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Das letzte Journal von Goubran, Alfred (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.03.2016
  • Verlag: Braumüller Verlag
eBook (ePUB)
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Das letzte Journal

'Alles noch einmal in die Hand nehmen. Ein letztes, ein allerletztes Journal schreiben. Dann das Buch zuklappen und alles, was man darin aufgezeichnet hat, vergessen.' Wien, Herbst 2008. Nach 41 Jahren begegnet der Schriftsteller Aumeier seiner Jugendliebe Terése wieder und zieht auf ihr Anwesen, wo er beginnt, sein Journal zu schreiben. Er erfährt die Ursache für ihre gewaltsame Trennung und sieht sich in der Gestalt des alten Schwarzkoglers mit einem mächtigen Gegenspieler konfrontiert. Das letzte Journal ist ein in sich abgeschlossenes Buch. Es verweist jedoch auch auf Goubrans bisher erschienene Romane und wirft ein neues Licht auf die fragwürdigen Umstände von Aumeiers Tod (AUS.) und seine Beziehungen zum 'Schwarzen Schloß' (Durch die Zeit in meinem Zimmer). Alfred Goubran Umfangreiche literarische Tätigkeit als Schriftsteller, Rezensent, Übersetzer ('Der parfümierte Garten', 'Die gelbe Tapete'), Herausgeber ('Staatspreis. Der Fall Bernhard') und Verleger (edition selene bis 2010). Seit 2010 betreibt er das Musikprojekt [goubran]. Von Alfred Goubran bei Braumüller erschienen: 'Ort', Erzählungen, Wien 2010 'AUS.', Roman, Wien 2010 'Kleine Landeskunde', Essai, Wien 2012 'Der gelernte Österreicher', Idiotikon, Wien 2013 'Durch die Zeit in meinem Zimmer', Roman, Wien 2014

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 14.03.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783992001347
    Verlag: Braumüller Verlag
    Größe: 1022 kBytes
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Das letzte Journal

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Als ich tags darauf - ungefähr zu der Zeit, als man in der Parallelwelt meiner Todesphantasie den leblosen Körper meines Doppelgängers in den Leichenwagen hob - auf meinem Weg zu Terése durch die Währinger Straße ging, an der Buchhandlung Bartalszky vorbei und dem fünfstöckigen Zinshaus, das mein Höllenzimmer beherbergte, fand ich zu meiner Überraschung das Café Stadelmann an gewohnter Stelle und vollkommen unbeschädigt wieder. Mein Irrtum erklärte sich wie folgt: Das leere Geschäftslokal mit den chinesischen Schriftzeichen lag, vom Schottenring kommend, zwei Häuser vor der Buchhandlung, das Café Stadelmann zwei Häuser danach. Da ich die Währinger Straße stets auf Höhe der Buchhandlung querte, war mir das leerstehende Geschäftslokal nie aufgefallen, sonst hätte ich es erkannt und nicht mit dem Café Stadelmann verwechseln können. Ich mußte also damals, in völliger Gedankenlosigkeit, die Währinger Straße schon eher gequert haben, wahrscheinlich auf dem Zebrastreifen, auf Höhe der Berggasse. Daß sich mein Irrtum nicht eher aufgeklärt hatte, lag daran, daß das Café Stadelmann auf meinen Wegen vom Haus zur Buchhandlung gewissermaßen im toten Winkel liegt. Wenn ich in diese Richtung sehe, dann nach den buschigen Köpfen der Bäume vor dem Institut Français .

Also gehe ich an jenem Vormittag, statt in die Mansarde hinaufzusteigen, um mich wie ein Schriftstelleruhrwerk aufzuziehen und mir irgendwelche Texte aus den Rippen zu schneiden, an den fünf Stockwerken, der Buchhandlung und dem Café Stadelmann vorbei, hinunter zur Nußdorfer Straße, weiter zum Gürtel und dann in den 18. Bezirk hinein, wo ich bald in den 19. abschwenke, nach Döbling, in Gassen, die mir vertraut sind, weil ich eine Zeitlang hier gelebt habe, nicht im Villenviertel, das ich jetzt passiere, doch habe ich auch an diese Gegend meine Erinnerungen, etwa an den Jungen, der sein philippinisches Kindermädchen mit einem abgebrochenen Goldrutenzweig wie ein Kalb die Gasse hinunterjagt. - Es ist kein Spiel. Sobald sie stehenbleibt, schlägt er ihr mit dem Zweig auf die nackten Waden, sodaß sie vor Schmerz aufschreit. Der Junge ist vielleicht zehn. Sein Glück, daß ich zu weit entfernt bin, um einzugreifen. Oder meines ... Ich will gar nicht wissen, wer seine Eltern sind ... Noblesse oblige .

Ein paar Straßen weiter die Villa des "Privatgelehrten" und Schriftstellers Röhrle, ein Bürgermeistersohn aus Mürzzuschlag, der, nachdem er in Wien das Künstlerleben für sich entdeckt hatte, so gerne, wie die Mehrzahl der österreichischen Schriftsteller seines Jahrganges, jüdische Vorfahren gehabt hätte und in den letzten Jahren vor allem als Tugendwächter und Sprachpolizist von sich reden gemacht hatte. Über sein literarisches Tätigsein weiß ich nur, daß sein letzter Roman, vom Feuilleton als "literarische Sensation" ausgelobt, mit dem Satz "der Schnee fiel lotrecht aus dem Himmel" endet. - Das muß genügen.

In der persönlichen Begegnung ist Röhrle beflissen, beinahe liebdienerisch, kann einem nicht in die Augen sehen, der Händedruck ist lau. Alles in allem ist er eine sehr alltägliche, biedere Erscheinung bar jeden Charismas. Einmal war ich bei ihm zu Gast gewesen - ich weiß nicht, aus welchem Mißverständnis heraus, doch früher hatte ich noch manchmal solche Einladungen erhalten, vielleicht weil man meine Verträglichkeit prüfen wollte - oder sollte es doch besser heißen: meine Verdaulichkeit? - Der dumme Robert war auch da und in seiner Rolle als Paradeintellektueller verkündete er - man weiß nicht, in welchem Auftrag - mit jesuitischem Eifer die baldige Aufhebung jeder Souveränität und die Auflösung der Nationalstaaten in Europa. So war das also. Man saß im Schatten, unter hohen Bäumen. Eine Holzveranda, eine grün-weiß gestreifte Markise. Es gab Apfelstrudel, selbstg

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