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Das Mädchen im Strom Roman von Bode, Sabine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.03.2017
  • Verlag: Klett-Cotta
eBook (ePUB)

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Das Mädchen im Strom

Sie ist das hübscheste, frechste und mutigste Mädchen an den Stränden des Rheins - und sie ist Jüdin. Die Geschichte der Gudrun Samuel ist die Geschichte einer ganzen Generation junger Frauen, die die Naziherrschaft und der Krieg zur Flucht gezwungen haben. Ein beeindruckendes und mitreißendes Zeugnis einer Epoche. Als Mädchen ist sie im Rhein hinter den Kohleschleppern hergeschwommen. Sie hatte den jungen Männern in Mainz die Köpfe verdreht. Doch als die Nazis an die Macht kommen und die junge Jüdin Gudrun Samuel sich entscheidet, mit gefälschten Papieren Deutschland zu verlassen, wird sie gefasst und kommt in Gestapo-Haft. Ihr gelingt die Flucht, aber sie ist nun nicht mehr das Mainzer Mädchen Gudrun, sondern die Flüchtende Judy: in der transsibirischen Eisenbahn und im Judenghetto von Shanghai. Sie überlebt den Krieg, doch die Odyssee geht weiter. "Das Mädchen im Strom" ist ein ergreifender Roman über das einzigartige Schicksal einer Frau im 20. Jahrhundert. "Bei meinem Wunsch, die Geschichte Gudrun Samuels weiter zu erforschen, trieb mich vor allem folgende Frage an: Wie bewahrte sie ihre Selbstachtung, obwohl sie so lange der Willkür anderer ausgeliefert war?" Sabine Bode

Sabine Bode, Jahrgang 1947, begann als Redakteurin beim "Kölner Stadt-Anzeiger". Seit 1978 arbeitet sie freiberuflich als Journalistin und Buchautorin und lebt in Köln. Sie ist eine renommierte Expertin auf dem Gebiet seelischer Kriegsfolgen. Ihre Sachbücher "Die vergessene Generation", "Kriegsenkel", "Nachkriegskinder" und "Kriegsspuren" sind Bestseller und wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 348
    Erscheinungsdatum: 11.03.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783608100839
    Verlag: Klett-Cotta
    Größe: 2729 kBytes
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Das Mädchen im Strom

GUDRUN

1 Als Gudrun noch sehr klein war, hatte sie den Hüten ihrer Mutter Namen gegeben. Sie hießen Liesel, Marga oder Ivo und konnten viel bewirken. Liesel sorgte bei Mama für gute Laune, Marga gab ihr etwas Verträumtes und Ivo machte sie unnachgiebig. Doch im Lauf der Jahre verloren die Hüte ihren Einfluss auf Mutters Stimmung. Etwas jedoch blieb. Nie ließ sie es sich entgehen, wenn Mama sich zum Ausgehen zurechtmachte, und so kam es, dass ein elfjähriges Mädchen mit dunklem Pagenkopf seine Turnübungen auf dem Hotelbett unterbrach. In ihrer Schulklasse gehörte Gudrun Samuel zu den Besten in Turnen, ihr Lieblingsfach, sie war besonders gut in Akrobatik und wollte im Zirkus auftreten. Gudrun war ein dickes Kind mit runden Armen und Doppelkinn und dabei so gelenkig wie jedes kleine Mädchen, das sich immerfort bewegt und Stillsitzen hasst.

Helene Samuel zögerte nie bei der Wahl ihrer Garderobe. Das war ein Ritual voller Ruhe und Selbstgewissheit: die prüfenden Blicke in den Spiegel, das Geradeziehen der Strumpfnähte, das Hantieren mit Kamm und Puderdose und der Duft, Mamas Duft, den sie nach ihrem Abschiedskuss zurückließ. Sie war eine schmale, hochgewachsene Frau mit dunklem Teint und geschwungenen Augenbrauen. Manchmal sagte der Vater: Meine persische Königin, darf ich bitten? Dann reichte er ihr den Arm und sie verließen die Wohnung, um in die Oper zu gehen.

Aber an diesem Vormittag in Zürich war alles anders. Unruhig ging Helene vor dem Spiegel auf und ab, probierte den schwarzen Hut aus, dann den grauen, griff wieder zum ersten, seufzte laut. So hatte Gudrun ihre Mutter noch nie erlebt. Aufgeregt wie ein Huhn, Lippenstift auf den Zähnen.

Mama? Geht es dir nicht gut, Mama?

Helene reagierte nicht. Stattdessen ging sie zum Gepäck, das neben der Zimmertür zur Abreise bereitstand, und öffnete eine dritte Hutschachtel. Sie enthielt ein dunkelgrünes Samtgebilde, flach und steif, in der Form eines übergroßen Baretts, das schräg zu tragen war und auffällig über den Kopf hinausragte. Wenn die Mutter es aufsetzte, hatte sie Ähnlichkeit mit der Reiterin auf dem Ölgemälde in Vaters Arbeitszimmer, einer edlen Dame, die einem Fuchs hinterherjagte. Diesmal nicht. Mama sah furchtbar unglücklich aus. Sie ließ die Schultern hängen. Was war nur los? Das Mädchen erhob sich vom Bett, und als es seine Mutter von der Seite ansah, machte es eine Entdeckung: Sie war plötzlich dick geworden. Das Kleid spannte über einer unförmigen Taille. Das konnte nicht sein. Gudrun sah genauer hin. Doch, so war es.

Was es bedeutete, war ihr bekannt, so ungefähr jedenfalls. Eine Elfjährige hat ihre Augen und Ohren überall. Wenn sie auf dem Schulhof mit den älteren Mädchen zusammenstand, sprachen die häufig darüber, was Mann und Frau im Bett miteinander machten. Es hatte mit Kinderkriegen zu tun, so viel stand fest. Dann bekam die Frau einen dicken Bauch.

Zwei Stunden später befanden sich Mutter und Tochter auf der Heimfahrt, nachdem ein Hotelboy Koffer und Hutschachteln in einem überheizten Zugabteil verstaut hatte. Es roch nach Dampf und Zigarrenrauch. Jedes Mal, wenn die Eisenbahn hielt, wünschte sich Gudrun, es möge noch ein anderer Erwachsener mit Kind dazukommen, vergeblich. Bevor sie zu der kurzen Reise in die Schweiz aufgebrochen waren, hatte Mama ihr einen Besuch im Züricher Zoo versprochen, aber dazu war es wegen Dauerregen nicht gekommen. Nun hatte sie ihr ein Buch hingelegt und gesagt, darin gehe es um eine Leni oder Lilli, die Geschichte sei gewiss eine schöne Abwechslung. Doch Gudrun reichte schon der Buchdeckel: Ein Mädchen steif wie eine Puppe war darauf zu sehen, es trug eine Schürze mit Rosenmuster und eine riesige Schleife im blondgelockten Haar. Bücherlesen passte nicht zu ihr, wie Gudrun fand. Das taten nur Kinder, die blass und unsportlich waren oder die niemand in der Klasse mochte.

Helene war eingenickt, selbst im Schlaf noch aufrecht, die Hä

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