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Das Mädchen aus der Severinstraße Roman von Wieners, Annette (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.09.2019
  • Verlag: Blanvalet
eBook (ePUB)
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Das Mädchen aus der Severinstraße

Ein Roman über eine große Liebe und ein lebendiges Stück deutsche Zeitgeschichte Als Sabine Schubert nach dem Tod des Großvaters ihrer Großmutter Maria hilft, das Haus aufzuräumen, kommen unter dem großen, schweren Teppich im Wohnzimmer alte Geldscheine zum Vorschein. Im Keller finden die Frauen Gold und begreifen, dass der Großvater vor langer Zeit ein Vermögen versteckt haben muss. Nur warum? Maria beschleicht eine Ahnung und sie gerät völlig außer sich. Sabine wird klar, dass in der Familiengeschichte erschreckende Lücken aufklaffen. Hat der Großvater in der angesehenen Kölner Metallgussfirma wirklich nur Spielzeug hergestellt? Auch die Großmutter scheint aus ihrer Zeit als berühmtes Fotomodell Einiges zu verschweigen. Damals, Ende der 1930er-Jahre, hieß sie Mary Mer und lernte den jüdischen Fotografen Noah kennen, den sie bis zum heutigen Tag nicht vergessen hat ... Annette Wieners wurde in Paderborn geboren und schreibt bereits Geschichten, seit sie einen Stift halten kann. Nach dem Studium der Publizistik, Germanistik und Ethnologie in Münster arbeitete sie als Journalistin bei Fernseh- und Radiosendern in München und Hannover. In den 1990ern zog sie nach Köln, wo sie auch heute lebt, schreibt und im WDR zu hören ist. "Das Mädchen aus der Severinstraße" ist ihr erster Roman bei Blanvalet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 480
    Erscheinungsdatum: 23.09.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641231828
    Verlag: Blanvalet
    Größe: 2732 kBytes
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Das Mädchen aus der Severinstraße

1

Sie war nicht zum ersten Mal heimlich unterwegs, den Mantelkragen hochgeschlagen, den Hut tief über die hellen Haare gezogen. Aber heute saß sie in der Reichsbahn und verließ sogar Köln. Gleich nach dem Frühstück, kaum dass der Vater die Armbanduhr aufgezogen und die Stufen zum Kontor betreten hatte, war sie zum Bahnhof gelaufen. Nicht ohne nachzudenken: Sie war mit den polierten Schuhen über jede Pfütze gesprungen und hatte das Billett fest in der Hand gehalten. Aber erst als sie im Abteil saß und der Schaffner sie ansprach, konnte sie hochsehen. Sie reichte ihm den Fahrschein, er war feucht und weich.

Bestimmt würde der Vater denken, sie sei spazieren gegangen, aber später würde er sich Sorgen machen. Maria Reimer, schlank und groß wie Sankt Petrus Canisius, zog die Aufmerksamkeit auf sich, wie er fand, und Aufmerksamkeit war heikel, war unwägbar und gefährlich, vor allem, seitdem die Wehrmacht in Köln eingerückt war.

"Rede nicht mit ihnen, auch wenn sie dich dazu auffordern", sagte der Vater neuerdings, und wenn sie dann fragte: "Warum denn nicht? Wir haben nichts zu verbergen", erwiderte er, der langweilige, der wohl Deutscheste unter den Deutschen: "Trotzdem."

Als ob sie so dumm wäre. Und als ob sie überhaupt auf die Idee käme, mit Soldaten zu reden, die sich von der gesamten Stadt feiern ließen, ohne dass klar wurde, wofür.

Nein. Sie, Maria, siebzehn Jahre alt, wusste selbst, was gut für sie war.

Abends zum Beispiel, wenn der Vater zu seinem Debattierclub aufbrach, blieb sie nicht auf der Chaiselongue liegen, sondern schlich aus der Wohnung, die Gassen hinunter zum Rhein. Solange das Tageslicht ausreichte, konnte sie den Frauen, die am Ufer flanierten, ins Gesicht sehen. Das Rouge wurde seit Neuestem bis dicht unter die Augen gezogen, und die Brauen zupfte man sich vollständig aus, um sie mit einem Stift in einer feinen Linie nachzuzeichnen. Hohe, aufgemalte Bögen, darauf musste man erst einmal kommen!

Außerdem hatte sie viele Stunden damit zugebracht, das richtige Gehen zu lernen. Sie hatte an der Ecke gestanden und beobachtet. Die eine Frau wirkte elegant, wenn sie den Steg der Rheindampfer betrat, die andere schwankte wie ein Gaul. Wie kam das? Wie konnte Maria es selbst erreichen, besser zu gehen? Sie hatte einiges ausprobiert, und der Vater wusste gar nicht, wie bedeutend das war. Anstrengend auch und ernsthaft, und auf jeden Fall wichtig für die Zukunft, mit der Maria ihn noch überraschen würde, egal ob er versuchte, sie abzuschotten.

Im Grunde tat der Vater genau das, was er der Schuldirektorin vorgeworfen hatte. Er nutzte seine Macht aus, wollte über Maria bestimmen und am liebsten noch ihre Gedanken dirigieren. Dabei hatte er ihr persönlich beigebracht, sich solchen Versuchen zu widersetzen.

Die Schuldirektorin hatte neue Lehrpläne bekommen, von ganz oben, und dass die Mädchen plötzlich kochen und bügeln sollten, war schlicht idiotisch gewesen. Maria wuchs ohne Mutter auf, bei ihr zu Hause war die Haushaltsführung ein Beruf, den die kluge, freundliche Dorothea ausübte, weil sie nämlich Geld dafür bekam. Zum Glück hatte sich der Vater in diesem Punkt gegen die Schule und auf Marias Seite gestellt: "Du musst den Unterricht nicht länger besuchen als nötig." Aber seither legte er die Hände in den Schoß. Er hatte keine Pläne mehr für Maria und erlaubte ihr auch nicht, selbst etwas zu planen. Seit Monaten, ja, seit dem Ende der Schulzeit, fand der Vater es ausreichend, wenn sie unbeschadet durch den Tag kam. Als ob das Nichtstun auf Dauer nicht ebenfalls Schaden anrichten könnte!

Der Eisenbahnwaggon ratterte über die Schienen, die Sitze vibrierten, die Türen klapperten erbärmlich. Der Herbst zog durch die Ritzen, das Fenster war nass. In Schleiern wehte Nieselregen über die Felder nördlich von Köln. Hecken und Bäume schwammen vorbei. Für einen Moment schien ein Bussard die Reichsbahn verfolgen zu wollen, er segelte mit, dann s

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