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Das Dorf. Suchodol von Bunin, Iwan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.06.2014
  • Verlag: Dörlemann eBook
eBook (ePUB)
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Das Dorf. Suchodol

'Die vielleicht schönste und lohnendste Wiederentdeckung der letzten Jahre.' Karla Hielscher, Deutschlandfunk 'Das Dorf' und 'Suchodol' sind zwei der bekanntesten und beeindruckendsten Werke Bunins, die schon bei ihrem Erscheinen heftige Diskussionen ausgelöst haben. 'Das Dorf' entfaltet durch die Geschichte der ungleichen Brüder Krassow und an Schauplätzen wie Kramladen, Jahrmarkt, Vorstadt, Landstraße oder Bauernstube ein Panorama des düsteren Provinzlebens im vorrevolutionären Russland. Bunin beschreibt dieses Leben in all seinen Facetten schonungslos und dennoch mit Verständnis, ja beinahe liebevoll. 'Suchodol' rekonstruiert durch die Erzählungen der alten Magd Natalja die komplizierte Geschichte der Besitzerfamilie des Landguts Suchodol und entwirft damit das anschaulichste und dichteste Bild der untergehenden russischen Adelskultur, das in der russischen Literatur existiert.

IWAN BUNIN, geboren 1870 in Woronesch, emigrierte 1920 nach Paris. Am 10.12.1933 erhielt er als erster russischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur. Er starb am 8. November 1953 im französischen Exil. In deutscher Übersetzung erschienen 'Ein unbekannter Freund' (2003), sein Revolutionstagebuch 'Verfluchte Tage' (2005) und seine literarischen Reisebilder in dem Band 'Der Sonnentempel' (2008) sowie die frühen Erzählungen in 'Am Ursprung der Tage' (2010). DOROTHEA TROTTENBERG studierte Slavistik in Köln und Leningrad, arbeitet als Bibliothekarin und als freie Übersetzerin klassischer und zeitgenössischer russischer Literatur, u.a. von Michail Bulgakov, Nikolaj Gogol, Vladimir Sorokin, Lev Tolstoj und Ivan Turgenev. 2007 wurde sie mit dem Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis, 2012 mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet. THOMAS GROB ist Professor für Slavistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Basel. Zudem ist er publizistisch tätig.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 12.06.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783908778523
    Verlag: Dörlemann eBook
    Originaltitel: Derewnja. Suchodol
    Größe: 1067kBytes
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Das Dorf. Suchodol

DAS DORF

I

Den Urgroßvater der Krassows, beim Gesinde der Zigeuner genannt, hetzte Rittmeister Durnowo mit Windhunden zu Tode. Der Zigeuner hatte ihm, seinem Herrn, die Geliebte ausgespannt. Durnowo befahl, den Zigeuner auf das Feld hinter Durnowka zu bringen und ihn auf einen Hügel zu setzen. Er selbst ritt mit der Meute hinaus und schrie: "Faßt ihn!" Der Zigeuner, der schreckerstarrt dasaß, ergriff die Flucht. Aber vor Windhunden sollte man nicht davonlaufen.

Der Großvater der Krassows erhielt aus irgendwelchen Gründen einen Freibrief. Er zog mit seiner Familie in die Stadt - und machte sich bald einen Namen: Er wurde ein berüchtigter Dieb. Er mietete in der Tschornaja Sloboda eine armselige Hütte für seine Frau, die Spitze klöppeln und verkaufen mußte, während er selbst mit einem Kleinbürger namens Belokopytow durch das Gouvernement fuhr und Kirchen plünderte. Nach ungefähr zwei Jahren wurde er gefaßt. Aber auch bei Gericht benahm er sich so, daß man sich seine Antworten an die Richter noch lange erzählte: Er stand da, als trüge er einen Kaftan aus Plüschsamt, eine silberne Uhr und Ziegenlederstiefel, mit dreist mahlenden Backenknochen und umherschweifendem Blick, und bekannte sich allerrespektvollst auch zu den geringsten seiner zahllosen Taten:

"Jawohl, ganz richtig. Jawohl, ganz richtig."

Der Vater der Krassows wiederum war ein kleiner Krämer. Er fuhr im ganzen Kreis herum, lebte eine Zeitlang in Durnowka - er wollte eine Schenke und einen Kramladen eröffnen - , ging jedoch bankrott, fing an zu trinken, kehrte in die Stadt zurück und starb bald darauf. Auch seine Söhne, Tichon und Kusma, fast gleichaltrig, betätigten sich, nachdem sie in verschiedenen Läden gedient hatten, als Krämer. Sie zogen in einem Wagen mit geschnitztem Vordergestell herum, mitten auf dem Wagen eine Truhe, und riefen laut und wehmütig: "Wei-ber, Wa-re! Wei-ber, Wa-re!"

Die Ware - kleine Spiegel, Seifenstücke, Ringe, Zwirn, Tücher, Nadeln, Kringel - befand sich in der Truhe. Und im Wagen lag alles, was sie ergattert hatten: Katzenkadaver, Eier, Segeltuch, Lumpen ...

Nachdem sie einige Jahre herumgezogen waren, gingen sich die Brüder eines Tages mit dem Messer an die Gurgel - Gerüchten nach zu urteilen wegen eines Fräuleins - , und danach trennten sie sich, um Schlimmeres zu vermeiden. Kusma ging bei einem Viehhändler in Dienst, Tichon pachtete einen kleinen Gasthof auf der Chaussee beim Bahnhof Worgol, etwa fünf Werst von Durnowka entfernt, und eröffnete eine Schenke und einen Trödelladen, einen "Handel mit Kleinbedarf an Tee Zucker Tabak Zigarren und anderes mehr".

Als Tichon gegen vierzig ging, wurde sein schwarzer Bart allmählich von Silber durchzogen. Doch war er gutaussehend, groß und schlank wie früher: streng von Angesicht, sonnenverbrannt und leicht pockennarbig, in den Schultern breit und sehnig, im Gespräch gebieterisch und schroff, in seinen Bewegungen flink und gewandt. Bloß schoben sich seine Brauen immer öfter zusammen, und die Augen blitzten noch schärfer als früher: Das Geschäft verlangte es!

Beharrlich war er hinter den Landkommissaren her - in der toten Zeit im Herbst, wenn die Abgaben eingezogen wurden und im Dorf eine Versteigerung auf die andere folgte. Beharrlich kaufte er den Gutsbesitzern das Getreide noch auf dem Halm ab, pachtete bei ihnen und bei den Bauern Land - stückweise, er verlangte nicht einmal einen halben Acker. Lange lebte er mit einer stummen Köchin zusammen - "Eine Stumme plaudert nichts aus!" - und

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