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Der Fernsehgast oder Wie ich lernte die Welt zu sehen Roman von Oesterle, Kurt (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.08.2014
  • Verlag: Klöpfer & Meyer Verlag
eBook (ePUB)
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Der Fernsehgast oder Wie ich lernte die Welt zu sehen

Ausgezeichnet mit dem Berthold-Auerbach-Preis 2002, von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats gewählt - und über mehrere Monate auf der SWR-Bestenliste stehend. Eine Art Heimat- und Dorfroman, die etwas andere "Beschreibung eines Dorfes' um 1960: Ein Junge im Alter von acht, neun Jahren erlebt den Einbruch des Fernsehens in die fast noch archaische, ganz bäuerlich-handwerkliche Welt seines Fleckens. 1955 in Oberrot geboren, studierte Literatur, Geschichte und Philosophie in Tübingen, Dr. phil. Seit 1988 freier Autor und Journalist, insbesondere für die Süddeutsche Zeitung, die FAZ, die taz, das Schwäbische Tagblatt, aber auch für Zeitschriften wie die "Allmende' oder "Rowohlts Literaturmagazin'. Essays, Monographien über Wolfgang Koeppen und Peter Weiss. Ausgezeichnet mit dem Theodor-Wolff-Preis sowie dem Ludwig-Uhland-Förderpreis. Zahlreiche Essays, Monographien über Wolfgang Koeppen und Peter Weiss.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 190
    Erscheinungsdatum: 25.08.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783863512279
    Verlag: Klöpfer & Meyer Verlag
    Größe: 923 kBytes
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Der Fernsehgast oder Wie ich lernte die Welt zu sehen

Erstes Kapitel

Meine Eltern glaubten, ich ginge zum Sportplatz. Doch ich schlug einen anderen Weg ein, sobald ich außer Sichtweite war. Ich wollte meinen Film sehen, eine Fliegergeschichte in Fortsetzung, von der ich noch keine Folge ausgelassen hatte. Das Fernsehen war mir verboten, wenn auch ohne Strafandrohung – das Fernsehen war die Strafe selbst. Anfangs schade es nur den Augen, sagten meine Eltern. Wer dann aber immer noch nicht von ihm lasse, dem hitze es allmählich die Seele auf, um schließlich Löcher hineinzubrennen, blitzblaue, am Rand gezackte, nicht wieder zu stopfende Löcher. Das Fernsehverbot galt an allen Tagen der Woche. Meine Eltern hatten einen derartigen Überschuß an Einwänden gegen das Fernsehen, daß sie ihr Verbot jeden Tag neu begründen konnten. Und sonntags fiel ihnen zu den sechs vorangegangenen Gründen sogar noch ein siebter ein, nämlich daß unsere Nachbarn schon an den Werktagen genug unter mir zu leiden hätten und einen Ruhetag bräuchten.

"Plag doch die Leute nicht so!", rief mein Vater.

"Hausierer", sagte leis meine Mutter, die meistens besser traf.

Durch ihr Wort sah ich mich wie durch ein umgekehrtes Fernglas winzig und zappelnd in eine Fremde versetzt. Ich dachte an den dicken Mann, der uns alle paar Wochen Salatöl und Seife brachte, schnaufend, als wäre dies sein letzter Gang; ich dachte an die Wurzelbürsten der Blindenmission, die meine Mutter an der Haustür kaufte, um meinem Vater und mir, viel länger als es uns wohltat, den Rücken damit zu schrubben; und mir fiel auch die alte Zigeunerin ein, die hin und wieder durchs Dorf kam und Knöpfe feilbot, indem sie zur Härteprobe mit der Faust darauf hieb oder forderte, daß wir uns mit den Zähnen daran versuchten.

"Mit die Kneppe seid's unverletzlich", sagte die Alte, so als wisse sie genau, woran es uns fehle.

Nein, ich war kein Hausierer, sondern der Fernsehgast, und wer den Fernsehgast schmähte, der schmähte die neue Zeit.

Außer dem Fernseher hatte die neue Zeit den Mähdrescher, die Melkmaschine und den Kühlschrank ins Dorf gebracht. Auch ein Zahnarzt betrieb neuerdings seine Praxis bei uns, und aus immer mehr Häusern klingelte inzwischen ein Telefon. Auf dem Friedhof wurde gegenwärtig eine Leichenhalle mit raketenspitzem Dach errichtet. Auch franste unser Dorf allmählich aus, und überall an den Rändern wuchsen ihm Neubaugebiete; alte Gebietsnamen wie Horschel, Schlatt und Krumme Länder verschwanden und gingen in dem geräumigen Wort "Bauerwartungsland" auf. Nur ein Bahnanschluß fehlte uns noch, auf ihn warteten wir schon seit über hundert Jahren. Doch immerhin, erst kürzlich war unser Tal zum Tieffluggebiet erklärt worden, in dem Düsenjäger mit silbrigen Haifischbäuchen und schwarzen Spinnenkreuzen der Erde so nahe kommen durften, daß man den Piloten zuwinken konnte, falls man nicht beide Hände benötigte, um sich die Ohren zuzuhalten. Auch immer mehr Abkürzungen drangen zu uns herein und besetzten die Köpfe, "Edeka", "DKW", "LF 8". Zur neuen Zeit gehörte im großen und ganzen alles, was wir, meine Eltern, meine Großeltern und ich, nicht besaßen und was wir so bald auch nicht besitzen würden. Die neue Zeit freilich nannte kein Mensch die neue Zeit. Sie war namenlos und unbenennbar, so neu war sie. Doch schon hatte sie sich überall eingenistet, schon war sie in die hintersten Ecken und Ritzen gekrochen und nicht mehr zu vertreiben. Mir teilte sie sich selbst von ihren geheimsten

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