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Das Haus der Granatäpfel Roman von Conradi, Lydia (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.10.2017
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Das Haus der Granatäpfel

Smyrna, 1912: Das Paradies - so nennen viele die Metropole am Ägäischen Meer, die inmitten von Krisen wirkt wie ein weltvergessenes Idyll. In die Stadt, in der Menschen aus aller Herren Länder seit jeher in Eintracht leben, kommt die Berlinerin Klara, um mit Peter, dem Sohn eines Kaufhausmagnaten, eine Zweckehe einzugehen. Doch er kann die lebenshungrige junge Frau nicht glücklich machen, und Klara verliert ihr Herz an den Arzt Sevan. Aber auch er ist gebunden, und als der Erste Weltkrieg ausbricht, beschließen beide, trotz ihrer Liebe füreinander ihre Partner nicht im Stich zu lassen. Für eine Weile erweist sich das Paradies wahrhaftig noch als Oase im Grauen, doch dann entbrennt ein schicksalhafter Kampf um die Stadt. Und plötzlich muss Klara eine Entscheidung fällen, die über Menschenkraft hinausgeht, um etwas von Smyrnas Geist und ihrer Liebe zu Sevan zu bewahren ... Lydia Conradi ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die mit ihrer Familie im europäischen Ausland lebt. Als Literaturhistorikerin arbeitet sie im Bildungsbereich eines Museums, verbringt alle verfügbare Zeit auf Reisen und ist der verlorenen Vielfalt der Levante verfallen - ihrem sinnlichen Zauber, ihrem kulturellen Reichtum und ihrer Tradition der Toleranz.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 672
    Erscheinungsdatum: 02.10.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492978040
    Verlag: Piper
    Größe: 7620 kBytes
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Das Haus der Granatäpfel

D er Tag, an dem Sevan die Welt entdeckte, war sein neunter Geburtstag, der Himmel war blau bis auf eine scharf umrissene Wolke, und die Welt hieß Smyrna.

Sie waren bei Sonnenaufgang aufgebrochen. Onkel Bedros saß vorn auf dem Karren und lenkte das Maultier, und Sevan hockte hinten und gab acht, dass keine der Holzkisten herunterfiel. Auf seine Aufgabe war Sevan stolz. Onkel Bedros hätte genauso gut einen seiner Brüder oder Cousins mitnehmen können, mutige, geschickte Burschen, die für die Familie ihren Mann standen, aber er hatte sich für Sevan entschieden, der sich vor seinem Schatten fürchtete und über seine Füße stolperte. Sevan, den die anderen den Herrn Kann-nicht nannten, weil er gar nichts konnte.

Dies hier aber würde er schaffen. Er war entschlossen, den Onkel nicht zu enttäuschen.

In den Kisten waren Flaschen und Käselaibe. Sooft der Karren auf dem hart gebackenen Feldweg hüpfte und Sevan die Flaschen aneinanderklirren hörte, schob er schnell die Hände dazwischen und wünschte sich, ein Meeresungeheuer mit acht Armen zu sein. Die Kisten rochen gut. Nach Holz und Harz und der seifigen Lauge, mit der seine Mutter sie abschrubbte, sauer nach Ziegenmilch und süß nach in der Sonne getrockneten Feigen, die Onkel Bedros zusammen mit Kümmel und Pistazien in den Käse schnitt. Den Käse verkaufte er an einen Türken, der Restaurants in Smyrna damit belieferte.

"Das solltest du mal sehen", sagte Onkel Bedros und hörte sich an, als kaute er dabei auf seinem Priem. "Die Damen, die da in Smyrna meinen Käse essen, die tragen Hüte wie Lebensbäume auf den Köpfen und nehmen sie sogar zum Essen nicht ab."

Smyrna, das war die große Stadt. In ihrem Hafen traf Onkel Bedros nicht nur den Türken, der den Hutfrauen seinen Feigenkäse auftischte, sondern auch noch einen Ausländer, der die Flaschen mit dem weißen Saft nach Europa verschiffte.

"Deutscher ist der und sieht aus wie ein Fass mit Brille. Ein raki -Fass. Sobald der mich zu Gesicht kriegt, ruft er immer: 'Ah, Bedros, Bedros, wer seinen raki allein trinkt, der ist ein einsamer Mann.'"

Onkel Bedros erzählte Sevan ständig, wer wie aussah. Als wäre Sevan blind. Sein Bruder Aram nannte ihn so, wenn er wieder einmal über etwas stolperte: "Mein blinder Herr Kann-nicht". Dabei konnte Sevan sehr wohl sehen. Er sah die rötlichen Bohnenfelder, die mit Piniennadeln abgedeckten Tabakfelder und die weißen Flocken auf den Baumwollfeldern, doch vor allem sah er die Nebel, die die Farben trüb machten und ihm Angst einjagten. Wenn die Welt einen Grund hatte, sich im Nebel zu verbergen, wie durfte man ihr dann vertrauen?

Die Flaschen, die in den Kisten hüpften, sah er hingegen recht klar. Sie enthielten den weißen Saft, der hervorquoll, wenn Onkel Bedros seinen Feigenbäumen einen Ast vom Stamm brach und ihre Rinde bluten ließ.

"In Europa ist das Medizin", erklärte er mit einer Stimme, die nach Grinsen klang.

"Und gegen was soll das helfen?", fragte Sevan.

"Warzen." Das Grinsen in der Stimme wurde breiter. "Denen in Europa kannst du alles einreden, was du willst, solange etwas nur aus dem Orient kommt. Dann glauben die, es wirkt Wunder wie Aladins Lampe."

Sevan schloss die Augen und sah Bilder von Europa. Den Eiffelturm, das höchste Bauwerk der Erde. Den Kristallpalast in der Hauptstadt des britischen Weltreichs, wo die Sonne nicht unterging. Vielleicht gab es das gar nicht. Onkel Bedros erzählte zwar, es stünde in der Zeitung, aber Onkel Bedros erzählte viel, wenn der Tag lang war, und in ihrem Dorf Bardisag, was kleiner Garten bedeutete, war jeder Tag lang. Sevan wünschte, er hätte die Zeitung selbst lesen können, doch er war zu dumm, um es zu lernen. "Der Herr Kann-nicht ist nicht blind, sondern blöd", sagte sein Cousin Rupen zu seinem Bruder Aram, wenn Sevan sich über seine Schulaufgabe beugte und auf die Zeichen starrte, ohne eines zu erkennen. Aram u

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