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Das Ende des Bengalischen Tigers Ein Roman in elf Geschichten von Ogawa, Yoko (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.06.2014
  • Verlag: Verlagsbuchhandlung Liebeskind
eBook (ePUB)
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Das Ende des Bengalischen Tigers

Eine Frau möchte zum zehnten Geburtstag ihres Sohnes, der vor Jahren durch einen tragischen Unfall ums Leben kam, in einer Konditorei zwei Erdbeertörtchen kaufen. Doch als sie den Laden betritt, kommt niemand, um sie zu bedienen. Die zierliche Konditorin steht mit dem Telefonhörer am Ohr hinten in der Küche und weint stumm vor sich hin. Einige Jahre zuvor bekommt eine Schriftstellerin von einer alten Witwe, bei der sie zur Untermiete wohnt, eine Karotte geschenkt, die einer menschlichen Hand ähnelt. Sogar die Lokalnachrichten interessieren sich für die merkwürdige Karotte. Doch kurz darauf macht die Polizei im Gemüsegarten der Witwe einen grausigen Fund. Was hat eine Mutter, die ihr Kind verloren hat, mit einer alten Witwe zu tun, deren Mann vor Jahren unter mysteriösen Umständen verschwunden ist? Welche Verbindung gibt es zwischen einer Schriftstellerin, die regelmäßig bis spät in die Nacht arbeitet, und einer Konditorin, die als Mädchen in ein ehemaliges Postamt eingebrochen war? Yoko Ogawa spinnt ein feines Netz von Geschichten, die in einer rätselhaften Welt spielen. Alle Figuren folgen ihrem eigenen unergründlichen Schicksal, und doch kreuzen sich ihre Wege, während sie wie im Traum an den Abgründen des Lebens entlangwandeln. Yoko Ogawa gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen ihrer Generation. Für ihr umfangreiches Werk wurde sie mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Tanizaki-Jun'ichir?-Preis. Für ihren Roman 'Das Geheimnis der Eulerschen Formel' erhielt sie den begehrten Yomiuri-Preis. Bei Liebeskind erschienen u.a. die Romane 'Hotel Iris', 'Das Museum der Stille' und 'Das Ende des Bengalischen Tigers'. Yoko Ogawa lebt mit ihrer Familie in der Präfektur Hyogo.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 02.06.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783954380374
    Verlag: Verlagsbuchhandlung Liebeskind
    Größe: 1057 kBytes
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Das Ende des Bengalischen Tigers

1

Ein Nachmittag in der Konditorei

Es war ein wunderschöner Sonntag. Am Himmel zeigte sich keine einzige Wolke, das Laub zitterte in der leichten Brise, und wohin man auch blickte, war alles in gleißendes Licht getaucht. Die Markise der Eisdiele, die Augen einer streunenden Katze, der Wasserhahn des Trinkbrunnens, sogar der mit Taubenkot bedeckte Sockel der Turmuhr – ein jedes Ding funkelte verheißungsvoll.

Auf dem Platz tummelten sich die Leute und genossen ihren freien Tag. Ein Luftballonverkäufer verwandelte mit quietschenden Geräuschen einen Ballon nach dem anderen in allerlei Tierköpfe, er war umringt von Kindern, die staunend zu ihm aufschauten. Auf einer Bank saß eine Frau, die an einem Pullover strickte. Irgendwo hupte jemand und eine Schar Tauben flog auf. Davon aufgeschreckt, begann ein Baby zu weinen, und seine Mutter nahm es behutsam auf den Arm.

Eine ganz und gar perfekte Szenerie, makellos und vollkommen, entfaltete sich im hellen Licht. Egal, wo man hinschaute, man hätte meinen können, es gäbe keinen Verlust auf dieser Welt.

Es war niemand im Laden. Als ich durch die Drehtür eintrat, ließ ich augenblicklich den Trubel auf dem Platz hinter mir. Stattdessen umfing mich ein Duft von Vanille.

"Hallo?" rief ich zaghaft, und da ich keine Antwort erhielt, nahm ich auf einem der Hocker Platz, die in der Ecke standen, und wartete. Ich war zum ersten Mal hier. Der Verkaufsraum war klein und geschmackvoll eingerichtet, er wirkte schlicht und nicht überladen. In der Vitrine lagen sorgfältig arrangiert Pasteten, Kuchen und Pralinen, während in den Regalen die Keksdosen aufgereiht standen. Auf der Ablage hinter der Kasse lag ein Stapel Geschenkpapier mit einem hübschen, orangeblauen Karomuster.

Es sah alles köstlich aus, aber ich hatte meine Wahl bereits getroffen: zwei Erdbeertörtchen, sonst nichts.

Die Turmuhr schlug vier. Erneut flatterten die Tauben auf und flogen über den Platz, um sich vor dem Blumenladen niederzulassen. Genervt griff daraufhin die Ladenbesitzerin zum Staubwedel und verscheuchte die Vögel. Eine Wolke von grauen Federn stob in den Himmel.

Im Laden ließ sich immer noch niemand blicken. Ich wollte schon gehen, aber da ich relativ neu in der Stadt war, fiel mir keine andere Konditorei ein.

Außerdem gefiel es mir hier. Dass ich als Kunde mir selbst überlassen war, empfand ich nicht etwa als unhöflich, vielmehr lag in dieser stillen Atmosphäre etwas bemerkenswert Zurückhaltendes. Das Licht der Vitrinenbeleuchtung schimmerte sanft, die Kuchen waren hübsch anzusehen, und ich saß bequem auf meinem Hocker.

"Ist da niemand?"

Plötzlich trat eine ältere Frau ein. Sie war klein und pummelig und trug eine abgewetzte Plastikschürze. Der Lärm von draußen, der beim Öffnen der Tür hereindrang, erstarb sofort wieder.

"Oh, werden Sie nicht bedient? Wo steckt sie denn nur? Man darf doch seine Kunden nicht warten lassen", sagte sie und lächelte mich an.

"Wahrscheinlich ist sie kurz etwas erledigen gegangen. Sie kommt bestimmt gleich wieder."

Die Frau setzte sich neben mich, und ich verneigte mich zum Gruß.

"Soll ich Sie bedienen? Ich kenne mich hier ziemlich gut aus, schließlich liefere ich ihr die Gewürze."

"Vielen Dank, aber machen Sie sich keine Sorgen um mich. Ich habe es nicht eilig."

So saßen wir eine Weile nebeneinander und warteten. Die alte Frau band sic

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