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Blanca Roman von Lauenstein, Mercedes (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.05.2018
  • Verlag: Aufbau-Verlag
eBook (ePUB)
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Blanca

Der Roadtrip ihres Lebens: Die fünfzehnjährige Blanca will weg - weg von ihrer Mutter, die ständig auf gepackten Koffern sitzt, weg von den billigen WG-Zimmern, in denen sie an jedem neuen Ort unterkommen. Ihr Ziel: eine kleine Insel in Italien. Dort, bei Toni und seinem Vater Karl, war sie vor Jahren zum letzten Mal richtig glücklich. Ein Roadtrip quer durch das sommerglühende Land beginnt. Blanca reist als blinder Passagier nach Rom und schlägt sich zu Fuß bis ans Meer durch. Sie klaut in Cafés Essensreste von den Tischen, trifft auf einen Taxifahrer ohne Skrupel und einen zahnlosen Bauern, der sie zur Frau nehmen will. Mercedes Lauenstein entfaltet die Geschichte eines Mädchens, das seinen ganz eigenen Weg geht, ständig begleitet von der Frage, wie viel man vom Leben eigentlich erwarten kann. 'Hier ist eine Erzählerin am Werk, die ihren Figuren auf den Grund gehen kann, die Fragen hat an das Leben.' Sandra Hoffmann, Deutschlandfunk

Mercedes Lauenstein, geboren 1988, lebt als Schriftstellerin und Journalistin in München und Italien. Seit 2009 schreibt sie als freie Autorin Essays und Reportagen für verschiedene Zeitungen und Magazine. Für ihr Debüt 'Nachts' wurde sie 2016 mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 18.05.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841214621
    Verlag: Aufbau-Verlag
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Blanca

Eins

H ätte die Auflaufform mich getroffen, wäre alles anders gekommen. Vielleicht wäre ich jetzt tot. Aber ich sprang gerade noch rechtzeitig ins Badezimmer und schlug die Tür hinter mir zu.

Da krachte das schwere Porzellan auch schon dagegen, ein Riss ging durch das Holz, die Form zerschellte auf dem Flurboden. Meine Mutter hämmerte gegen die Tür.

Ich nahm alle Handtücher aus den Regalen, warf sie in die Badewanne, kletterte hinein und schloss die Augen. Die Handtücher rochen nach den verschiedenen Waschpulvern der WG-Mitbewohner. Nichts in diesem Badezimmer gehörte uns. Aber wir benutzten alles heimlich mit. Die Shampoos, das Klopapier, die Zahnpasta. Manchmal sogar die Zahnbürsten.

Das Handtuch, das unter meinem Kopf lag, war ungewöhnlich weich. Weich und dick, wahrscheinlich teuer. Es erinnerte mich an etwas. An Sommer. An klirrende Eiswürfel in beschlagenen Gläsern. An eine Sonne, die so hell ist, dass man nicht wagt, die Augen zu öffnen. An den Wunsch, die Zeit anzuhalten. An Toni und Karl.

Es rumste. Die Haustür. Stille. Sie war abgehauen. Sie verschwand immer nach einem Streit. Ich wusste nie, wohin sie ging. Wann sie wiederkommen würde. Manchmal blieb sie Tage weg, manchmal Wochen. Sie verließ sich einfach darauf, dass ich dableiben würde. Ich blieb immer da. Dieses Mal beschloss ich, nicht mehr dazubleiben.

Das war heute Morgen.

Ich lehne meinen Kopf an die kühle Scheibe. Keine Ahnung, wie lange ich geschlafen habe. Draußen wird es allmählich Abend, der Himmel ist aufgebrochen, rote Sonnenflecken liegen auf den Feldern, Hügeln, Baumstümpfen. Die Weite draußen tut gut, da kann ich atmen. Ein und aus. Der Zug legt sich sanft in die Kurve, fährt immer weiter weg von Hamburg, vom ewigen Regen, von meiner durchgedrehten Mutter.

Eine Tankstelle rast vorbei.

Ich denke an kalten Zitroneneistee und an den Tag, an dem wir nach Italien aufgebrochen sind. Da wussten wir noch nicht, dass wir dort Toni und Karl finden würden. Und mit ihnen zum allerersten Mal so etwas wie ein richtiges Zuhause.

Es war ein Sommertag, und ich war gerade neun geworden. Wir hatten es nicht gefeiert. Geburtstage waren etwas für Leute, die Angst vor der Zeit hatten. Nichts für uns. Doch die Neun bedeutete mir mehr als jede Zahl zuvor, ich zeichnete sie ständig irgendwohin, auf Kassenbons, Bonbonpapier, Klowände, Hefte, Bücher.

"Hör auf mit dem Scheiß, Zahlen bedeuten nichts", sagte meine Mutter.

Da malte ich die Neun erst recht überallhin. Mit Kugelschreiber auf meine Hände, wie einen magischen Code. Neun war das beste Alter, das man haben konnte, ich fühlte mich zum ersten Mal erwachsen. Acht war dunkelblau und schüchtern, neun war strahlend gelb und mutig. Ich wollte für immer neun sein.

Wir waren gerade aus Stuttgart abgehauen. Und manövrierten unser röchelndes Auto nun auf das Gelände einer Tankstelle. Meine Mutter hatte während der ganzen Fahrt das Armaturenbrett gestreichelt und dem Wagen wie einem kranken Pferd gut zugeredet. Geholfen hatte es nichts.

Ich blieb im Wagen, meine Mutter machte sich Richtung Werkstatt auf. Ich kletterte auf den Fahrersitz, legte meine Beine auf das Lenkrad, klappte den Sitz ganz nach hinten und schloss die Augen. Ich musste nicht hinsehen, ich wusste auch so, was draußen vor sich ging. Langsam zählte ich bis zwölf und ließ die Szene vor meinem inneren Auge ablaufen: Eins, meine Mutter geht auf die Werkstatt zu, zwei, ein Träger ihres dünnen Oberteils rutscht ihr wie beiläufig von der Schulter, drei, sie streicht sich eine Strähne aus der Stirn, vier, spricht einen Mechaniker an, fünf, deutet auf das Auto und, sechs, erklärt ihm das Problem. Sieben, zwei weitere Männer kommen dazu, acht, sie sagt, sie bete, es möge nichts Größeres sein, nicht ausgerechnet jetzt, es sei nicht einmal unser Auto, nur von einem Freund geliehen, sie wisse wirklich nicht, wie sie das jetzt regeln solle. Neun, sie atm

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