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Das Flüstern der Erinnerung von Young, Hester (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.03.2016
  • Verlag: LYX
eBook (ePUB)
8,99 €
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Das Flüstern der Erinnerung

Seit dem plötzlichen Tod ihres Sohnes vor drei Monaten träumt die Journalistin Charlotte Cates nachts von Kindern, die sie um Hilfe anflehen. Um ihren Albträumen zu entfliehen, reist sie für ein Buchprojekt nach Louisiana und recherchiert in dem ungelösten Fall des kleinen Gabriel Deveau. Gabriel, Erbe eines wohlhabenden und angesehenen Südstaaten-Clans, wurde als Kleinkind entführt und wird seitdem vermisst. In ihm erkennt Charlie den Jungen aus ihren Träumen und ahnt, dass sich hinter all dem mehr verbirgt als nur die Halluzinationen einer trauernden Mutter. Was geschah vor 30 Jahren? Und was versucht ihr der Junge im Traum mitzuteilen? Hester Young studierte Englische Literatur und arbeitete zehn Jahre als Lehrerin, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Sie lebt mit ihrem Ehemann und zwei Kindern in Lawrenceville, New Jersey. Das Flüstern der Erinnerung ist ihr erster Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 544
    Erscheinungsdatum: 03.03.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783802598449
    Verlag: LYX
    Serie: Charly Cates Bd.1
    Originaltitel: The Gates of Evangeline
    Größe: 1461 kBytes
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Das Flüstern der Erinnerung

1

Der Himmel ist von einem tristen Grau, als ich endlich den Autositz meines Sohnes ausbaue. Es regnet, ein kalter Herbstregen. Was mir für einen Moment, den ich mehr als drei Monate lang hinausgeschoben habe, sowohl klischeehaft als auch angemessen vorkommt. Ich stehe neben meinem Prius, spähe durch das Rückfenster auf den leeren Kindersitz und wundere mich zum hundertsten Mal über die dünne Schicht Sand, die Keegan erstaunlicherweise immer wieder hinterließ. Und dann tue ich es.

Ich erlaube mir nicht, darüber nachzudenken, arbeite schnell und effizient. Löse die Riemen. Fahre zwischen die Polster des Rücksitzes und öffne die Metallschnallen. Ein Ruck, und der Autositz landet mit einem Bums in der Einfahrt.

Es nimmt nie ein Ende, immer wieder gibt es etwas, mit dem man sich aufs Neue verabschiedet. Ich drehe mein Gesicht in den Nieselregen.

Der Sommer ist fort, er hat sich davongestohlen, ohne dass ich es bemerkt habe, und plötzlich ist der Oktober da und protzt mit seinen grellen Rot- und Gelbtönen. Mit zusammengekniffenen Augen betrachte ich die Nachbarhäuser mit ihren vorbildlichen Vorgärten: gestutzte Rasenflächen, Beete mit gewässerten Chrysanthemen, ein Paar Kürbisse vor den Türen. Und Laub natürlich, überall, leuchtend und glänzend. Es klebt auf der glatten Straße und verstopft die Rinnsteine.

Ich lege die Hand an meine Tasche, taste nach den Schlüsseln und der Brieftasche. Blinzle. Versuche mich zu erinnern, was ich hier tue und wo ich hinwollte. Versuche nicht an den Kindersitz zu denken, der hinter mir in der Einfahrt liegt.

Ich atme tief ein, feuchte Erde und fauliges Laub. Es ist Sonntag, rufe ich mir ins Gedächtnis. Ich wollte Grandma besuchen. Ich steige auf den Fahrersitz und starte den Motor, doch alles fühlt sich falsch an. Ich gebe mir einen Moment Zeit, warte, ob die Unruhe vorbeigeht, bevor ich mir eingestehe, dass ich diesen Kampf verloren habe. Mit der gähnenden Leere dort auf dem Rücksitz kann ich nicht herumfahren. Nicht heute.

Kleine Schritte. Eins nach dem anderen.

Ich springe aus dem Wagen und laufe zur Garage. Hole mein Fahrrad. Es ist Sonntag, und ich werde Grandma besuchen. Ich werde mich an den Plan halten. Ich werde mich zusammenreißen.

Atme , befehle ich mir. Atme .

"Guter Gott, Charlotte, du bist ja völlig durchnässt." Meine Großmutter, die in der Tür ihrer bescheidenen Wohnung steht, sieht so entsetzt aus, wie ich es gar nicht von ihr kenne.

"Ich bin mit dem Fahrrad gefahren."

Früher einmal wäre Grandma böse geworden, wenn ich im Regen herumlaufe und riskiere, krank zu werden. Doch das Leben ist schon lange nicht mehr normal. Die Granitaugen meiner Großmutter zeigen Sorge, sogar Mitgefühl, als mich ihre knotige Hand hereinwinkt. Tropfend trete ich in den Flur. Nasse Haarsträhnen kleben mir an der Stirn und am Hals.

Ohne etwas zu sagen zieht mir Grandma die Jacke aus. Ich kann spüren, wie sie mich beobachtet, abschätzend, wie sie ihre eigene Traurigkeit beiseiteschiebt, um Platz zu machen für meine. Es ist ein Blick, den ich mit vierzehn Jahren das erste Mal gesehen habe, damals, als mein Vater starb und sie mich aufnahm. Und nun - unglückseligerweise - in den letzten Monaten wieder.

"Irgendwo habe ich einen Bademantel", sagt Grandma. "Möchtest du etwas trinken? Was Heißes?"

Wir beide zeigen nicht gern unsere Gefühle. Wir sind stoische Neuengländer, die, wie mein Exmann es sarkastisch ausdrückte, immer "die angemessene Yankee-Distanz" halten. Gefühle sind in der Familie Cates etwas noch Privateres als Politik oder Religion. Heißer Tee, ein Becher Kakao - das ist die Art von Wärme, die meine Großmutter anzubieten hat.

"Mir geht es gut, Grandma. Ich möchte mich nur setzen." Dass es mir "gut" geht, ist natürlich eine schamlose Lüge. Mein Gesicht erzählt die ganze Geschichte: gesprungene Lippen; von plötzlichen Weinanfäl

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