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Das zweite Leben des Señor Castro Roman von Sierra i Fabra, Jordi (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.12.2018
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
6,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Ab 21.12.2018 per Download lieferbar

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Das zweite Leben des Señor Castro

Spanien 1977. Nach dem Ende der Diktatur ist für Rogelio Castro die Zeit gekommen, in sein Heimatdorf zurückzukehren. Das Bemerkenswerte daran: Er gilt seit 41 Jahren als tot, erschossen bei einem Massaker während des Bürgerkriegs. Das ganze Dorf rätselt, was Rogelio im Schilde führt. Will er sich an den Tätern von 1936 rächen? Oder herausfinden, was damals wirklich passiert ist? Eine Vorstellung, die vielen Dorfbewohnern missfällt. Nicht ohne Grund wird der Bürgerkrieg seit Jahrzehnten totgeschwiegen.

Jordi Sierra i Fabra, geboren 1947 in Barcelona, hat im Alter von acht Jahren mit dem Schreiben begonnen und mit zwölf beschlossen, es zum Beruf zu machen. Inzwischen ist er der meistveröffentlichte spanische Autor der Gegenwart. Für sein literarisches Schaffen wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Premio Nacional für Kinder- und Jugendliteratur und dem Premio Iberoamericano für sein Gesamtwerk.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 432
    Erscheinungsdatum: 21.12.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732561254
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Originaltitel: El beso azul
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Das zweite Leben des Señor Castro

6

Blanca brannte vor Neugier. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, bestürmte sie ihre Cousine auch schon mit Fragen.

"Was ist denn los, Virtu?"

"Nichts, reg dich nicht auf."

"Was heißt hier, reg dich nicht auf? Meine Güte, wenn nichts wäre, hättest du mich doch nicht um diese Zeit hierher bestellt."

"Jetzt setz dich doch erst mal, ich bin sowieso schon so nervös."

"Ach ja? Und was glaubst du, wie es mir geht? Und zu allem Überfluss noch meine Mutter, die keine Ruhe gibt und mir Löcher in den Bauch fragt."

"Willst du dich nicht setzen?"

Blanca seufzte matt.

"Beruhige dich. Tu mir den Gefallen."

Blanca setzte sich. "Du hast Krebs." Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

"Nein. Immer diese Schwarzseherei!"

"Was dann?"

"Blanca." Virtudes setzte sich ihr gegenüber und fasste ihre Hände. "Es geht um etwas, das ich dir vor zwanzig Jahren verschwiegen habe, das ist alles, und jetzt ..."

"Vor zwanzig Jahren?" Sie riss die Augen auf.

"Ja."

"Hat es mit den monatlichen Ausflügen nach Madrid zu tun, die du partout immer allein machen willst?"

"Ja."

"Du hast einen verheirateten Liebhaber."

Virtudes hätte schallend gelacht, wäre die Angelegenheit nicht so ernst gewesen. Blanca und ihre Hirngespinste. Blanca und ihr unruhiger Geist. Blanca, gestraft mit einer Mutter, der sie manchmal allzu ähnlich war.

"Ich bin neunundfünfzig!", rief sie ihr in Erinnerung.

"Denk an die Genara."

Romualda hatte dasselbe gesagt, als sie vom Bahnhof gekommen war.

Die eine wie die andere.

Sie wollte Blanca nicht länger auf die Folter spannen, sie musste reden. Sie drückte noch einmal ihre Hände, und dann sagte sie geradeheraus:

"Rogelio lebt."

Blanca verschlug es die Sprache.

Das Schweigen hüllte sie ein wie eine unsichtbare, schützende Decke.

"Hast du gehört, was ich gesagt habe?", fragte sie, da ihre Cousine keine Regung zeigte.

"Rogelio ist in den Bergen begraben, mit deinem Vater und deinem Bruder Carlos, Virtu."

"Er ist nicht tot."

"Er wurde 36 erschossen."

"Er konnte fliehen."

Blanca runzelte die Stirn. Es war, wie wenn man versuchte, noch ein weiteres Kleidungsstück in einen übervollen Koffer zu quetschen.

"Ist alles in Ordnung mit dir, Virtu?"

"Er konnte fliehen", wiederholte sie und betonte dabei jede einzelne Silbe. "Er liegt nicht in dem Massengrab."

"Aber ... wie das?"

"Rogelio hat unseren Vater gestützt, der sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Carlos konnte ihm nicht helfen, weil er beide Arme gebrochen hatte ..."

"Woher weißt du das?"

"Lässt du mich vielleicht mal ausreden? Ich erzähle es dir doch gerade."

Blancas Mund öffnete sich und schloss sich wieder. Sie schluckte die Worte herunter.

"Wie gesagt, Roglio hat Vater gestützt. Das Erschießungskommando postierte sich vor ihnen. Es war stockfinster. Schüsse hallten, und sie fielen nach hinten in die Grube wie ein Knäuel aus Menschen. Doch Rogelio wurde nicht durch einen Schuss niedergestreckt, sondern von Vater mit in die Grube gerissen. Dort stellte er fest, dass er nicht mal einen Kratzer hatte."

"Meine Güte, sie haben sie alle getötet und das Grab zugeschüttet."

"Nicht sofort", erklärte Virtudes ruhig, um Blancas, aber auch um ihrer selbst willen. Sie sprach das alles zum ersten Mal laut aus, nachdem sie es so oft in dem Brief von damals gelesen hatte. "Die Soldaten haben erst mal eine geraucht, und dann hat einer von ihnen das Grab zugeschaufelt. Es war mucksmäuschenstill, also sahen sie keine Notwendigkeit, noch mal zum Gewehr zu greifen. Wenn einer überlebt hatte, würde er lebendig begraben. Aber als das Grab zugeschüttet wurde, war Rogelio schon fort. Er war aus der Grube gekrochen und hatte sich hinter dem erstbesten Baum versteckt.

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