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Calvinos Hotel Roman von Gogolin, Peter H. (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.06.2012
  • Verlag: Kulturmaschinen
eBook (ePUB)
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Calvinos Hotel

Der Roman ist durch den Deutschen Literaturfonds gefördert. Greta steht ihr ganzes Leben lang zwischen zwei Männern, dem zurückgezogenen, feinsinnigen deutschen Komponisten Eduard Thallmann und dem lebenstüchtigen, italienischen Geschäftsmann Enrico Calvino. Vor ihren Kindern verbirgt sie diese Situation und nimmt das Geheimnis, dass sie zwei verschiedene Väter haben, mit ins Grab. Jahre nach ihrem Tod deckt ihr ältester Sohn Richard, der Erzähler des Romans, ihr Geheimnis auf. Viel zu spät erkennt er darin die Ursache seines wurzellosen Daseins und maßgeblicher Katastrophen, die ihm die Liebe seines Lebens zerstörten und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart hineinwirken. Die Familiengeschichte spielt in Norditalien und Deutschland zur Zeit des Bosnienkrieges. Richard Thallmann, der als deutscher Luftwaffengeneral in die Entscheidungen des Natoeinsatzes in Bosnien involviert ist, gerät sein Leben aus den Fugen. Er muss begreifen, dass ein selbstbestimmtes Handeln nur begrenzt möglich ist. Peter H. Gogolin hat an der Universität Hamburg studiert. Seit 1978 lebt er als freier Schriftsteller. 1994 gründete er ein Literaturbüro, das u.a. Autoren ausbildet und coacht. Gogolin lebt heute in Wiesbaden, er ist Verfasser von Romanen, Erzählungen, Essays, Gedichten, Theaterstücken und Drehbüchern. 1982 erhielt er den Literaturförderpreis der Stadt Hamburg, 1982, 1983 und 1995 ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds in Darmstadt, 1989 ein Stipendium der Villa Massimo, 1990 ein Stipendium des Künstlerdorfes Schöppingen und ein weiteres des Künstlerhofes Schreyahn, 1992 das Amt des Esslinger Stadtschreibers sowie 2005 den Wolfgang-A.-Windecker-Lyrikpreis.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 376
    Erscheinungsdatum: 29.06.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783940274892
    Verlag: Kulturmaschinen
    Größe: 582 kBytes
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Calvinos Hotel

DAS FRAGMENT EINES ENGELS
Seltsamerweise habe ich stets geglaubt, dass es das Glück gibt. Das Glück ist etwas, das man schon bald, bei einem der nächsten Schritte, bestimmt wird erreichen können. Es ist wie ein Geräusch hinter der Wand, oder aus einem nahe angrenzenden Zimmer, das man lange schon gehört hat, mal lauter, mal leiser, und es ist lediglich notwendig, in dieses andere Zimmer hinüber zu gehen. Natürlich tut man es nie.
Ich weiß selbstverständlich, dass jede Geschichte einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben sollte; möglichst ungefähr in dieser Reihenfolge. Aber damit ist es wie mit dem Glück; manchmal kann man machen, was man will, es ist einfach nicht zu haben. Es wäre wohl besser, man gewöhnte sich beizeiten daran.
Die Geschichte, die mein Leben ist, gleicht einem Labyrinth mit vielen Eingängen; das mag verwirrend erscheinen, aber man muss nur irgendwo eintreten. Lasst uns also am Himmel beginnen, am Himmel über der Adria.
Die Sonne war gerade aufgegangen, als ich, Generalmajor Richard Thallmann, am Morgen des 8. April 1994 von Vicenza kommend die Linie Padua-Venedig überflog. Meine F-16, ein taktischer Aufklärer, befand sich auf einer Höhe von 6000 Fuß, und ich konnte zur Linken weit in den Golf von Venedig hinaussehen. Lange Dunststreifen, die im frühen Sonnenlicht wie glattes, milchweißes Porzellan blinkten und sich in spätestens einer Stunde aufgelöst haben würden, lagen über dem Wasser. Ich brachte die Maschine auf Südkurs und regelte dann die Lautstärke des Kopfhörers herab; die ständigen Meldungen der Luftraumüberwachung Vicenza-Control hatten heute einen blechernen, quäkenden Ton, der mir in den Ohren wehtat. Die Adria, auf der ich vereinzelte Schiffsbewegungen ausmachen konnte, lag da wie ein breites, graues Brett. Drüben in Jugoslawien, das inzwischen nicht mehr so hieß, war ich nie gewesen, und dabei sollte es, wenn es nach mir gehen würde, unter den gegebenen Umständen auch bleiben.
Vor Jahren hatte ich mir während eines Herbsturlaubs in Rom im dortigen Goethe-Institut den Film eines Hamburger Filmemachers angeschaut, dessen einfacher Plot darin bestand, dass ein deutscher Junge seine Liebe zu einem türkischen Mädchen entdeckt. Die unangenehmen Folgen seitens der Familie waren für das Mädchen natürlich absehbar, während der Junge mit einer Art tapferer Blindheit weiter durch den Film und das Leben seiner Angebeteten stolpert. Ich erinnerte mich deutlich an zwei alte Damen mit geblauten Haaren, die in der Reihe vor mir gesessen hatten und sichtlich zur Deutschen Kolonie in Rom gehörten. Die Linke, einen dreifachen Kranz falscher Perlen um den Hals, hatte sich, während das Verhängnis auf der Leinwand fortschritt, unvermittelt an ihre Begleiterin gewandt und laut gefragt, weshalb dieser deutsche Tölpel das Mädchen nicht einfach in Ruhe lassen könne. Dieser Satz hatte mir unmittelbar eingeleuchtet. Es gibt Zusammenhänge, in denen Deutsche nichts zu suchen haben. Vor allem dann, wenn es um weniger entschuldbare Dinge als die Liebe geht.
Neun Minuten hinter Venedig kam Ravenna in Sicht, und ich begann, die F-16 in einer weiten Rechtskurve auf Westkurs zu ziehen. Zwischen Forli und Cesena überflog ich die Bahnlinie Mailand-Rimini. In diesem Moment geschah es, dass ich den Engel sah.

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