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Der getreue Kleist von Schreckenbach, Paul (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 23.11.2015
  • Verlag: Reese Verlag
eBook (ePUB)
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Der getreue Kleist

Ein historischer und ein Entwicklungsroman zugleich, das Heldenleben Ewald von Kleists (1715-1759) umfassend. Mit seltener Kunst der Einfühlung in jene Zeit und in das Innenleben des Dichters lässt Schreckenbach vor uns ein trotz einzelner dichterischer Zutaten festgefügtes und stets wohlbegründetes Bild der Zeit des großen Friedrich entstehen, in dem neben diesem selbst Persönlichkeiten wie Prinz Heinrich von Preußen, Gotthold Ephraim Lessing und Johann Wilhelm Ludwig Gleim besonders gut gezeichnet sind. Das Tragische in Kleists Leben, von Paul Schreckenbach kunstvoll verwertet und gestaltet, macht dieses Lebensschicksal besonders fesselnd. An historischen und kulturhistorischen bietet der Roman manches Interessante: wir erhalten einen Einblick in die sächsische Spionage Brühls in Berlin, wir erleben die Schlacht bei Kunersdorf, in der Kleist tödlich verwundet wird, wir wohnen dem Treiben der Jesuiten in Deutsch-Krone bei und sehen, wie sie den Jugendunterricht in den Lyzeen zur Belehrung der Protestanten benutzen, und wir werden am Anfang des Romans Zeuge, wie König Friedrich Wilhelm in Kleists Heimatdorf persönlich den letzten Äußerungen des Hexenaberglaubens mit dem Stocke zu Leibe geht.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 255
    Erscheinungsdatum: 23.11.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783959800044
    Verlag: Reese Verlag
    Größe: 523 kBytes
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Der getreue Kleist

I

Der Candidatus Theologiä Martin Garbrecht saß in seinem Informatorstüblein und schrieb in sein Tagebuch. Es war ein kleiner, aber unförmlich dicker Band, der vor ihm lag, verschließbar und für gewöhnlich auch streng verschlossen gehalten. Denn seinen verschwiegenen Blättern pflegte der junge Gottesmann alles anzuvertrauen, was er erlebte, dachte und empfand, das Buch durfte als ein getreues Spiegelbild seiner Seele gelten. Kein Wunder daher, daß er es vor profanen Blicken aufs sorgfältigste verbarg.

Jetzt war er fertig und legte mit einem leichten Seufzer die Feder aus der Hand. Er bog sich in seinem roh gezimmerten Lehnstuhle so weit zurück, daß er mit dem Hinterkopfe fast das Fenster in seinem Rücken berührte, hob das Buch hoch empor und begann, die letzten Strahlen der Abendsonne auf diese Weise auffangend, halblaut vor sich hin zu lesen: "Schloß Zeblin, den 30. Junius 1724. Ein dies ater liegt hinter uns. Selten werden die gesegneten Fluren Zeblins und Curows solch ein Malheur erfahren haben. In der neunten Stunde des Vormittags schob sich eine effroyable schwarze Wolkenwand von Köslin heran, und ein Hagelwetter prasselte hernieder, erschröcklich zu sehen und ebenso erschröcklich zu hören, wohl fünf Minuten lang. Die Weibsen lagen auf den Knien und schrien, daß Gott sich erbarmen wolle, und mein Herr von Kleist stand weiß wie eine Wand mit zusammengebissenen Zähnen da. Es ist für ihn ein rechtes Kreuz, daß die schöne Ernte verhagelt ist, sintemalen seine Umstände, wie ich immer mehr sehe, ohnehin nicht die besten sind. Er ist zwar Erb-, Lehns- und Gerichtsherr auf sechs adeligen Gütern in unserem Pommernlande, aber -"

Der Kandidat brach plötzlich ab, klappte das Buch zusammen und ließ es blitzschnell in einer Schublade verschwinden. Eilige Kinderfüße kamen die knarrende Stiege emporgestürmt, die Tür flog auf, und ehe der Kandidat den Schlüssel umdrehen konnte, stand ein etwa zehnjähriger Knabe im Zimmer. Man hätte ihn, der barfuß ging und ein vielfach geflicktes Wams anhatte, für einen Bauernjungen halten können, aber die feinen Züge und die großen blitzenden Augen deuteten darauf hin, daß nicht das Blut unterworfener wendischer Knechte in seinen Adern floß. Die wegen der Störung etwas unmutige Miene des Kandidaten entwölkte sich bei seinem Anblick sogleich, und ein Zug väterlichen Wohlwollens erschien in seinem jugendlichen, gewöhnlich etwas strengen Gesichte. Von den Kindern des Herrn Joachim Ewald von Kleist, die er zu erziehen hatte, war dieser Knabe ihm bei weitem der liebste. Denn er war nicht nur geweckt im Unterricht, er hatte sich auch seinem Präzeptor mit einer Zutraulichkeit angeschlossen, die eigentlich gar nicht in seinem ziemlich scheuen Wesen lag.

Darum trat der Kandidat mit freundlichem Lächeln auf ihn zu, faßte ihn scherzhaft beim Ohre und fragte in mild verweisendem Tone: "Junker Ewald, Junker Ewald, wann wirst du lernen manierlich anzuklopfen und ohne Gepolter in die Stube einzutreten? - Aber was ist denn los, mein Jung?" unterbrach er sich, denn er sah die Augen seines Zöglings mit einem so angstvollen Ausdrucke auf sich gerichtet, daß ihm der Gedanke durch den Kopf fuhr, es müsse ein Unglück geschehen sein. "Herrgott, was ist denn?" wiederholte er, als Ewald sich mit einem Male an seinen Arm klammerte und zu schluchzen anfing. "Ach, Herr Garbrecht", stieß der Knabe hervor, "nicht wahr, es ist eine Lüge, daß die Daniela eine - eine Hexe ist?"

Der Kandidat trat betroffen einen Schritt zurück, und seine kleine zierliche Gestalt reckte sich. "Wer, sagst du? Die Schulmeistersche? Wer hat das gesagt?"

"Die Bauern sind unten beim Vater, ihrer drei aus Curow. Sie sagen, sie hätte das Wetter gemacht und dem Schulzen seine Ochsen hätte sie auch verhext."

"Selbst Ochsen!" rief der junge Mann und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. "Allmächtiger, wann endlich wird der scheußliche Wahn aufhören in diesem Lande! - Was

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