepartner zu begegnen hat, aber ich bin ziemlich verloren. Soll ich Hallo sagen? Den Griff der Urne schütteln?

"Na so was", sage ich schließlich, denn wir haben in dieser Gruppe zwar nicht viele Regeln, diese wenigen sind dafür aber strengstens zu befolgen: Sei ein guter Zuhörer, urteile nicht und setze der Trauer anderer keine Grenzen. Und wer kannte diese Regeln besser als ich? Schließlich kam ich seit fast drei Jahren hierher.

"Was haben Sie mitgebracht?", will Mrs. Dombrowski von mir wissen, und da erst wird mir klar, warum sie die Urne ihres Ehemanns mit sich herumschleppt. Bei unserem letzten Treffen hat unsere Moderatorin - Marge - vorgeschlagen, für die anderen ein Erinnerungsstück an das mitzubringen, was wir verloren haben. Und jetzt sehe ich auch, dass Shayla ein paar rosa Strickschühchen so fest umklammert hält, dass ihre Knöchel ganz weiß sind. Ethel hält eine Fernbedienung in der Hand. Stuart hat - wieder - die bronzene Totenmaske seiner ersten Frau dabei. Die Maske ist schon mehrmals in unserer Gruppe aufgetaucht und war das Gruseligste, was ich je gesehen habe - bis jetzt, da Mrs. Dombrowski Herb mitgebracht hat.

Bevor ich eine Antwort stottern kann, ruft Marge unsere kleine Gruppe zur Ordnung. Wir bilden mit unseren Klappstühlen einen Kreis, dicht genug beieinander, damit wir jemandem auf die Schulter klopfen oder eine tröstende Hand ausstrecken können. In der Mitte steht eine Schachtel Papiertaschentücher, die Marge zu jeder Sitzung für alle Fälle mitbringt.

Marge beginnt häufig mit einer allgemeinen Frage: Wo wart ihr während der Ereignisse von 9/11? Durch eine gemeinsame Tragödie kommen die Leute ins Gespräch, und dies macht es oft einfacher, über das persönliche Unglück zu sprechen. Aber dennoch gibt es immer Leute, die gar nichts sagen. Manchmal vergehen Monate, bevor man überhaupt erfährt, wie sich die Stimme eines neuen Teilnehmers anhört.

Heute jedoch erkundigt Marge sich gleich nach den Erinnerungsstücken, die wir mitgebracht haben. Ethel hebt die Hand. "Die hat Bernard gehört", sagt sie und streicht mit dem Daumen über die Fernbedienung. "Ich wollte nicht, dass er sie hat - ich habe weiß Gott wie oft versucht, sie ihm aus der Hand zu nehmen. Ich habe nicht mal mehr den Fernseher, für den sie gedacht ist. Aber irgendwie bringe ich es nicht übers Herz, sie wegzuwerfen."

Ethels Ehemann lebt noch, aber er hat Alzheimer und keine Ahnung mehr, wer sie ist. Die Verluste, die die Leute betrauern, sind mannigfach - von klein bis groß. Man kann seine Schlüssel, seine Brille, seine Jungfräulichkeit verlieren. Man kann den Kopf verlieren, sein Herz oder auch den Verstand. Man kann sein Zuhause aufgeben, um ins betreute Wohnen zu ziehen, oder muss ein Kind auf einen anderen Kontinent ziehen lassen, oder man muss mit ansehen, wie der Ehepartner in der Demenz versinkt. Verlust ist nicht all

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