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Das verborgene Wort Roman von Hahn, Ulla (eBook)

  • Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
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Das verborgene Wort

Der Traum vom Erwachsenwerden und die Suche nach der Freiheit Die junge Hilla Palm ist voller Neugier und Lebenswille. Doch sie sieht sich in den Lebensgewohnheiten einer katholischen Arbeiterfamilie in einer rheinischen Dorfgemeinde gefangen und stößt an die Grenzen einer Welt, in der Sprache und Phantasie nichts gelten. Fast zerbricht sie an der Verständnislosigkeit der Eltern, die sie in den eigenen Anschauungen festhalten wollen. Im Deutschland der Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre sucht das Mädchen seinen Weg in die Freiheit: die Freiheit des verborgenen Worts. Ein mitreißender Entwicklungsroman, ein unübertroffenes Sittengemälde der Fünfzigerjahre, ein großes sprachphantastisches Epos. Ulla Hahn, aufgewachsen im Rheinland, arbeitete nach ihrer Germanistik-Promotion als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten, anschließend als Literaturredakteurin bei Radio Bremen. Schon ihr erster Lyrikband, 'Herz über Kopf' (1981), war ein großer Leser- und Kritikererfolg. Ihr lyrisches Werk wurde u. a. mit dem Leonce-und-Lena-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis ausgezeichnet. Für ihren Roman 'Das verborgene Wort' (2001) erhielt sie den ersten Deutschen Bücherpreis. 2009 folgte der Bestseller 'Aufbruch', der zweite Teil des Epos, und auch Teil drei, 'Spiel der Zeit' (2014), begeisterte Kritiker wie Leser. 'Wir werden erwartet' (2017) bildet den Abschluss ihres autobiografischen Romanzyklus um das Arbeiterkind Hilla Palm.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 608
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641135249
    Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
    Serie: Penguin Taschenbuch 10540
    Größe: 1970 kBytes
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Das verborgene Wort

Drei Tage lang wurde das Madonnenwasser von uns bebetet und bekreuzigt. Dann setzten wir alles auf eine Karte. Das ganze heilige Wasser auf einmal schüttete ich dem Großvater ins Glas für seine Tabletten.

Der Großvater schluckte die Tabletten hinunter, nippte an dem Glas und verzog das Gesicht.

Opa, trink aus, bettelte ich.

Trink, Opa, echote der Bruder.

Nä, Kenger, dat schmeck nit. Dat schmeck jo wie ahle Schoh. Un de Tablette sin jo och ald em Mage.

Opa, du muß dat drenke.

Jo, Opa drenk.

Die Großmutter trat dazwischen.

Wat quäls de dann dä Opa met dem Wasser? Jank, un hol em e Jläsje Appelsaff.

Die Großmutter griff das Wasserglas vom Nachttisch und goß es im hohen Bogen aus dem Fenster in den Rhabarber.

Oma, schrie ich, dat Wasser.

Dat Wasser, schrie der Bruder.

Wat es dann jitz ald widder los, fauchte sie. Wat soll et dann sons sin wie Wasser. Joht spille. Sunne Kokolores, un dat bei nem Kummelejonskenk! 44

Das ganze Jahr über ließ ich den Rhabarber nicht aus den Augen; er gedieh wie immer in überwältigenden Mengen. Pihls Resi schwor weiterhin auf ihr Muttergottesfläschchen. Am besten, sagte sie, wirke es mit einem Eßlöffel Klosterfrau Melissengeist oder einem Klaren.

Ich aber war untröstlich. Hatte das Wasser nicht gewirkt, weil ich es gestohlen hatte? War es von Sünde im Keim vergiftet wie wir Menschen? Hatte ich dem Großvater am Ende Erbsündewasser zu trinken gegeben? Konnte heiliges Wasser durch eine böse Tat in teuflische Brühe verwandelt werden? Hatte ich den Großvater am Ende dem Tod in die Klauen getrieben?

Ich beichtete ihm unter Tränen. In seinen matt gewordenen, wie von einem hauchdünnen Milchhäutchen überzogenen Augen, blitzte es wie in alten Tagen, als er meine Hand in seine nahm, die dünn und weich geworden war.

Heldejaad, sagte er, denk doch ens an dat Fritzje. Mansche Minsche sin wies, angere schwaz. Mansche jesonk, angere krank. Dä leeve Jott wees, wat he det. Un sterve müsse mer all. Esch jlöv, dä leeve Jott well mesch bal em Himmel han.

Gut und schön. Aber warum so umständlich? Herrn Tröster hatte ein Ast erschlagen, Tante Margret im Krieg eine Bombe getroffen, Fräulein Höhnchen war eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.

Aber das hier? Diese Schmerzen, dieser Geruch, als verwese der Großvater bei lebendigem Leib?

Warum der Großvater so sehr leiden müsse, fragte ich im nächsten Kommunionunterricht und ließ mir gesagt sein, daß Jesus die Leidenden brauche, wie sonst könnte er barmherzig sein.

Aufstehen, hieß es, wenn Lehrer Mohren das Klassenzimmer betrat. Guten Morgen, Kinder. Guten Morgen, Herr Lehrer. Wir übten, bis wir wie aus einem Munde antworten konnten. Schlugen das Kreuzzeichen, vierundfünfzig rechte Arme wie von unsichtbaren Fäden gezogen, und sprachen: "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen." Setzen, sagte der Lehrer. Zu spät kommen, flüstern, mit den Füßen scharren, seufzen, gähnen, aus dem Fenster glotzen, herumfummeln, selbst husten und niesen waren mit Eckestehen oder einer Ohrfeige auf der Stelle gesühnt. Schwere Strafen für schwere Verbrechen wie vergessene oder fehlerhafte Hausarbeiten, Widerworte, Patzigkeiten, Lügen wurden erst kurz vor Schluß der Schulstunde verabreicht, bei besonders schlimmen Vergehen, bis zum Ende des Unterrichts aufgeschoben. Die Angst vor der ausstehenden Züchtigung und die Ächtung der Mitschüler, die den Missetäter mieden wie einen Pestkranken, ware

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