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Das tibetische Zimmer Roman von Olvedi, Ulli (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.09.2012
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Das tibetische Zimmer

Hochbegabt, hochsensibel, medial - und für die Welt nicht zu gebrauchen. So stellt sich die junge Charlie dar, als sie zufällig in ein tibetisches Kloster im Himalaja gerät. Dort stürzt sie in einen Prozess tief greifender Wandlung, heraus aus ihrer inneren Einsamkeit und Selbstentfremdung, um endlich in Freundschaft mit sich selbst leben zu können. Ulli Olvedi, geboren 1942, ist Autorin zahlreicher spiritueller Bestseller, Wissenschaftsjournalistin, Begründerin und Lehrerin der "Meditativen Energiearbeit" und profunde Kennerin des tibetischen Buddhismus.Die Vorsitzende des Vereins "Tashi Delek. Gesellschaft zur Förderung der tibetisch-buddhistischen Kultur im Exil"ist auchMitbegründerin der "Akademie PANTA RHEI für einen neuen Umgang mit Sterben, Tod und Trauer".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 17.09.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492955744
    Verlag: Piper
    Größe: 2355 kBytes
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Das tibetische Zimmer

Willst du wissen, wer du warst, schau, wer du bist. Willst du wissen, wer du sein wirst, schau, was du tust. Padmasambhava 1 Irgendwo unterhalb des offenen Fensters kreischte ein Papagei. Ein durchdringend lauter Ton. Hungrig? Wütend? Gelangweilt? Der Schrei verriet nichts. Er war einfach nur laut. Erster Gedanke: Papagei. Achte beim Aufwachen auf den ersten Gedanken, hatte Yongdu gesagt. So viel guter Rat. Während der langen, holperigen Fahrt aus dem Kathmandutal hinaus und durch die Vorberge des Himalaya zum Kloster hatte er vom klösterlichen Leben berichtet. Nicht zu viel schlafen, sechs Stunden sind genug. Morgens und abends Texte rezitieren, dazu Niederwerfungen, mindestens einundzwanzig. Alles langsam und achtsam tun. Er hatte gut reden, so ein Mönch kannte seit seiner Kindheit nichts anderes. Der Papagei kreischte in unregelmäßigen Abständen. Sehr unordentlich. Nicht klosterfest. Charlie war bereit, sich Mühe zu geben. Auf dem Weg des Buddha muss man seinen Geist kennenlernen, hatte Yongdu erklärt. Das ist sehr wichtig. Man muss neugierig sein, Forscher sein, muss sich selbst auf die Schliche kommen. Ohne diese Grundlage entwickelt man sich nicht weiter. Oh ja, hatte Charlie gesagt, neugierig bin ich. Bis jetzt fand das niemand gut. Dass sie irgendwann nicht mehr gewagt hatte, ihre Neugier zu zeigen, war ihr nie in den Sinn gekommen. Morgens bewusst aufwachen, war Yongdus Anweisung. Nicht einfach so in den Tag hineinstolpern. Was war vor dem ersten Gedanken gewesen? Ein Wissen von Wachheit. Aber kein Wissen von Ich, kein Wissen von Inhalt. Ein anderes Wissen als das jetzige, nachträgliche Wissen. Darüber würde sie noch nachdenken müssen, später. Auch darüber, dass es vor dem Papageigedanken noch einen anderen gegeben hatte, einen ganz feinen, zarten, feiner und zarter als alle Gedanken, die sie kannte. Nur ein Flackern. Sie hatte ihn nicht rechtzeitig einfangen können. Vielleicht würde sie ihn wiederfinden. Der offene Rucksack stand mitten im Zimmer, die Kleider lagen verstreut, hingeworfen im Taumel der Müdigkeit. Nie wieder reisen. Warum hatte sie sich darauf eingelassen? Sie mochte keine Abenteuer. Die Bilder der vergangenen Wochen fielen durcheinander. Die Suche nach ihrem Vater. Der Ashram in Goa. Das unberührbare Gesicht des Mannes, der ihr Vater war, vierundzwanzig vaterlose Jahre lang. Morgenland. Abgrundfremd hatte sie sich gefühlt zwischen den feingliedrigen Frauen und Männern Indiens, archaisch und würdevoll in ihren bunten Tüchern. Erschreckt war sie gewesen von den Bettlern und zu Tränen gerührt von den knochigen heiligen Kühen, die so fragil und abwesend waren dank der Gewohnheit des Hungerns. Die kleine, dicke Frau neben ihr im wild geschüttelten Flugzeug von Delhi nach Kathmandu hatte sich angstvoll an ihre Hand geklammert. Charlie wunderte sich über sich selbst. Sie kannte Angst so gut. Doch Indien schien alle Ängste erstickt zu haben. Unter dem Ansturm von Farben, Gerüchen, Klängen und der Schärfe der Masalas, im Sog unverhüllter, gefräßiger Blicke war ihre allgegenwärtige Panik zu einem Grundton geworden, den sie kaum mehr wahrnahm. Draußen vor dem Fenster fiel die Klosterwand ab in die Tiefe und ging nahtlos in einen dicht bewachsenen Steilhang über. Baumspitzen ragten durch den kühlen Morgendunst herauf. Dort unten, schemenhaft, lag das Dorf mit der Bushaltestelle, am Fuß des langen Schotterwegs und grob gemauerter Treppenstufen, dem einzigen Zugang zum Kloster. Jeder Schritt ein Angriff auf Charlies reisemüde Beine. Nur noch ein kleines Stückchen, hatte Yongdu sie am vorigen Abend angefeuert, gleich haben wir es geschafft. Wie selbstverständlich hatte er ihren Rucksack auf den seinen geladen. Und jede einzelne Stufe hatte er mit der Taschenlampe für sie angeleuchtet. Der Papagei kreischte durchdringend. Vom Tempelbereich des Klosters wehten die wohlklingenden Stimmen der Mönche herüber. Ein Gesang mit seltsamen Tonfolgen, nicht unmelodisch, doch überra

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