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Blauer Weg von Ortheil, Hanns-Josef (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.09.2014
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
eBook (ePUB)
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Blauer Weg

Das literarische Tagebuch der Jahre 1989 bis 1995 in erweiterter Neuausgabe. Fünfundzwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer und dem Ende der DDR erscheint Hanns-Josef Ortheils literarisches Tagebuch aus jener Zeit in einer neuen, erweiterten Ausgabe. In hochgenauen Bildern, Skizzen und Erzählungen führt uns dieser intensive Zeitroman an der Seite eines Autors, der die rasanten Umbrüche sensibel und mit hellwachem Geist beobachtet, zurück in eine der spannendsten Perioden der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ohne es zu ahnen und vorherzusehen, wird Hanns-Josef Ortheil in den Jahren 1989 bis 1995 vom mächtigen Strom der historischen Ereignisse erfasst und zu einem bedeutenden Zeugen der Zeit. Das beginnt während eines Aufenthaltes in Prag, wo die ostdeutschen Flüchtlinge gerade die westdeutsche Botschaft besetzen. Und es setzt sich fort in Reisen nach Sofia, Wien, Leipzig, durch ganz Deutschland und immer wieder nach Berlin, wo Ortheil in der Nacht der deutschen Wiedervereinigung im Berliner Hotel Kempinski allein mit Kanzler Kohl an einer Hotelbar sitzt. Den Kontrast zu all diesen Reisen direkt in die Zentren der vielen neuen Geschichten bilden die Aufenthalte in seinem Stuttgarter Gartenhaus. Im stillen Raum eines alten Weinberggeländes kommt der Autor zwischen seinen Reisen zu sich, reflektiert die Veränderungen und porträtiert Freunde und Kollegen bei ihren Versuchen, die Gegenwart überhaupt noch zu begreifen. Dabei erweist er sich als einer der wenigen Autoren aus dem Westen der Republik, der eine genaue Sprache für die große Wende sucht und sie auf eine bis heute ungemein beeindruckende Weise auch findet. Mit dem Nachdruck von Hanns-Josef Ortheils "Blauem Weg" wird ein wertvolles Zeitzeugnis aus den Wendejahren wieder aufgelegt. Zur Neuveröffentlichung dieses berühmt gewordenen und zu Recht hoch gelobten Buchs hat er einen einleitenden Essay geschrieben, in dem er aus heutiger Sicht zu ergründen versucht, warum er damals diese ganz besonderen Ära so emphatisch und geschichtsnah begleitet hat. Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und zuletzt dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 592
    Erscheinungsdatum: 22.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641143312
    Verlag: Luchterhand Literaturverlag
    Größe: 681 kBytes
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Blauer Weg

Das Ich und die Geschichte

"Blauer Weg" – wiedergelesen

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F ÜNFUNDZWANZIG JAHRE nach dem Mauerfall erscheint mein literarisches Tagebuch Blauer Weg , das zum ersten Mal 1996 veröffentlicht wurde, in einer um diesen einleitenden Essay erweiterten Neuausgabe. Die Wiederlektüre nach so vielen Jahren hat mich erstaunt, entdeckte ich in diesen tagebuchartigen Erzählungen und Porträts aus der Zeit von 1989 bis 1995 jetzt und im Nachhinein doch viele Spuren eines größeren Erzählzusammenhangs, der meine literarischen Arbeiten untergründig durchzieht und miteinander verbindet. Einige Motive und Themen dieses Zusammenhangs möchte ich erläutern, da sie zu einem erweiterten Verständnis des Buches Blauer Weg aus heutiger Sicht beitragen.

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A UF DEN ersten Blick ist Blauer Weg eine Art Panorama aus kurzen Geschichten, Stimmungsbildern und Reflexionen, wie ich sie bereits seit frühen Kinderjahren geschrieben habe. Solche Texte entstehen noch heute mehr oder minder lang täglich, ergänzt durch chronikartige Berichte über das Vergehen und den Lebensrhythmus der Tage. (Genaueres zu diesen Werkstattverfahren findet man in dem Essay Die unendliche Arbeit am Text , der meinen Essayband Die weißen Inseln der Zeit einleitet.)

In den Jahren von 1989 bis 1995 nahmen all diese Aufzeichnungen überhand, denn die geschichtlichen Ereignisse der sogenannten "Wendejahre" drängten mich immer wieder dazu, bestimmte Details zu notieren. Insgesamt ergaben die Texte dieses Zeitraums ein großes Konvolut, aus dem ich später vor allem jene Teile für den Druck auswählte, die sich im engeren Sinn mit den historischen Ereignissen beschäftigten.

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W OLLTE MAN ein Leitmotiv des gesamten Tagebuchs fixieren, so könnte man es in der Auseinandersetzung einer einzelnen Person und eines einzelnen privaten Raums mit den Ereignissen der größeren Geschichte erkennen. Ohne es zu ahnen und zu beabsichtigen, gerate ich nämlich schon im September 1989 während eines Arbeitsaufenthaltes in Prag in den Sog dieser Ereignisse. Unweit von meinem Prager Quartier liegt die westdeutsche Botschaft, auf deren Gelände sich genau während meines Aufenthaltes viele DDR -Flüchtlinge einfinden, um die Ausreise in die alte BRD zu erzwingen. Mit einigen dieser Flüchtlinge komme ich in Kontakt, und es sind genau diese Kontakte und Berührungen, die sich immer heftiger fortsetzen und ein intensives Interesse an den Folgevorgängen der deutschen Wiedervereinigung in Gang bringen.

Am Anfang bin ich noch reiner Beobachter, der die Ereignisse zu verstehen und vor allem genau zu beschreiben versucht. Die Beobachterhaltung geht aber allmählich verloren, bis sie sich schließlich in der auch leiblichen Teilnahme an dem, was ich "die Geschichte" nenne, zeigt. Diese Teilnahme findet dann vor allem in Berlin statt. Dorthin reise ich seit dem Herbst 1989 immer häufiger, beschreibe die Veränderungen in der Stadt, lasse mich durch die jetzt leicht zu erreichenden östlichen Quartiere treiben und beziehe dort im Osten schließlich sogar für einige Zeit ein kleines Zimmer, um dem geschichtlichen Umbruch so nahe wie möglich zu sein.

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E MOTIONAL WAREN diese Jahre in meinen Augen eine Zeit starker Glücksmomente und unerwarteter Emphasen, wie ich sie im Erleben und Verstehen geschichtlicher Vorgänge noch nie erlebt und auch nie für möglich gehalten hatte. Dass und wie "Geschichte" die private Existenz in bestimmten Zeiträumen stärker einnehmen und

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