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Das Haus der roten Töchter Roman von Sakuraba, Kazuki (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.01.2019
  • Verlag: Heyne
eBook (ePUB)
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Das Haus der roten Töchter

Eine japanische Familiensaga, die sich über drei Generationen erstreckt Japan 1953: Manyo, das Mädchen aus den Bergen, hat eine besondere Gabe: Sie kann die Zukunft voraussehen. Doch sie verrät nicht, was ihre Visionen beinhalten. Als ihr eigener Stamm sie aus diesem Grund verstößt, muss sie unten im Tal leben. Mit ihrem langen schwarzen Haar und ihren großen Augen fällt sie in der kleinen Dorfgemeinschaft auf. Jahre später nimmt der Sohn der angesehensten und reichsten Familie sie zur Frau. Doch warum erwählt er ausgerechnet die arme Manyo? Dieses Geheimnis wird Manyos Enkelin Toko erst Jahrzehnte später lüften. Und auch, warum ihre Großmutter auf dem Sterbebett sagte: 'Ich bin eine Mörderin.' Kazuki Sakuraba ist eine erfolgreiche Autorin in Japan. Sie hat zahlreiche Romane veröffentlicht und erhielt unter anderem 2008 den renommierten Naoki Preis. Das Haus der roten Töchter ist ihr erster Roman bei Heyne.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 496
    Erscheinungsdatum: 14.01.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641235864
    Verlag: Heyne
    Originaltitel: Red Girls
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Das Haus der roten Töchter

TEIL EINS

Die letzte Ära der Legenden

1953 -1975
Manyo Akakuchiba
EINS

Der Sommer der Visionen

Im Sommer, als Manyo Akakuchiba zehn Jahre alt war, sah sie einen Mann hoch am Himmel fliegen. Manyo war meine Großmutter, und da sie damals, bevor sie in die alte Familie Akakuchiba, den Geldadel der Region San'in einheiratete, noch ein einfaches Mädchen vom Lande war, hatte sie keinen Nachnamen. Im Ort rief man sie nur "Manyo".

Meine Großmutter hatte seltsame Dinge gesehen, seit sie denken konnte. Sie war eine große, kräftig gebaute Frau mit Haaren so schwarz wie nasse Krähenflügel, die ihr bis zur Taille reichten - obwohl ihr Haar später, wie zu erwarten war, schneeweiß wurde. Hin und wieder machte sie ihre großen Augen ganz schmal und starrte hinauf zu den fernen Berggipfeln. Sie hatte sehr gute Augen; und sie sah Dinge, die für das Auge unsichtbar sind. Die Geschichte, wie es dazu kam, dass sie die hellsichtige Herrin des Hauses Akakuchiba genannt wurde, liegt noch vor uns - ich will hier zunächst von der Kindheit meiner Großmutter erzählen. Doch schon als sie noch ganz klein war, wurde deutlich, dass sie manchmal in die Zukunft blicken konnte.

Ab und zu zeigte sich das als Voraussage, die sich durch eine spontane Neuordnung der kunstvoll gemalten, tintenschwarzen Buchstaben auf einer Schriftrolle in einem traditionellen Wohnzimmer ergab; dann wieder erschien ein Toter in einem Zimmer und wies ihr die Zukunft; und ein anderes Mal sah sie sie als ein Bild, dessen Bedeutung sie nicht verstand. Aber eigentlich erwähnte Manyo dies nicht gegenüber den Leuten im Ort. Für sie war sie nur das fremde "Ausländerkind", was in meiner Großmutter gleichzeitig Stolz und Sorge weckte, weil sie anders war als andere. In diesem 28. Sommer der Showazeit - 1953 nach dem westlichen Kalender - war Manyo wohl etwa zehn Jahre alt. Das ist nur geschätzt, denn niemand im Ort wusste ihr genaues Alter, nicht mal Manyo selbst. Eines Tages war sie einfach in einer abgeschiedenen Region Japans erschienen, die man San'in nennt und die aus einem schmalen Streifen Land zwischen der schwarzen Gebirgskette der Chugoku-Berge und der grauen Fläche des Japanischen Meers besteht, wo immer schlechtes Wetter herrscht. Es war, als wäre sie irgendwo aus den Tiefen der Berge aufgetaucht. Manyo erinnerte sich nicht mehr daran, aber die Ausländer hatten sie einfach im Ort gelassen, als sie ungefähr drei Jahre alt war.

Beim Schreiben dieser Geschichte habe ich mich für den Namen "Ausländer" entschieden. Die Menschen der Region San'in hatten sehr lange Zeit versteckt in den Bergen gelebt, und im Gegensatz zu uns Ortsansässigen bekamen diese Nomaden keinen festen Namen, sondern wurden nur "sie", "die da" oder auch "die Bergmenschen" genannt. In neuerer Zeit haben Völkerkundler ihnen offenbar Bezeichnungen wie "Sanka", "Nobuse" und "Sangai" gegeben, aber im Ort Benimidori im Westen der Präfektur Tottori wurden sie nie benutzt.

Wahrscheinlich Hunderte von Jahren oder noch viel, viel länger haben Menschen tief verborgen in den Bergen gelebt: Der Wind ließ ihre langen, pechschwarzen Haare wie eine Fahne hinter ihnen wehen, ihre Haut war so dunkel wie Leder, sie waren kräftig gebaut und blieben niemals lange an einem Ort, sondern streiften frei durch die Berge, so wie die Jahreszeit es erlaubte. Es gab keine jährlichen Tribute, keine Versammlungen und keine der neumodischen Steuern, aber da sie auch keinen Staat hatten, mussten sie auf sich selbst aufpassen.

Allerdings hat niemand in Benimidori, Tottori oder dem entfernteren Izumo in den letzten fünfzig Jahren auch nur eine Spur von ihnen gesehen, daher weiß ich nicht, ob sie immer noch in den Chugoku-Bergen leben. Die kleine Manyo jedenfalls kam vor etwa fünfundsechzig Jahren mit Erwachsenen des Stammes hinunter nach Benimidori, mit der letzten Generation, die noch den Ort besuchte,

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