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Das Fenster zur Welt von Bauer, Jürgen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.02.2015
  • Verlag: Septime Verlag
eBook (ePUB)
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Das Fenster zur Welt

Die 80-jährige Hanna wagt nach dem Tod ihrer Mutter einen späten Ausbruch aus ihrem starren Alltag. Beim Speed-Dating lernt sie den jungen, arbeitslosen Schauspieler Michael kennen, dem durch die Trennung von seinem Partner plötzlich jede Sicherheit genommen wurde. Zwischen dem ungleichen Paar entwickelt sich bald eine Freundschaft, und als Hanna mit dem Auto eine Reise in ihre Vergangenheit antritt, sitzt Michael am Beifahrersitz. Die Fahrt zu Hannas erster Jugendliebe aus den turbulenten Wochen nach Kriegsende zwingt Michael, auch in seiner Kindheit nach Antworten zu suchen, denn Hanna kennt den Grund, warum seine Mutter ihn bei seinem Vater zurückgelassen hat. Immer deutlicher wird den beiden die Tragweite bewusst, wie einzelne Entscheidungen ein ganzes Leben prägen. Jürgen Bauer schildert in seinem Debütroman Das Fenster zur Welt das Aufeinandertreffen zweier Generationen, die sich gemeinsam der Suche nach ihren begangenen Fehlern stellen, und nähert sich mit feinfühliger Sprache und subtilem Humor der Frage nach Schönheit und Vergänglichkeit eines Augenblicks.

Jürgen Bauer, geboren 1981, lebt in Wien. Im Rahmen des Studiums der Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien, Amsterdam und Utrecht spezialisierte er sich auf Jüdisches Theater und veröffentlichte hierzu zahlreiche Artikel und Buchbeiträge. 2008 erschien sein Buch No Escape. Aspekte des Jüdischen im Theater von Barrie Kosky. Seine journalistischen Arbeiten zu Theater, Tanz und Oper erscheinen regelmäßig in internationalen Zeitungen und Zeitschriften. Jürgen Bauer nahm mit seinen Theaterstücken zwei Mal am Programm "Neues Schreiben des Wiener Burgtheaters' teil. Das Fenster zur Welt ist sein Debütroman. 2014 wurde ihm das Aufenthaltsstipendium für junge deutschsprachige Autorinnen und Autoren des Literarischen Colloquiums Berlin zugesprochen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 23.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783903061033
    Verlag: Septime Verlag
    Größe: 402kBytes
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Das Fenster zur Welt

II

Es war Ewigkeiten her, seit Michael das letzte Mal verreist war. Er sank in den Beifahrersitz und beobachtete den Himmel, der wie ein blaues Leintuch über der Landschaft aufgezogen worden war. Hanna erfüllte jedes Klischee, das er von alten Frauen am Steuer hatte. Sie klebte mit ihrem Kopf hinter der Windschutzscheibe, an der ein alter Duftbaum baumelte, krallte sich am Lenkrad fest und wandte den Blick keine Sekunde von der Straße ab. So krochen sie mit fünfzig, vielleicht sechzig Stundenkilometer auf der Straße dahin. Michael hatte nichts dagegen, er musste sowieso nirgendwo hin.

Irgendwann deutete Hanna nach rechts und sagte, ohne den Blick von der Straße zu richten: "Dort wohne ich, noch."

Michael folgte ihrem Fingerzeig und landete mit seinem Blick bei einem heruntergekommenen Ziegelgebäude, das großflächig von Baustellen umgeben war.

Er hatte das Haus ganz anders in Erinnerung gehabt, größer und stattlicher. Aber er war damals noch ein Kind gewesen. Jetzt fiel es ihm schwer zu glauben, dass dort überhaupt noch jemand lebte. Es sah so aus, als wären die Bauarbeiter einfach noch nicht dazu gekommen, dieses Haus ebenfalls abzureißen. Der Verputz war offenbar schon vor langer Zeit abgebröckelt, die Fensterrahmen schienen aus altem Holz zu sein und vor der Eingangstür lagen unzählige Dachziegel am Boden.

" Die Häuser hier sind früher aus allen Nähten geplatzt, das kann man sich jetzt gar nicht mehr vorstellen. Da wurde noch Schicht gearbeitet."

Hanna bog rechts ab, sodass sie das öde Gelände umrundeten.

"Es hat ja wirklich ein bisschen gedauert, aber Ilse hat mich so weit, mir die neuen Wohnungen zumindest anzusehen, gleich dort drüben, der Neubau. Hässlich, nicht? Aber die Wohnungen sind wirklich schön, sagt sie, mit Warmwasser, und ich dürfte mir sogar aussuchen, wie die Küche aussehen soll. Ich weiß gar nicht, ob meine Küche bisher irgendwie ausgesehen hat, da standen nur der Herd und ein paar Kästen herum."

Hanna fuhr eine seltsame Route aus der Stadt hinaus, durch viele kleine Gassen, am Flussgraben entlang, in dem jetzt nur noch wenig Wasser floss. Im Sommer war hier alles trocken. Sie näherten sich dem Zentrum, aber auf Umwegen und in Zick-Zack-Linie.

"Ich weiß ja, dass das eine Bruchbude ist. Aber immerhin ist es meine Bruchbude."

Das war früher einmal der Weg durch den Ort gewesen, aber seitdem die neue Hauptstraße gebaut worden war, benutzte diese kleinen Straßen und Gassen eigentlich niemand mehr, der nicht hier wohnen musste. Michael war sich nicht sicher, ob Hanna einfach keinen anderen Weg kannte oder ob sie sich nur nicht traute, die große Straße zu befahren. Ihm sollte es recht sein, so kamen sie mit unsicheren Lenkbewegungen an menschenleeren Ecken und Plätzen vorbei, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Vor allem die Straße, die früher einmal die Einkaufsstraße des Ortes gewesen war, schien völlig verlassen zu sein.

"Ich habe nie zurückgeschaut. Und wo hat mich das hingebracht? Bevor ich ausziehe und dann gar nicht mehr zurückblicken kann, weil die das alles sofort abreißen werden, weil sowieso nur noch Ausländer drinnen wohnen, die man viel leichter rausschmeißen kann, also bevor ich ausziehe, dachte ich, ein paar Menschen kann ich doch noch besuchen, jetzt wo Mutti nicht mehr lebt. Man weiß ja nicht, wie lange man selber ..."

Michael verstand nicht ganz.

"Das hat aber eine Weile gedauert, ihre Mutter war doch schon unter der Erde, als wir uns kennengelernt haben", sagte er.

"Immer langsam. Eine alte Frau ist kein Schnellzug. Und mein Kopf schon gar nicht. Das ist nicht ganz einfach für mich."

Hanna schien seinen Blick auf ihrer Hand am Ganghebel zu bemerken. Sie hatte offensichtlich Mühe, den richtigen Gang zu finden.

"Ja, das auch nicht."

Und als wäre ihr etwas wieder eingefallen, das sie längst vergessen hatte: "Es

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