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Das Kind von Lavant, Christine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.03.2015
  • Verlag: Wallstein
eBook (ePUB)
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Das Kind

Zum 100. Geburtstag der großen Kärntner Autorin am 4. Juli 2015 Diese 1945/46 entstandene Erzählung ist das Debüt der Autorin Christine Lavant, sie erzählt darin vom Leben eines Kindes in einer Heilanstalt; ganz bleibt sie in der Denkwelt des Mädchens, das die so geheimnisvollen wie existenziellen Vorgänge um sich herum noch kaum versteht. Viele der späteren Themen werden schon hier eindrucksvoll angeschlagen: Krankheit, körperliche Beeinträchtigung - der diskriminierende Umgang der Gesellschaft damit und dagegen die Würde der Betroffenen, in rückständigen, von Religion und Aberglauben geprägten Verhältnissen die eigene Existenz zu behaupten. Seit früher Kindheit war Christine Lavant selbst von verschiedenen schweren Krankheiten gezeichnet; sie konnte sich auf besondere Weise in das Schicksal ihrer Figuren einfühlen: Es war ihr eigenes oder beruhte zumindest auf realen Erfahrungen während ihrer zahlreichen Krankenhausaufenthalte. Nicht Mitleid ist, was aus den Texten spricht, sondern genaues Wahrnehmen und Ernstnehmen aus wirklicher Nähe. Daraus entsteht die ungeheuerliche Kraft der Lavantschen Literatur. Erstmals erschien die Erzählung 1948. Seit Jahren ist sie vergriffen. Dieser Neuausgabe liegt die Originalhandschrift der Autorin zugrunde, neu durchgesehen und nur bei offensichtlichen Verschreibern und Fehlern korrigiert.

Die Autorin: Christine Lavant, (1915-1973), geb. in St. Stefan im Lavanttal (Kärnten) als neuntes Kind eines Bergmanns, war Lyrikerin und Erzählerin. Ihre Schulbildung musste sie aus gesundheitlichen Gründen früh abbrechen. Jahrzehntelang bestritt sie den Familienunterhalt als Strickerin. Sie erhielt u. a. den Georg-Trakl-Preis (1954 und 1964) und den Großen Österreichischen Staatspreis (1970). Der Herausgeber: Klaus Amann, geb. 1949, studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Wien, war bis 2014 Professor für Geschichte und Theorie des Literarischen Lebens und Leiter des Robert Musil-Instituts Klagenfurt. Er publizierte u.a. Bücher über Adalbert Stifter, Robert Musil und Ingeborg Bachmann und ist Mitherausgeber der kommentierten digitalen Gesamtausgabe von Robert Musil.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 88
    Erscheinungsdatum: 02.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783835327849
    Verlag: Wallstein
    Größe: 1561kBytes
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Das Kind

Den Unmündigen aber

wird es offenbar werden
I

D a ist ein langer Gang. Und er hat weißgestrichene Türen rechts und links - viele weißgestrichene Türen. Oben, ganz hoch oben, wo vielleicht schon der Rand vom Himmel anfängt und wo man auch mit ganz weit aufgerissenen Augen nicht hinaufsieht, ist etwas Schwarzes. Was dieses Schwarze ist, wird man vielleicht einmal wissen, wenn man gestorben ist, weil dann weiß man alles.

So denkt das Kind, das schwer kurzsichtig ist und von nummerierten Türen nichts weiß. Eine richtige Türe, die wirklich bloß eine Türe ist - und auch diese hat noch genug Seltsames an sich! - sieht so aus wie zu Hause die Stubentüre, die braun und gefleckt ist und immer so fremd wird, wenn sie die Mutter vor Weihnachten oder Ostern mit einem nassen Tuch abwäscht. Am liebsten muss man sie im Winter haben. Da hat sie oben und unten und auf den Seiten Streifen von einer alten Kotze angenagelt wie ein Kleid und man möchte sie manchmal ausziehen wie eine Puppe, aber der Vater lässt nicht. Sonst ist sie eine richtige und gute Türe, aber nicht wie diese hier. Diese Türen sind sowieso keine richtigen Türen. Die tuen bloß so. In Wirklichkeit sind sie ganz was anderes und gehören zu dem Gang, der wie die Ewigkeit ist.

Am Ende dieses Ganges ist durch eine weißgestrichene Türe ein kleiner Raum abgeteilt, in dem allerliebste kleine weiße Tische und Bänke stehen. Er ist als Spielraum für die Kinder gedacht, wenn es draußen regnet oder kalt ist.

Von dieser einen Türe ist noch das Besondere zu sagen, dass sie halb aus Glas ist. Hat jemand schon sowas gesehen?

Vielleicht gehen alle Kinder mit einer kleinen Furcht durch diese Türe? O das wäre wohl sehr zu vermuten! - Denn: Wozu sonst schleichen sie sich heimlich wie ausgewachsene Verbrecher durch den langen Gang der Ewigkeit und durch die Besenkammer in der Männerabteilung, um sich von dort aus über den niederen Balkon ins Freie zu lassen. Wo es drinnen doch so warm ist und soo sauber und ein Ball liegt auch in irgendeiner Ecke. Und draußen regnet es in einer unfreundlichen, geradezu verdrossenen Art, wie es eigentlich zu Hause nie regnet. Wenn es zu Hause regnet, dann kann man, wenn es in der Stube zu langweilig ist oder die Mutter Kundschaften bekommt, die alte Leintücher zum Flicken bringen, sodass eigentlich nirgends mehr ein rechter Platz zum Spielen bleibt, in den Stall vom Bauern gehen, der so groß ist wie eine Kirche und auch zwei Säulen hat. Und der Knecht hat eine abgeteilte Kammer drin mit einem Bett. Wenn man die Schuhe auszieht, darf man hineinsitzen und an allerhand denken. Und soo warm ist es dort. Und die Tiere sind alle angehängt, Gott sei Dank! - Die können nichts tun.

Hier braucht man vor Tieren freilich keine Angst zu haben, weil keine da sind. Höchstens Vögel. Aber heute, wo es regnet, sind sie wohl alle heimgegangen. Denn: Daheim sind sie da bestimmt nicht. Niemand ist da daheim, bloß so lang wie man krank ist. Bloß der Primariusdoktor, aber der ist ja kein richtiger Mensch. Der gehört zu den Türen, die auch keine richtigen Türen sind und wohnt wahrscheinlich von Rechts wegen im Himmel. Der wird wohl auch wissen, was das ganz Schwarze oben bei den Türen ist. Er weiß ja alles!

Ja, es ist tatsächlich ein verdrossener Regen. Sein Rauschen hat nicht die Melodie, die jener Regen hat, der auf Keuschen, Heuhütten, Ställen und Maisstrohhecken fällt. Er ist abgehackt und hart und vielleicht schämt er sich dessen und geht deshalb mit dem wilden Wein, der sich so zärtlich an die Dächer der Holzgänge zwischen den Abteilungen des Krankenhauses anrankt, so wüst um. Er reißt die zarten Ranken herab und formt sie zu wi

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