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Das Leuchten von Morgen Roman von Beah, Ishmael (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.05.2016
  • Verlag: Verlag Das Wunderhorn
eBook (ePUB)
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Das Leuchten von Morgen

Die Autobiografie über sein Leben als Kindersoldat in Sierra Leone hat ihn weltberühmt gemacht. In seinem Romandebüt beschreibt Ishmael Beah nun wie einige Jahre später Überlebende in ihr vom Krieg zerstörtes Heimatdorf zurückkehren und dort versuchen ein gemeinsames Leben aufzubauen, überlagert von den Schatten der Vergangenheit. Das allmähliche Vertrauen in das neue Gemeinschaftsleben wird jedoch zutiefst gestört, als eine ausländische Minengesellschaft über das Dorf herfällt, die seinen Bewohnern neue Lebensformen und auch Lebenswege aufzwingt, diesmal jedoch mit der Hoffnung auf das Leuchten von Morgen.

Ishmael Beah, 1980 in Sierra Leone geboren, studierte in den USA Politikwissenschaften. Bekannt wurde Beah mit seiner hochgelobten Biografie Rückkehr ins Leben (Orig.: A long way gone, 2007), welche sein Leben als Kindersoldat und seine Befreiung durch Unicef schildert. Ishmael Beah ist in mehreren Menschenrechtsorganisationen und als internationaler UNICEF Botschafter tätig. Er lebt in Mauretanien.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 250
    Erscheinungsdatum: 17.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783884235171
    Verlag: Verlag Das Wunderhorn
    Originaltitel: Radiance of Tomorrow
    Größe: 771 kBytes
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Das Leuchten von Morgen

1

Dies ist das Ende oder vielleicht der Anfang
einer neuen Geschichte.
Jede Geschichte beginnt und endet mit einer Frau,
einer Mutter, einer Großmutter, einem Mädchen, einem Kind.
Jede Geschichte ist eine Geburt.

Sie kam als Erste dorthin, wo der Wind nicht mehr zu atmen schien. Einige Meilen vor der Stadt hatten sich die Bäume ineinander verschlungen; ihre Äste wuchsen bis zum Boden hinab, vergruben die Blätter in der Erde, versteckten sich vor den Sonnenstrahlen, die ihnen ein Morgen vorgaukeln wollten. Einzig der Pfad leistete Widerstand, ließ sich nicht vom Gras überwuchern, als ahnte er, dass sein Hunger nach der lebensspendenden Wärme nackter Füße bald gestillt würde.

"Schlangen" nannte man diese langen und verschlungenen Wege, auf denen man dem Leben begegnete oder zu Orten gelangte, wo es Leben gab. Wie Schlangen waren sie bereit, ihre alte Haut abzustreifen, das braucht seine Zeit, Unterbrechungen sind nötig. An diesem Tag lösten ihre Füße eine solche Unterbrechung aus. Vielleicht lassen jene, die schon viele Jahre hinter sich haben, als Erste ihre Freundschaft zum Land wieder aufleben, vielleicht ist das aber auch nur Zufall.

Ihr knochiger Körper, gehüllt in ein fadenscheiniges, von vielen Wäschen ausgebleichtes Tuch, wurde von einem Lüftchen dorthin gestupst, wo früher ihr Dorf gewesen war. Die Flipflops hatte sie abgestreift und sich auf den Kopf gelegt; behutsam setzte sie ihre Schritte, störte den getrockneten Schlamm mit ihren bloßen Füßen auf. Mit geschlossenen Augen nahm sie den süßen Duft der Kaffeeblüte wahr, den der Wind gelegentlich übers Land fächelte - eine Frische, die über den Wald hinaus ihren Weg in die Nasen weit entfernter Reisender fand. Ein derartiger Wohlgeruch verhieß einen Ort der Rast, an dem man seinen Durst stillen und, falls man sich verlaufen hatte, nach dem Weg fragen konnte. An diesem Tag brachte der Duft sie jedoch zum Weinen, aus einem leisen Wimmern wurde das Schluchzen zu einem Schrei nach der Vergangenheit. Ein Schrei, ein Lied fast, der den Verlust betrauerte. Sie wiegte sich zu dieser Melodie; das Echo ihrer Stimme brachte ihren Körper zum Beben, erfüllte erst sie und dann den Wald. Meile um Meile wehklagte sie, riss an Sträuchern, so fest es ihre Kräfte erlaubten, und ließ die Zweige fallen.

Schließlich erreichte sie das stille Dorf, kein Hahnenschrei begrüßte sie, keine Stimmen ins Spiel vertiefter Kinder, kein Hammerschlag des Schmieds, der rotglühendes Eisen zu Werkzeug formte, kein aus Feuerstellen emporsteigender Rauch. Selbst ohne diese Zeichen einer scheinbar lang vergangenen Zeit war sie so glücklich über ihre Rückkehr, dass sie zu ihrem Haus rannte; für ihr Alter gewannen ihre Beine erstaunlich an Kraft. Dort brach sie in Tränen aus und jäh verstummte das Lied der Vergangenheit in ihrem Mund. Vor einiger Zeit war das Haus angezündet worden, rußgeschwärzt reckten sich die verbliebenen Pfeiler in die Luft. Tränen füllten ihre dunkelbraunen Augen und rollten langsam über ihr schmales Gesicht, bis die hohen Wangenknochen nass waren. Sie weinte, um das Geschehene anzunehmen und mit ihren zu Boden fallenden Tränen die Geister der Toten herbeizurufen. Sie weinte, weil sie sieben Jahre lang dazu nicht fähig gewesen war, denn um die Jahre zu überleben, in denen die Waffen den Ältesten die Worte aus dem Mund raubten, musste mit allem Vertrauten gebrochen werden. Auf dem Weg nach Hause war sie an vielen Städten und Dörfern vorbeigekommen, deren Anblick dem ähnelte, was sie jetzt vor sich sah. Eine der Städte war besonders gespenstisch gewesen - links und rechts der Hauptstraße waren menschliche Schädel aufgereiht. Jedes Mal, wenn der Wind aufkam, schüttelte er die Schädel, ließ sie langsam kreisen, so dass es schien, als würden die leeren Augenhöhlen die Vorbeihastenden anstarren. Trotzdem hatte sie den Gedanken verbannt, auch ihr Dorf könnte niedergebrannt sein. Nur so ließ sich die Hoffnung a

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