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Blendwerk Ein Piet-Hieronymus-Roman von Boëtius, Henning (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.03.2009
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Blendwerk

Piet Hieronymus, Auslandsermittler der holländischen Kriminalpolizei, ist wieder unterwegs. Doch diesmal in eigener Sache. In einer thüringischen Kleinstadt besucht er einen alten Freund, der dort eine Buchhandlung betreibt. Als Piets Freund eine Morddrohung erhält, beginnt er zu ermitteln. Schnell entpuppt sich das idyllische Städtchen als Ort, an dem Feindseligkeiten nur notdürftig verborgen sind. Da gibt es einen Maler, der Totenköpfe malt und selbst nicht mehr lange zu leben hat, einen Archivar, der hinter seinem jovialen Wesen dämonische Züge versteckt. Und dann gibt es ein Mädchen, das zu wenig, und eines, das zu viel Hemmungen in der Liebe hat. Für Piet Hieronymus wird seine Winterreise nach Thüringen zu einer Erfahrung der ganz besonderen Art. Henning Boëtius, geboren 1939, wuchs auf Föhr und in Rendsburg auf und lebt heute in Berlin. Er studierte Germanistik und Philosophie und promovierte 1967 mit einer Arbeit über Hans Henny Jahnn. Boëtius ist Verfasser eines vielschichtigen Werkes, das Romane, Essays, Lyrik und Sachbücher umfasst. Sein Roman 'Phönix aus Asche' wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Bekannt wurde er außerdem durch seine Kriminalromane um den eigenwilligen niederländischen Kommissar Piet Hieronymus.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 250
    Erscheinungsdatum: 18.03.2009
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641023898
    Verlag: btb
    Größe: 617 kBytes
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Blendwerk

Zweites Kapitel D er Himmel dieses Tages war weiß und prall wie ein Kissen der Frau Holle, das die faule Pechmarie nicht schütteln mochte, um die Federn stieben zu lassen. Irgendwann fuhren wir über die ehemalige Grenze. Ich hatte etwas von der Mauer gehört, von Selbstschußanlagen, Wachttürmen, Minenfeldern. Nun war das meiste davon entfernt. Aber die Grenze war dadurch nicht verschwunden. Ein Streifen Niemandsland, der, wie mir schien, unendlich tief in die Erde hinabreichte und genauso weit in den Himmel darüber. Es war, als verlöre an dieser Stelle alles ein wenig von seiner Farbe, von seiner genauen Gestalt. Etwas Diffuses ging von den Gräsern und Bäumen aus, die hier wuchsen, wie auf einer verwackelten Fotografie. Der Zug fuhr plötzlich sehr langsam. Auch das alte Geräusch von Rädern auf nicht verschweißten Schienen war plötzlich wieder da. Dieses rhythmische Klacken, das in meiner frühsten Kindheit für mich die Erfahrung Zugfahren geprägt hatte. Ich mußte umsteigen. Auch hier auf dem Bahnsteig war man in einer anderen Zeit. Immer noch Vorkriegszeit, die auf den rostbraunen Schwellen lag und hinter den blinden Fenstern der Bahnwärterhäuschen hockte. Die Stimme aus dem Lautsprecher gehörte keiner bekannten Landessprache an. Das war kein Deutsch, sondern ein unverständliches, aggressives Stöhnen aus dem Souffleurkasten der Geschichte. Dann saß ich in einem anderen Zug. Ich versuchte, ein Bild von der Landschaft zu bekommen. Es war kaum möglich, denn die Fensterscheiben waren so verschmutzt, daß alles draußen in einem trüben Braun versank, selbst das Blau des sonnigen Himmels. Wir fuhren in einer Art Sichtgefängnis, und nur weil ich mir einen Fleck freirieb, erspähte ich überhaupt etwas von der Außenwelt. Es ging einen Fluß entlang, an dessen Ufer nun andere Ruinen die Dekoration bildeten. Verbeulte Kühlschränke, Autoleichen, Rollen von nie genutztem Stacheldraht. Einmal mußte ich umsteigen in einer mittelgroßen Stadt. Hier herrschte Nebel. Auf dem Bahnhofsvorplatz war ein kleiner Weihnachtsmarkt. Drei bis vier Würstchenbuden, ein Verkaufsstand für ärmliche Kleidung, eine Kindereisenbahn, die sich, auf echten Schienen ratternd, zu aus einem Lautsprecher plärrenden Weihnachtsliedern im Kreise drehte. Es gab nur einen Fahrgast: ein ungefähr dreijähriges Kind, das in einem offenen Güterwagen saß und sich mit blaugefrorenen Händen an den Wagenseiten festhielt. Es lächelte ein verzückt blödes Lächeln. Das Christkind, das auf eine verrückte Welt zurückgekommen war, um zu verkündigen, daß es hier nichts mehr zu erlösen gab. Weiter ging es, tiefer in dieses Land am Ende der Welt, wo die Hyperboreer lebten, ein heiliges Volk, dem ein tausendjähriges Leben beschieden war, das weder Krieg noch Streit kannte, weder Krankheiten noch Siechtum. Die Hyperboreer starben, so hieß es, eines freiwilligen, raschen Todes, wenn sie das ewige Glücklichsein satt hatten. Ich sah mich um. Viele Menschen waren im Wagen, aber sie sprachen nicht miteinander. Sie glichen Vieh, das man transportiert, und es gibt nur einen einzigen Grund, Vieh zu transportieren: es zu schlachten. Wenn dies die Hyperboreer waren, dann hatten sich alle Merkmale der Legende ins Gegenteil verkehrt. Niemand beachtete mich. Und allmählich wurde ich angesteckt von der nämlichen Gleichgültigkeit. Auch ich schaukelte bald mit Kopf und Gliedern, weil mich eine Schlaffheit überkam, die den mechanischen Stößen der Fahrt willenlos ausgeliefert war. Einmal stieg ein Mensch ein, der sich deutlich von den anderen unterschied. Er trug einen teuren Kaschmirmantel und eine Jockeymütze. Seinen schwarzen Diplomatenkoffer hielt er krampfhaft fest, während er lautstark auf die Langsamkeit des Zuges schimpfte, den Dreck, die Tatsache, daß es kein Wasser auf den Klos gab. Auch jetzt reagierte niemand. Es war, als brülle er in eine Leere, die vollkommener war als seine theatralische Wut. d

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